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    Jerusalem

    Welche Folgen die Schulden für das Lateinische Patriarchat haben

    Landverkauf und Misswirtschaft des Lateinischen Patriarchats sorgen für Irritationen.

    Uni Madaba
    Die Universität Madaba gilt als Groschengrab des Lateinischen Patriarchats. Foto: Andrea Krogmann

    Land ist im Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern ein erbittert umkämpftes Gut. Während der Nahe Osten aufgrund der israelischen Annexionspläne wieder einmal zu sieden beginnt, ging nun eine Pressemitteilung des Lateinischen Patriarchat in Jerusalem wie eine Schockwelle durch die Reihen der katholischen Gläubigen in Israel, den palästinensischen Gebieten, Zypern und Jordanien.

    Seit Jahren entbrennt Zorn wegen Landverkäufen

    Wenige Tage zuvor waren in Fernsehberichten und Zeitungsartikeln, die weite Verbreitung in den Sozialen Netzwerken fanden, bekannt geworden, dass der Apostolische Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa OFM, dem Verkauf eines Grundstückes mitten in Nazareth zugestimmt habe. Seit Jahren entbrennt immer wieder der Zorn der einheimischen Christen gegen das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat wegen Landverkäufen zum Teil unter Wert und zum Teil an israelische Siedlerorganisationen. Nun wurden vergleichbare Vorwürfe gegen das Lateinische Patriarchat in Jerusalem erhoben. Die daraufhin gegebene Pressemitteilung wies solche Vorwürfe zurück, offenbarte jedoch zugleich die tiefe finanzielle Krise, die zum Verkauf eines Grundstückes inmitten einer muslimischen Nachbarschaft geführt hat und aufgrund der weitere Verkäufe folgen werden.

    „Wer weiß, was sie uns noch verheimlichen?“, „Wieso hat das Patriarchat den Verkauf nicht von Anfang an offen kommuniziert?“ Diese schockierten und misstrauischen Fragen wurden in den letzten Tagen von vielen Gläubigen gestellt. Der Verkauf selbst ist kein Skandal. Entsprechend dem aktuellen Marktwert wurde ein auf lange Sicht nicht nutzbares Grundstück an einen muslimischen Geschäftsmann verkauft, der darauf einen Wohnkomplex errichten wird. Doch eine am Anfang der Stellungnahme stehenden Zahl löste die eigentliche Schockwelle aus: „Es ist kein Geheimnis, dass das Lateinische Patriarchat von Jerusalem (LPJ) in den vergangenen Jahren ein riesiges Defizit von etwa hundert Millionen US-Dollar verzeichnete, weil es in der Vergangenheit operatives Missmanagement im Zusammenhang mit der American University of Madaba gegeben hat.“

    Der Traum einer katholischen Uni wurde zum Finanz-Desaster

    Als im Juni 2016 auf den vorherigen einheimischen Patriarchen Fouad Twal kein neuer Patriarch folgte, sondern aus Rom der ehemalige italienische Kustos des Heiligen Landes als Apostolischer Administrator eingesetzt wurde, war dies ein deutlicher, verordneter Einschnitt. Der Traum einer katholischen Universität in Jordanien, für die Papst Benedikt XVI. während seiner Pilgerreise im Jahr 2009 den Grundstein segnete, führte zu einem finanziellen Desaster.

    Ende des Jahres 2014 griff der Heilige Stuhl aufgrund der administrativen und finanziellen Probleme, die den Aufbau und die Gründung der akademischen Institution bis dato gekennzeichnet hatten, direkt in das Projekt ein und legte es in die Hände einer externen Kommission. An den aus dem Missmanagement entstandenen Folgen leidet das Lateinische Patriarchat bis heute und Erzbischof Pierbattista Pizzaballa wurde damals gezielt als Apostolischer Administrator eingesetzt, „um eine Lösung für diese Probleme zu finden“. Zwar schrieb Sami El-Yousef, der als erster Laie im Patriarchat seit 2017 als CEO für die Finanzen verantwortlich ist, im vergangenen Dezember am Anfang seiner Weihnachtsgrüße noch: „Das vergangene Jahr des Lateinischen Patriarchats war ein aufregendes Jahr, in dem wir auf dem Weg zu administrativer und finanzieller Stabilität ein Stück vorankommen.“ Doch weder das große finanzielle Engagement des Ritterordens vom Heiligen Grab noch Gelder anderer Spender vermochten die finanziell angespannte Situation bisher zu lösen.

    Nun wurde durch die Presseerklärung bekannt gegeben, dass die Krise allein durch Reformen nicht überwunden werden kann: „Mit der Anhäufung einer enormen Verschuldung wurde trotz der vielen Bemühungen zur Mittelbeschaffung klar, dass die einzig mögliche Lösung der Verkauf einiger Besitzungen ist.“
    Die besondere Dramatik zeigt sich auch daran, dass nun, gezwungen durch die zum Teil falsche, arabischsprachige Berichterstattung, direkt klargestellt wurde, dass es zu weiteren Verkäufen kommen wird, obwohl die Marktsituation momentan nicht optimal ist: „Mehrere Grundstücke in Jordanien werden ebenfalls in Erwägung gezogen, um die verbleibenden Schulden zu begleichen, und es wurden diesbezügliche Entscheidungen getroffen, auch wenn die wirtschaftlichen Bedingungen im Land nicht geeignet sind, da die Preise auf einem Mindestniveau liegen. In Jordanien gibt es ohnehin nicht genügend Besitzungen, um alle Schulden zu begleichen.“

    Schulden über 100 Millionen US-Dollar

    Nun, da durch die klare Benennung der Schuldensumme von hundert Millionen US-Dollar, die finanzielle Reichweite des Missmanagements im Falle der sich in katholischer Trägerschaft befindenden American University of Madaba deutlich geworden ist, fordern die einheimischen Gläubigen eine öffentliche Aufarbeitung der Umstände, die zu der Verschuldung geführt haben.

    Die Anfragen vieler hat der christlich-palästinensische Journalist Daoud Kuttab, der eine gewichtige Stimme in der palästinensischen Gesellschaft und unter den einheimischen Christen hat, in einer Reihe von Fragen zusammengefasst: „War dies einfach ein Missmanagement-Problem? Gab es administrative oder finanzielle Korruption? Wurde den Verantwortlichen Missmanagement oder Machtmissbrauch unterstellt? Wer sind diejenigen, die für dieses Problem verantwortlich sind? Wurden sie zur Rechenschaft gezogen? Wurden Schutzmaßnahmen getroffen, um sicherzustellen, dass diese Art von Problemen nicht wieder auftritt?“ Auf diese Fragen werden der ehemalige Patriarchat Fouad Twal und der Apostolische Administrator Erzbischof Pierbattista Pizzaballa nun öffentlich antworten müssen.

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