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    die frage

    Aus christlicher Sicht spricht natürlich nichts gegen die fachgerechte medizinische Versorgung mithilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die einer konkreten Zeit zur Verfügung stehen. Das gilt für alle Krankheiten, sowohl für die körperlichen als auch für die psychischen – die übrigens in der Zwischenzeit nicht mehr „Krankheiten“, sondern lieber „Störungen“ genannt werden. Für die psychischen Störungen stehen zwei wesentliche Therapiegruppen zur Verfügung: Pharmakotherapie und Psychotherapie.

    Die Leserfrage beantwortet Raphael M. Bonelli, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Facharzt ... Foto: Jerko Malinar

    Aus christlicher Sicht spricht natürlich nichts gegen die fachgerechte medizinische Versorgung mithilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die einer konkreten Zeit zur Verfügung stehen. Das gilt für alle Krankheiten, sowohl für die körperlichen als auch für die psychischen – die übrigens in der Zwischenzeit nicht mehr „Krankheiten“, sondern lieber „Störungen“ genannt werden. Für die psychischen Störungen stehen zwei wesentliche Therapiegruppen zur Verfügung: Pharmakotherapie und Psychotherapie.

    Beide Therapieformen sind aus christlicher Sicht gut und hilfreich. Auch religiöse Menschen sind nicht hundertprozentig vor psychischen Problemen geschützt. Besonders die endogenen Psychosen wie die Schizophrenie und die endogene Depression treten unabhängig von der Lebensführung auf, da sie mehr eine genetische Erblast sind. Ein gesundes religiöses Leben stellt zwar einen gewissen Schutz dar, aber nicht im Sinne einer Garantie. Dann ist vom religiösen Menschen – wie von allen anderen Patienten auch – die Demut verlangt, die in letzten Jahrzehnten entwickelten modernen Psychopharmaka zu sich zu nehmen.

    Auch die Psychotherapie ist für den religiösen Menschen bei vielen Indikationen hilfreich, insbesondere bei den Angst- und Zwangsstörungen. Allerdings ist nicht jede Psychotherapieform und jeder Psychotherapeut für religiöse Patienten geeignet. Das dürfte eigentlich nicht sein, da der Therapeut seine Weltanschauung bei seiner Therapie hintanstellen muss. Aber in der Praxis ist das leider nicht immer gewährleistet. Schon Sigmund Freud, der Begründer der Psychotherapie, hat gegen diese Regel verstoßen, indem er irrigerweise Religion als Krankheit (als „kollektive Zwangsneurose“) missinterpretiert hat.

    Heute wissen wir Psychiater aus vielen wissenschaftlichen Studien sehr genau, dass Religion und Selbsttranszendenz dem Menschen guttut. Der moderne Seelenarzt und Psychotherapeut versteht die Religiosität seines Klienten als Ressource und Stütze und nicht mehr als Blockade. Leider sind nicht alle Kollegen ausreichend mit der modernen Forschung vertraut, sodass sich noch immer mancherorts diese alte, glaubensfeindliche Weltanschauung einschleichen kann.

    In einer modernen Psychotherapie gibt es also nur eine Weltanschauung: die des Patienten. Wenn dieser religiös ist, dann werden die Religion und ihre Folgerungen wie etwa die Unauflöslichkeit der Ehe, die Sexualmoral, der Respekt vor dem Leben vom modernen Therapeuten respektvoll akzeptiert und keinesfalls krankgeredet. Wenn ein Therapeut seine eigene Weltanschauung einfließen lässt und den Patienten antireligiös zu manipulieren versucht – was leider immer wieder vorkommt – dann begeht er einen ärztlichen Kunstfehler und verstößt gegen den Ethikkodex der Psychotherapeuten. Zusammengefasst: Solange die Psychotherapie ihr Handwerk versteht, ihre Kompetenz nicht überschreitet und ihre Arbeit nicht mit Ideologie – wie Esoterik oder Religionsfeindlichkeit – vermischt, ist sie aus christlicher Sicht zu empfehlen.