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    Exercitium: Eine einfache Geschichte

    Dass der Papst ein „schwarzes Schaf“ lobt, muss einen Grund haben. Von Lorenz Jäger

    Das gibt es auch noch: Einfach mal eine schöne Nachricht, wenn man im Netz nach dem Papst sucht. Keine vatikanischen Intrigen, kein Schelten noch Gescholten-Werden, kein Durchstechen von Interna, keine unaussprechlichen Dinge in Internaten. Papst Franziskus hat, so melden es verschiedene Agenturen in diesen Tagen, den Filmregisseur Martin Scorsese, Jahrgang 1942, mit lobenden Worten gewürdigt. Dieser stammt aus einer italo-amerikanischen Familie in New York. Vielfach hat er seiner ethnischen und kulturellen Herkunft gehuldigt, auch ihren dunklen Seiten: kriminellen, gewalttätigen, mit der Härte, die dem New Yorker Charakter eigen ist. Italo-Amerikaner sind seine Lieblingsschauspieler wie Robert de Niro – unvergesslich in Scorseses „Taxi Driver“ –, ebenso die Banden in dem klassisch gewordenen Film „Gangs of New York“. Zu diesem ganz italienischen Milieu passt es, dass Scorsese Priester hatte werden wollen.

    In den achtziger Jahren drehte Scorsese „Die letzte Versuchung Christi“. Das war nun eine platte Häresie, sogar die platteste, die so recht in unsere Zeit gehört: Jesus, so die Fabel des Films, wird durch einen Engel in letzter Minute vorm Kreuzestod bewahrt. Er kommt zu Maria Magdalena. Mit ihr, die er immer begehrt habe, gründet er eine Familie, und nach ihrem Tod im Kindbett mit einer anderen Frau noch eine neue. Der Gottessohn wurde vitalistisch umgedeutet in einen echten Kraftkerl. Das aber war alles nur ein Traum, aus dem er am Ende erwacht und den Kreuzestod doch noch auf sich nimmt. Jesus werde „in seiner Menschlichkeit dargestellt“, so oder ähnlich lauteten die Ausflüchte, mit denen man auf die Proteste der Gläubigen damals antworten wollte.

    Es blieb nicht bei diesem einen Fall. Die Idee, Schlafzimmergeheimnisse begründeten die Mysterien, ist an sich unreif. Die etwas pubertäre Neugier auf Sexgeschichten hinter dem Neuen Testament, die angeblich von der Kirche unterdrückt werden, bestimmte auch den Film „Der Da Vinci Code – Sakrileg“ nach einem Spannungsroman des Erfolgsautors Dan Brown aus dem Jahr 2006. Wieder sind Jesus und Maria Magdalena ein Paar, sie haben eine Tochter. Und die Filmfigur Sophie Neveu, die mit dem von Tom Hanks gespielten amerikanischen Wissenschaftler zusammenarbeitet, ist die letzte leibliche Nachkommin von Jesus und Maria Magdalena. Die Auflösung ist folglich eine streng irdische, natürliche; der Himmel entpuppt sich als die Erde.

    Als Martin Scorsese älter wurde, kann ihm diese Lösung nicht mehr als Antwort auf seine Fragen eingeleuchtet haben. Er drehte einen Film über einen Jesuiten, der als Missionar in Japan tätig war und dort schwer gefoltert wurde. „Silence“ heißt er, den man Ende 2016 im Vatikan zeigte; Scorsese wurde vom Papst empfangen. Der Regisseur war als Knabe Schüler der Jesuiten gewesen, der Papst gehört dem Orden an, Jesuiten waren die Helden der Asien-Mission: Es passte. Und es gab gar keine Notwendigkeit mehr, im Leben dieses Märtyrers – oder Abtrünnigen? – nach anderen Geheimnissen zu suchen als dem der Glaubenskraft.

    Tatsächlich hatte nämlich im siebzehnten Jahrhundert ein Jesuitenprovinzial nach extremer Folter durch die Japaner abgeschworen. Aber nicht dies war die aktuelle Nachricht über das, was sich zwischen Franziskus und Scorsese ereignet hatte. Vorgestellt worden war das Buch „Sharing the wisdom of time/La saggezza del tempo“ – ein Buch des Generationendialogs, auch eines gegen die Altersdiskriminierung. Scorsese erzählt darin eine Geschichte aus seiner Jugend – wie er einmal fast aufgegeben hätte –, der Papst kommentiert sie.

    Es ist eine einfache Geschichte, jeder kann sie verstehen. Keine Notwendigkeit mehr, irgendwelche zusätzlichen Geheimnisse, Pseudo-Mysterien erst zu erfinden und dann aufzulösen. Für zwei oder drei Weisheiten ist das Leben, wie es ist, gerade reich genug.

    von Lorenz Jäger

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