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    Paderborn

    Exercitium: Bewahren oder erneuern?

    Die Inhalte des Glaubens müssen in Sprache und Denken der Zeit übersetzt werden. Doch wer entscheidet über die Gültigkeit einer Interpretation? Josef Piepers Antwort klingt anstößig für heutige Ohren.

    Josef Pieper, deutscher christlicher Philosoph
    Josef Piepers Antwort zum Inhalt des Glaubens klingt anstößig für heutige Ohren. Foto: dpa

    Bewahren oder Erneuern? Derzeit ist viel von Erneuerung die Rede, innerhalb wie außerhalb der Kirche, oft genug im Sinn eines entweder – oder. Dabei kann Erneuerung sehr Verschiedenes bedeuten. Die Spannweite reicht von der längst fälligen Ablösung des Althergebrachten durch das Zeitgemäße bis hin zur Bewahrung von Bewahrenswertem durch Erneuerung. Die Frage, ob Erneuerung notwendig und sinnvoll ist, kann darum nicht unabhängig von der Vorfrage beantwortet werden, was eigentlich einer Erneuerung bedarf und in welchem Sinn.

    Josef Pieper hat sich zeitlebens mit diesen Fragen befasst. Neben vielen kleineren Beiträgen sind vor allem zwei grundlegende Schriften zu nennen: „Überlieferung. Begriff und Anspruch“ (1970) und „Was heißt Interpretation?“ (1979). Das Grundproblem wird schon deutlich in den frühen „Bemerkungen über die Missionssituation der Kirche in Deutschland“ (1935). Darin stellt Pieper nüchtern fest, „dass die lehrende Kirche heute große Teile des Volkes nicht erreicht, weil sie eine Sprache spricht, die jenen Volksteilen faktisch nicht verständlich ist“. Die Gegenwärtig-Haltung „christlicher Wahrheit“ geschieht dabei immer durch Interpretation und Übersetzung in Sprache und Denken der jeweiligen Zeit. Interpretation bedeutet Erneuerung des Zugangs zur Wahrheit ohne Veränderung ihres Gehalts.

    Die Kirche als maßgebliche Autorität

    Doch wer entscheidet über die Gültigkeit einer Interpretation? – Gibt es einen „endgültig legitimierten Interpreten“ des überlieferten Glaubens der Kirche, und wer wäre das: eine Mehrheit von theologischen Experten, eine synodale Versammlung von Laien und Bischöfen? Und was ist der Maßstab zur Beurteilung angemessener Interpretation: die Konformität zur wissenschaftlichen Bibelauslegung, zu kirchlichen und gesellschaftlichen „Erwartungen“? Piepers Antwort klingt anstößig, ist aber gut begründet: Weder die Wissenschaft noch die Theologie als solche, sondern allein die „große Theologie“ und die „als sie selber sprechende Kirche“ kommen hier in Betracht. Theologie ist zu allen Zeiten dann „groß“ gewesen, wenn sie bei einem Höchstmaß an Vernunfteinsicht den Boden der lehrenden Kirche nicht verlassen hat. Maßgeblich für einen klärenden Disput heute sind darum weder der „Geist des Konzils“ noch der Verweis auf die  „Zeichen der Zeit“, sondern nur die Konzilsdokumente selbst in Verbindung mit dem, was die Kirche immer schon „als ecclesia orans durch ihr kultisch-sakramentliches Tun und Leben selber sagt“. „Im Heute glauben“ kann nur heißen, den Glauben so weiterzugeben, dass der Wahrheitskern bei der Übersetzung in Sprache und Denken unserer Zeit unverändert derselbe bleibt.

    "Wenn der Glaube etwas Empfangenes ist,
    dann ist auch die Weitergabe des Glaubens nur denkbar
    als „Weitergabe von etwas Empfangenem, damit es wiederum
    empfangen und weitergegeben werde“.
    Die Identität ist hier das Entscheidende ... "

    Doch warum ist Wahrung der Identität so wichtig? Sie wäre es nicht, wenn es sich dabei um „eine Weitergabe von ,Errungenschaften‘ handeln würde, die sich als etwas Selbsterworbenes im Laufe der Geschichte angesammelt haben könnten“. Wenn der Glaube etwas Empfangenes ist, dann ist auch die Weitergabe des Glaubens nur denkbar als „Weitergabe von etwas Empfangenem, damit es wiederum empfangen und weitergegeben werde“. Die Identität ist hier das Entscheidende, weil nicht wir selbst, sondern Gottes Wort in Jesus Christus die alleinige Quelle des Glaubens ist, und weil dieser heilsnotwendige Glaube alle künftigen Generationen nur dann erreichen kann, wenn er unverfälscht durch die Zeit hindurch derselbe bleibt. Heilige Überlieferung hat es von Ursprung und Inhalt her mit göttlicher und nicht mit menschlicher Wahrheit zu tun. Und zu Schaden kommen kann nicht allein, wer „das Hinzulernen versäumt“ und „den Anschluss verpasst“, sondern auch, wer „etwas Unentbehrliches vergisst und verliert“.

    Wenn das Überlieferte wirklich gültig und unentbehrlich ist, dann kann es hier die Alternative „bewahren oder erneuern“ sinnvollerweise nicht geben. Notwendig und angemessen ist beides zugleich: bewahren und erneuern.

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