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    Paderborn

    CREDO: Was heißt kritisch sein?

    Die Grenzen des kritischen Bewusstseins werden heute so eng gezogen, dass nicht einmal der Beter den Sperrkreis durchbrechen soll: die letzte Folge zur Bedeutung von Josef Piepers Denken heute.

    Letzte Folge zur Bedeutung von Josef Piepers Denken heute
    Was heißt kritisch sein? Foto: dpa

    Was heißt „kritisch sein“? Seit Kant „unser Zeitalter“ als das „eigentliche Zeitalter der Kritik“ ausgerufen hat, bedeutet „kritisch sein“ so viel wie, in kritischer Selbstbewusstheit Distanz zu wahren und sich nichts vormachen zu lassen. Jeder soll teilhaben können an der aufgeklärten Vernunft, welche Religion, Moral und Recht einer „freien und öffentlichen Prüfung“ unterwirft. Die Idealisierung des öffentlichen Diskurses wird zur normativen Quelle des Vernünftigen, und der Kritik standhalten wird nur das, was einer Zeit als selbstverständlich und „vernünftig“ erscheint.

    Demgegenüber ist mit Josef Pieper daran zu erinnern, dass es zwei legitime Weisen gibt, kritisch zu sein. Die eine besteht in der Sorge, „nichts Ungeprüftes ,durchzulassen‘“, wobei „einem hier zunächst der wissenschaftlich Forschende in den Sinn kommt“. Der anderen gleichfalls kritischen Einstellung geht es darum, „nur ja nichts ,auszulassen‘ und zu versäumen vom Totum der Welt“, worauf „es dem Philosophierenden wie auch dem Glaubenden ankommt“. Zu diesem Ganzen gehört für den Glaubenden alles, „was uns in der offenbarenden Rede Gottes zugedacht und zugesprochen ist“.

    Langeweile in einer selbstverfertigten Welt

    Die einseitige Festlegung des kritischen Bewusstseins auf das Nachzuprüfende und zeitgemäß Vernünftige führt jedoch immer tiefer hinein in eine selbstverfertigte Welt, deren langweilende Geschlossenheit eines letzten Sinnhorizonts bedarf und durch eschatologische Erregung erträglich gemacht werden muss. Eine solche Einstellung wird vieles „auslassen“ und beseitigen wollen von dem, was im Denken und Handeln bislang noch „unkritisch“ übernommen wurde. „Nicht einmal der Betende soll den Sperrkreis der geschlossenen Menschenwelt ,vertikal‘ durchstoßen können.“ Schon vor über zweihundert Jahren hatte Kant darüber aufgeklärt, dass Gebet und Gottesdienst mit „voller Aufrichtigkeit“ nur so zu verrichten seien, „als ob sie im Dienste Gottes geschehen“, während das Gebet – verstanden als Anbetungsakt – einen Menschen „vor der Hand in den Verdacht [bringe], dass er eine kleine Anwandlung von Wahnsinn habe“. („Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“).

    "Wer selber nicht liebt, kann nicht wissen, was Liebe ist,
    und wer selber nicht glaubt, kann nicht wissen,
    was der Glaube in uns bewirkt."

    In dieser Situation kommt es am meisten darauf an, ob der Verkündiger des Glaubens wirklich glaubt, was er glaubt, obwohl er es gleichfalls nicht „kritisch“ weiß. Wer selber nicht liebt, kann nicht wissen, was Liebe ist, und wer selber nicht glaubt, kann nicht wissen, was der Glaube in uns bewirkt. Um hierüber urteilen und andere überzeugen zu können, muss einer zuerst wirklich lieben, und er muss zuerst wirklich glauben. Nur von einer hörbereiten Vernunft geht der ansteckende Realismus aus, der unverzichtbar ist in einer Welt, die im Vertrauen auf die Wissenschaft und das politisch Machbare entschlossen ist, sich nichts vormachen lassen.

    Gerade in dieser Welt ist es notwendig, nicht auszuweichen in ein religiöses Vokabular, worin der Redende zu erkennen gibt, dass ihm dessen Realitätsgehalt selber zweifelhaft ist. Wird „der einzig widerständige Kern“ des christlichen Glaubens, die „wirkliche Anwesenheit Gottes unter den Menschen nicht beim Namen genannt“, dann wird die theologische Rede von Gott zur „realitätslosen Metapher“. Theologie und Verkündigung geraten weiter ins Abseits, und alle Versuche einer Anpassung des Glaubens an das zeitgemäß für vernünftig Gehaltene werden das Übel noch verschlimmern. Was die aufgeklärte Selbstkritik der Vernunft vom Glauben übrig lässt, wird niemanden mehr, der ernsthaft sucht, interessieren können, genauso wenig wie eine Philosophie, die im Glauben an die Autonomie der Vernunft der Frage nach dem Sinnganzen der Wirklichkeit, nach dem Woher und dem Wohin des Menschen, aus dem Weg zu gehen sucht.

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