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    Paderborn

    Credo: Was heißt „sakral“? 

    Das Sakrale steht heute vielfach unter Machtverdacht. Josef Pieper erklärt, warum wir sakramentale Zeichen brauchen und es keine rein innerliche Gottesbeziehung geben kann. 

    Abendmahl
    Für den Philosophen Josef Pieper gehört zu einer heiligen Handlung wie der Liturgie auch ein sakraler Raum – dieser Ansp... Foto: dpa

    Was heißt „sakral“ und weshalb ist die liturgische Feier der Sakramente unverzichtbar? Unmittelbar nach dem Konzil wurden diese Fragen vor allem „sakralitätskritisch“ diskutiert. Im Christentum könne es nach dem Ende des jüdischen Tempelkults nichts Sakrales mehr geben, weil durch Christus, den alleinigen Priester, alle Wirklichkeit endgültig mit Gott verbunden und geheiligt sei. Heute ist dieser theologische Diskurs weithin vergessen und durch einen kirchenpolitischen Machtdiskurs ersetzt. Alles Sakrale wird, auch durch Amtsträger selbst, medienwirksam unter klerikalen Machtverdacht gestellt. Zeit und Grund genug, an die „notgedrungenen Klärungsversuche“ Josef Piepers zu erinnern, die unter dem Titel „Die Anwesenheit des Heiligen“ (2017) wieder neu vorliegen. Seine „Einsprüche eines Laien“ sind in der Absicht geschrieben, für Klarheit zu sorgen und dem Missbrauch des Konzils Grenzen zu setzen. Die wichtigsten Themen seien hier genannt: „Sakralität und ,Entsakralisierung‘“ (1969), „Zur Sprache der Liturgie“ (1970), „Was ist eine Kirche?“ (1971), „Was unterscheidet den Priester?“ (1971) und „Nicht Worte, sondern Realität: Das Sakrament des Brotes“ (1974).

    Entsakralisierung

    Piepers zentraler philosophischer Einwand gegen die programmatische „Entsakralisierung“ kirchlicher Lebensvollzüge ist anthropologisch begründet: „Wer nicht realisiert, dass der Mensch ein Wesen ist, in welchem es nichts ,rein Geistiges‘ gibt, aber auch nichts ,rein Körperliches‘, der ist höchst erwartbarerweise außerstande, jenes Gefüge von sichtbaren und sinnlich fassbaren Formen, das wir heilige Handlung nennen, überhaupt zu würdigen und sinngemäß zu vollziehen.“ Der Vorrang „reiner Innerlichkeit“ der Gottesbeziehung ohne sakramentalen Einbezug des Leibes ist so die Folge einer anthropologischen Häresie. Wenn die Menschwerdung Gottes nicht mit der Rückkehr des Sohnes zum Vater beendet war, dann sind sakramentale Zeichen und Handlungen eine höchst angemessene Vergegenwärtigung seiner Inkarnation. Auch liegt, entgegen dem Vorwurf einer politisch denkenden Theologie, in der Anerkennung des Sakralen und seiner Unterscheidung vom Profanen keinerlei Abwertung, weder der Welt noch des Menschen selbst. Das Hiesige, der vom Konzil angemahnte Weltberuf des Christen, wird nicht abgewertet. „Wir sind weder aufgefordert, es zu ignorieren, noch es zu vergessen; aber wir sollen es durchschreiten und übersteigen.“ 

    Das Herz erheben

    Hingegen ist das Konzept einer bloß „weltlichen Welt, ohne die Möglichkeit, das Hier und Jetzt der jeweils geschichtlichen Aktualität immer wieder einmal zu überschreiten in den größeren, uns gleichfalls in Wahrheit zugedachten Daseinsraum hinein“ von beschämender Dürftigkeit. Der wahrhaft humane Daseinsraum ist weiter und nicht auf das bloß Menschliche der hiesigen Existenz beschränkt. Gesang und Gebet, die Grundweisen liturgischer Sprache, führen über diese Welt hinaus. Sie bilden nichts ab von dem, was schon ist. Ihr Sinn liegt darin, das menschliche Herz zu erheben und in Berührung zu bringen mit Gott, der im Sakrament des Brotes wirklich und nicht bloß zeichenhaft anwesend ist. „Natürlich ist, zugegeben, schon die bloße Vorstellung ,Sakrament‘ etwas schlechthin Ungeheuerliches; und man kann niemandem zureden wollen, sie zu akzeptieren.“ Auch pastorale Umdeutungsversuche ins Gemeindetaugliche sind da fehl am Platz. „Worüber absolut Klarheit herrschen sollte, ist dies: Wäre die heilige Handlung, vor allem die christliche Eucharistiefeier, nicht in solchem Sinne Sakrament, das heißt, fände in ihrem Vollzuge die besondere, ausnahmehafte Präsenz des Göttlichen nicht wirklich statt – dann wäre in der Tat die ganze Rede vom Sakralen im Grunde gegenstandslos, und all seine Erscheinungsformen, an erster Stelle die liturgisch-kultische, wären nichts weiter als ein möglicherweise respektables, aus ästhetischen Gründen vielleicht erhaltenswertes Stück frommer Folklore ohne standhaltende Realität, das dem härteren Zugriff der fortschreitenden Geschichte mit Recht zum Opfer fallen wird.“ 

     


    Die Reihe zu Josef Pieper wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt. 

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