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    Exercitium: Die gute Nachricht

    Fake-News, frei erfundene Reportagen und fragwürdiges Feuilleton: Es ist Zeit, sich den Gauklern sowie dem medial gesteuerten Kult um Emotionen zu entziehen und einmal über die Wahrheit nachzudenken. Von Lorenz Jäger

    Aus gegebenem Anlass greife ich zu einer französischen Biographie des Schriftstellers und Diplomaten François-René de Chateaubriand (1768–1848). Sie erschien 1982, verfasst von dem bekannten „Figaro“-Journalisten Jean d'Ormesson; ich hielt sie schon damals für Schund, nur heute soll sie mir einmal gute Dienste leisten. Nehmen wir eine beliebige Passage: „Niedergedrückt vom Alter, vom Leiden, vom Ruhm, trat der Vicomte de Chateaubriand, nachdem er die Pforte der Erdgeschosswohnung in der Rue de Bac geöffnet hatte, langsam ins Zimmer – unerschrocken, scharf, etwas griesgrämig und offenbar unsterblich –, wo Céleste ihn erwartete.“ Mit diesem Satz endet das dritte Kapitel.

    Der Verfasser erzählte das Leben seines Helden am Leitfaden der Liebesgeschichten, sechs Frauennamen geben dem Buch seine Struktur. Deswegen trägt es die von d'Ormesson erfundene Gattungsbezeichnung „Une biographie sentimentale“. Das hat mit Gefühlen zu tun, aber denken wir uns ruhig die deutsche, etwas kritischere Akzentuierung von „sentimental“ dazu: Dem Gefühl wird hier alles andere geopfert. Man sieht ja gleich, das ist ausgedacht – aber nicht schlecht ausgedacht, und gern möchte man sich Chateaubriand so vorstellen, wie er hier geschildert wird.

    Bis man dann merkt, dass solche Speise überzuckert ist, nein, noch nicht einmal mit echtem Zucker angereichert, sondern mit Süßstoff und Spray-Sahne, und so wird sie bald zum Ekel. Oder sind wir zu sehr daran gewöhnt, dass die Wirklichkeit uns nur arrangiert zugemutet wird, in Doku-Dramen oder in kunstvoll gedichteten Reality-Shows? Oder im Erziehungs-Journalismus?

    In den denkwürdigen Feuilleton-Debatten der vergangenen Wochen ging es um Fragen der Wahrheit. Da war der Spiegel-Reporter Claas Relotius, der seine Berichte so frisierte, dass das Erwartbare herauskam. In den Vereinigten Staaten besuchte er ein Städtchen, das mehrheitlich Trump gewählt hatte, und was er sich ausdachte, waren Rassisten und anderweitig in ihrem geistigen Horizont beschränkte Menschen. Der Schriftsteller Robert Menasse hatte sich – um seine Propaganda für eine Abschaffung der Nationalstaaten in einer neuen Europäische Union durch prominente Zeugen abzusichern – Belegstellen aus den Reden von Walter Hallstein ausgedacht, dem ersten Präsidenten der Europäischen Kommission. Preise über Preise dafür! Wie auch für Relotius, verliehen von Jurys, in denen unter anderem Claus Kleber und Carmen Miosga saßen.

    „Histoire sentimentale“ möchte man diese Textsorte im Anklang an d'Ormesson nennen. Die Fälschung muss dem Gefühl einer bestimmten Gruppe entgegenkommen, dann ist sie fast unschlagbar: Sie ist ja notwendig „besser“ als die Wirklichkeit. Und das ist der Grund, warum Fälschungen oft so spät und fast zufällig auffliegen: Sie sind von vornherein nach einem ideologischen Entwurf gefertigt und insofern glatter, widerstandsloser eingängig. Die Wirklichkeit dagegen hat eine unebene Oberfläche, ist auf Anhieb weniger eindeutig, macht Schwierigkeiten.

    Vor zwanzig Jahren beschäftigte mich ein ähnlicher Fall. Ein Mann, der sich Binjamin Wilkomirski nannte, hatte in dem Buch „Bruchstücke“ seine Kindheit in den NS-Konzentrationslagern Majdanek und Auschwitz komplett erfunden. Damals führte ich ein Telefongespräch mit Raul Hilberg, dem großen Erforscher der Vernichtungspolitik. Wie dachte er von dem Buch? Ein Roman . . . Und konnte er seine Ansicht begründen? Seine Antwort frappierte mich. Wilkomirski hatte von den glänzenden, fast kniehohen schwarzen Lederstiefeln der KZ-Aufseherinnen geschrieben, die sich ihm eingeprägt hatten. Hilberg sagte nur trocken: Ich weiß, aus welchem Film er das hat. Will sagen: In der Wirklichkeit waren die gedachten Stiefel für KZ-Scherginnen unerschwinglich. Hier mochte es also die fetischisierte, in der Phantasie sexualisierte Atmosphäre der KZs gewesen sein, die den Lesern einleuchtete.

    Man muss wieder über das Wesen der Wahrheit nachdenken: das ist die gute Nachricht der vergangenen Wochen.

    von Lorenz JÄger

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