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    Rom

    Von Philipp Neri die Methode lernen

    Evangelisierung traditionellen Stils erreicht ihr Ziel. Der große Heilige wusste um die richtige Methode der Mission. Man kann von ihm lernen.

    Philipp-Neri-Schule in Toronto
    Das hätte dem humorvollen Heiligen sicher gefallen: An der Philipp-Neri-Schule in Toronto läuft der Unterricht mit einem... Foto: Imago

    Neuevangelisierung als bleibende Aufgabe der Kirche, das ist nicht eine Idee erst der Päpste Johannes Paul II., Benedikt und Franziskus, das gehört zum Erbe der Kirche. Am besten geht man bei den großen Gestalten des Glaubens in die Lehre, schaut, wie sie es gemacht haben. Es wird deutlich werden, dass bestimmte äußere Formen wechseln mögen, die Grundelemente missionarischen Tuns aber gleich bleiben. Als zweiter Apostel Roms, das zu seiner Zeit schon wieder eine Großstadt war, wird der heilige Philipp Neri angerufen, 1515 in Florenz geboren und vor 425 Jahren 1595 gestorben. Er, der kein Ordensgründer sein wollte, hat der Kirche dennoch das Oratorium als lose Weltpriester-Gemeinschaft hinterlassen, der er nur wenige Regeln, aber eine bestimmte Arbeitsweise vorgab.

    Die Stadt wieder katholisch machen

    Das Ziel war damals so aktuell wie heute: Die große Stadt wieder katholisch zu machen. Fernab von Strukturdebatten lohnt sich ein Blick auf die Vorgehensweise des „fröhlichen Heiligen“. Die Lebensbeschreibung Neris aus der Feder des um 1600 geborenen Oratorianers Paolo Aringhi sticht wegen ihrer Prägnanz und der Genauigkeit der Informationen zum Heiligen hervor. Alexander Wagensommer hat das vom bekannten Wiener Herausgeberduo Markus Dusek und Paul Bernhard Wodrazka besorgte Werk ansprechend übersetzt.

    Versucht man zu verdichten, was man die „Methode Neri“ nennen kann, fällt folgendes auf: Als der junge Philipp, voll guten Willens, aber noch unsicher, was er genau zur Ehre Gottes tun sollte, in die Ewige Stadt gekommen war, zog er sich zunächst in die Katakomben zurück, um in Ruhe nachdenken und meditieren zu können. Aringhi schreibt, „dass von ihm gesagt wurde, er lebe inmitten der Stadt Rom wie ein Einsiedler“. Vor der Betriebsamkeit, vor dem Apostolat ist offenkundig eine Phase der Standortbestimmung, ein geistiges Atemholen angebracht. Es wird aber auch in späteren Jahren von Neri gesagt, dass er es mitunter liebte, „sich vom Umgang mit Menschen ganz zurückzuziehen und das Schweigen zu pflegen“.

    Auf der Straße

    Wahrscheinlich ist eine solche Übung umso sinnvoller und angebrachter, je mehr die äußere Organisation und die Betriebsamkeit wächst. Das ist die eine Seite des Notwendigen. Seit dem Ende der 1530er Jahre aber war Philipp immer öfter in den Straßen der römischen Altstadt zu sehen, wo er, mit einem Lächeln im Gesicht und einem Scherz auf den Lippen, das Gespräch mit den Menschen suchte und ihnen in einfachen Worten vom Himmelreich erzählte. Aringhi schreibt: „Einer besonderen Eingebung Gottes folgend, pflegte er auch den Umgang mit unanständigen Menschen von sehr lockeren Sitten, und durch seine Liebenswürdigkeit gewann er viele von ihnen für den Herrn.“

    Daraus ist zu entnehmen – alle Quellen bestätigen es – dass Neri kein „Höllenprediger“ war, sondern Freundlichkeit und Humor einsetzte, aber vor allem, dass er zu den Menschen ging und nicht im Inneren der Kirche verblieb. Er erwartete nicht, dass die Menschen zu ihm kamen, sondern suchte sie auf und gerade auch die, die von anderen gemieden wurden. Heute würde man das eine „nachgehende Pastoral“ nennen.

    Die Sakramente

    Der nächste Schritt war, die davon entwöhnten Menschen wieder mit den Sakramenten, nämlich mit Beichte und Kommunion, vertraut zu machen. Aringhi: „Damit gehörten er und seine Mitbewohner von San Girolamo zu den Ersten in Rom, die die Praxis des regelmäßigen Empfangs der Beichte und der Kommunion wieder einführten.“

    Neri bestand auf der vorangehenden Beichte. Er selber war zum Beichthören quasi rund um die Uhr bereit und erwartete dies auch von anderen Priestern. Bis heute sind Oratorianer-Kirchen gesuchte Inseln der Beicht-Pastoral.

    Schulung

    Zwei weitere Elemente komplettierten Neris Vorstellung von zeitgemäßer Großstadt-Pastoral: Gruppenweise Besuche in den Krankenhäusern und Pilgerherbergen der Stadt, die Gelegenheit boten, die Glaubenspraxis im aktiven Tun zu bewähren, zugleich konnten die in der Pflege schon Erfahrenen die Jüngeren anleiten. Dazu trat schließlich ein intensives Schulungsprogramm am Sitz der Gruppe um den bald stadtbekannten Florentiner.

    Der Ort wechselte mehrfach, bis der 1575 formell errichteten Bruderschaft von Philipp Neri die als „Chiesa Nuova“ neugeplante Kirche S. Maria in Valicella zugewiesen wurde. Hier führte er mehrstündige, gestufte Treffen ein, die gemeinsames Bibelstudium ebenso wie geistliche Vorträge und Disputationen umfassten, aber auch musikalische Beiträge. In einem Raum neben der Kirche traf man sich dafür, dem sogenannten Oratorium, der in der Folge nicht nur dieser spezifischen Form von Gemeinschaft – und damit auch dem systematischen Zusammenwirken von Klerus und Laien – sondern auch einer musikalischen Gattung als Vertonung eines geistlichen Geschehens den Namen gab. Palestrina, Beichtkind von Philipp Neri, machte die ersten Versuche dazu, Bach und Mendelsohn sollten folgen. Man kann von Philipp Neri als einem Menschen erzählen, der die Gabe der Herzensschau und der Prophezeiung hatte, der unzählige, gut dokumentierte Wunder wirkte, darunter Totenerweckungen und Krankenheilungen, der mehreren Päpsten als Ratgeber diente, in seiner Demut wiederholt das Kardinalat ablehnte, der selbst religiös Abständige wie Goethe zutiefst beeindruckte.

    Kein Märchen

    Aber Neri und sein Werk sind kein Märchen aus uralten Zeiten, die Gemeinschaft des Oratoriums blüht und gedeiht überall auf der Welt – in Deutschland, wo es immer recht zäh war, gibt es zwei neue, vielversprechende Versuche – er hat vor mehr als vier Jahrhunderten ein Programm der Neuevangelisierung entworfen und vorgelebt, das auch für unsere Zeit taugt. Es macht aus einer Gemeinde eine Gemeinschaft, weckt und fördert die Berufung aller Christgläubigen, sorgt für eine würdige Liturgie samt Wertschätzung der Kirchenmusik und eröffnet so einen geraden Weg zum Himmelreich. Bei uns ist die Stunde des Oratoriums vielleicht noch nicht gekommen, doch ist die Stunde des Oratoriums immer da. Diese wegen ihrer Kürze besonders eingängige Biographie des Heiligen, gemeinsam mit dem gründlichen und einordnenden Kommentar der beiden Herausgeber, kann ein Kompass sein.


    Paolo Aringhi:
    Das Leben des heiligen Philipp Neri,
    hrsg. von Markus Dusek und Paul Bernhard Wodrazka.
    Patrimonium-Verlag, Aachen, 2020, 193 Seiten,
    ISBN 9-783-86417-134-5, EUR 14,80

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