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    Berlin

    Junge Federn: Askese in Corona-Zeiten

    Wie man dem Leben abseits von Gebeten und Ritualen im Familienkreis eine Form verleihen kann, die dem Auftrag der Evangelien entspricht.

    Coronavirus - Schweiz
    Schweiz, Neuenburg: Abt Vincent Marville filmt seinen Gottesdienst in der Basilika Mariä Himmelfahrt mit einem Smartphon... Foto: Laurent Gillieron (KEYSTONE)

    Mir fällt es in diesen Tagen ohne geregelte Möglichkeit zum Empfang der Sakramente schwer, mein religiöses Leben aufrechtzuerhalten. Da ist eine fast bedrohliche Leere, die trotz der Livestream-Angebote nicht verschwinden will. „Ohne den Sonntag können wir nicht leben“ – dieser Ausspruch der Märtyrer von Abitene weist uns eindringlich auf die im Moment ausbleibende leibliche Gegenwart Christi hin, die unserem Leben sonst seine Form gibt. Wie aber sollen wir sonst dem Leben abseits von Gebeten und Ritualen im Familienkreis eine Form verleihen, die dem Auftrag der Evangelien entspricht?

    Ein Abstieg zu den apostolischen Vätern

    Wagen wir einen Abstieg zu den apostolischen Vätern. Blutiger Verfolgung durch die römischen Kaiser ausgesetzt, sprachen diese Geistlichen den ihnen anvertrauten Brüdern und Schwestern Mut zu und empfahlen ihnen eine spezifische Lebensform. So spricht Clemens von Rom in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth von einem alle Gläubigen heimsuchenden „Agon,“ einem Wettstreit, der – wie Ignatius von Antiochien in seinem Brief an die Philadelphier ergänzend feststellt – durch die „argen Ränke und Nachstellungen des Fürsten dieser Welt,“ des Teufels, gekennzeichnet sei. Nur derjenige, der ein „Athlet Gottes“ werde, sich beständig übe, forme und damit Askese betreibe, könne – wie Ignatius dem Bischof Polykarp von Smyrna rät – diesen existenziellen Wettstreit für sich entscheiden. Als Beispiel für die heilsame Kraft der Askese beschwört Clemens in besagtem Brief das alttestamentliche Fasten der Ester, die ihr Volk durch Nahrungsverzicht und „Verdemütigung“ vor der drohenden Vernichtung gerettet habe (cf. Ester 4,16).

    Wettstreit um das Heil nicht unterbrochen

    Was können uns diese Sätze heute sagen? Sicherlich ist unsere augenblickliche Situation nur bedingt mit vergangenen oder gegenwärtigen Drangsalen zu vergleichen. Es drohen nicht unmittelbar Martyrium, Vernichtung oder völliger Verlust unserer Hingabe. Aber vielleicht können uns die Väter daran erinnern, dass der Wettstreit um das Heil, unser Kampf mit dem „Fürsten dieser Welt“ nicht unterbrochen ist. Vielleicht ist es gerade der Alltag, in dem wir diesen Wettstreit suchen können. Wir selbst sind angehalten, unserem Leben eine Form zu geben; Techniken zu entdecken, die diese Auseinandersetzung entscheiden können. Gerade die heutzutage häufig belächelte Askese kann uns – wie das Beispiel der standhaften Ester zeigt – ein wertvoller Bestandteil dieser Einübung in den Glauben, dieser „Athletik Gottes“ werden, die uns eine Zeit „sine dominico“ doch mit der Anwesenheit Gottes füllen lässt.

    Der Autor, 27, studiert Philosophie in Berlin

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