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    Würzburg

    Vertuschung von Missbrauch: Im Zweifel für die Angeklagten

    Maria 1.0 plädiert für Für eine Kultur der Verantwortungsübernahme. In puncto Missbrauch kann die Devise in der Kirche nur lauten: miteinander statt gegeneinander.

    Für Diskussionen sorgte zuletzt die Frage, ob die Entschädigungszahlungen aus den Einnahmen der Kirchensteuer geleistet ... Foto: Julian Stratenschulte (dpa)

    • Es rumort bei Kirchens in Deutschland: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, zeigte sich am Wochenende bei der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken „sehr unglücklich“ über die Gesamtsituation der Kirche in Deutschland und plädierte für mehr Konsequenz in der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen.
    • Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat kürzlich im Umgang mit Missbrauchsfällen Schuld eingestanden.
    • Sein Hamburger Amtsbruder Erzbischof Stefan Heße entschied vor wenigen Tagen, sein Amt als geistlicher Assistent des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken wegen der Vertuschungsvorwürfe aus der Zeit seiner Tätigkeit im Erzbistum Köln ruhen zu lassen. Außerdem hat er den Vatikan gebeten, seinen Fall zu prüfen.
    • Das Erzbistum Köln unter Kardinal Rainer Maria Woelki steht ebenfalls unter Druck. Dass der Kardinal ein zweites Missbrauchsgutachten in Auftrag gegeben hat, weil das erste für mangelhaft und methodisch unbrauchbar befunden wurde, stößt auf enorme Kritik und Misstrauen. Sogar Rücktrittsforderungen werden laut. Es hagelt Werturteile, Anklagen, Unterstellungen, persönliche Bewertungen, was weder der Sache dient noch dem Evangelium gemäß ist. Merkwürdig, dass so eine Form der Aufarbeitung als sinnvoll erachtet wird.

    Die Kirche ist nur dann funktionsfähig, wenn sie als Leib Christi zusammenarbeitet. Stattdessen zerreißt sie sich selber, als wäre der oft unsachliche Verriss durch die Medien nicht schon schädlich genug. Können wir statt pauschal zu unterstellen, nicht einfach abwarten, bis das neue Gutachten auf dem Tisch liegt, um die Angelegenheit dann in Ruhe zu prüfen?

    Unsere erste Aufgabe als Volk Gottes ist es, das Evangelium zu verkünden und zu leben. Im Missbrauchskontext bedeutet das, zunächst einmal zu unterscheiden zwischen Schuld, also fahrlässigen Versäumnissen oder Vertuschung – und Fehlern, die aufgrund von Unsicherheit, Überforderung oder Unachtsamkeit passieren. Viele Bischöfe würden einiges heute vielleicht anders anpacken, als sie es damals getan haben. Ihnen aber automatisch Vertuschung zu unterstellen wird der Sache nicht gerecht. Bevor man die Wahrheit wirklich kennt, gilt „Im Zweifel für den Angeklagten“.

    "Sorge und Engagement für die Opfer müssen höchste Priorität haben.
    In der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle geht es aber vor allem um die mit Liebe verbundene Wahrheit,
    nicht um mit Hass und Misstrauen erfüllte Unterstellungen.
    Die sind wie Steine auf dem Weg der Aufarbeitung."

    Missbrauch gehört zweifelsfrei aufgedeckt, gerechte Strafen sind angebracht. Sorge und Engagement für die Opfer müssen höchste Priorität haben. In der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle geht es aber vor allem um die mit Liebe verbundene Wahrheit, nicht um mit Hass und Misstrauen erfüllte Unterstellungen. Die sind wie Steine auf dem Weg der Aufarbeitung.

    Hier sind auch manche Urteile in der Berichterstattung in Frage zu stellen, die den sachlichen Rahmen des Gebotenen sprengen. Das Verhalten des Kardinals als „ruchlos“ zu bezeichnen, dient nicht der sachlichen Auseinandersetzung, die zweifelsohne geführt werden muss. Einseitige Berichte fördern Hetze. Dass Täter oder Bischöfe, die Fehler in der Missbrauchsbekämpfung machen, Konsequenzen tragen müssen, ist klar, aber bitte sachlich bleiben. Eine vorurteilsfreie, ehrliche Aufarbeitung muss auch andere Fakten im Blick behalten. Wahr ist auch: Wie alle Bistümer hat die Erzdiözese Köln Anerkennungsleistungen gezahlt (seit 2011 757 501 Euro). Sie hat einen Betroffenenbeirat, es liegt ein Rechtsgutachten der Kanzlei „Westpfahl Spilker Wastl“ vor, das nach Auffassung zweier renommierter Rechtsprofessoren wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügt. Kardinal Woelki war von Anfang an bemüht, Missbrauchsfälle vernünftig aufzuarbeiten. Es gibt zunächst einmal keinen sachlichen Grund, warum er zurücktreten sollte.

    Aussöhnung kann Kraft entfalten

    Der Angelegenheit ist mehr gedient, wenn Aufarbeitung auch im Gebet begleitet wird. Christen können für die Opfer beten und sogar stellvertretend für die Täter um Verzeihung bitten, wie das Evangelium verlangt, einer für den anderen, denn wir sind ein Leib Christi. Überhaupt könnte die Vergebung stärker in den Fokus gerückt, statt ausgeblendet werden. Auch dadurch werden manche Opfer – insbesondere die versöhnlichen – wieder ausgegrenzt. Jemanden auf dem Weg zur Vergebung zu begleiten, kann ein fruchtbarer Liebesdienst sein.

    Welche Kraft Aussöhnung entfalten kann, zeigt das Leben von Daniel Pittet, der schwersten Missbrauch erlitten, seinem Peiniger aber komplett vergeben hat, heute apostolische Initiativen in der Kirche verantwortet und aufrecht durchs Leben geht. In seinem Buch „Pater, ich vergebe Euch“ hat er sein Martyrium schonungslos offengelegt.

    Es können bei der Aufarbeitung Fehler unterlaufen

    Die Bischöfe haben die schwere Aufgabe, solche Fälle aufzurollen. Dabei können Fehler passieren. Und wer Schuld auf sich geladen hat, muss um Vergebung bitten, Reue zeigen, alles tun, damit der Fehler nicht mehr passiert. Vereinzelt haben Bischöfe bereits Fehler zugestanden und sind bereit, Konsequenzen zu ziehen.

    "Eine Diözese mit zu wenig Personal und zu wenigen Fachleuten zu leiten,
    ist keine genüssliche Bootsfahrt über den Rhein.
    Manche erwarten aber eine ständige Kurve nach oben,
    perfekten Seegang und makellose Steuermänner.
    Für jedes dreckige Fleckchen an Bord sollen Köpfe rollen."

    Dass die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen eine schwierige Aufgabe voller Sprengstoff ist, liegt auf der Hand. Wer meint, sie besser ausführen zu können als ein Bischof, gebe ihm Schützenhilfe – etwa durch ermutigende Briefe – statt auf ihn mit dem Finger zu zeigen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob wir ein übersteigertes Bischofsbild revidieren müssen. Eine Diözese mit zu wenig Personal und zu wenigen Fachleuten zu leiten, ist keine genüssliche Bootsfahrt über den Rhein. Manche erwarten aber eine ständige Kurve nach oben, perfekten Seegang und makellose Steuermänner. Für jedes dreckige Fleckchen an Bord sollen Köpfe rollen.

    Statt gegeneinander, müssten Christen alle Kräfte bündeln, denn Missbrauch betrifft alle. In der Aufarbeitung ist grundsätzlich der Umgang mit Opfern zu klären, weil sie keine homogene Masse bilden. Während die einen Ruhe und Abgeschiedenheit brauchen, um mit der Last fertigzuwerden, verarbeiten andere sie besser mit öffentlicher Anteilnahme. Doch das mediale Trommelfeuer bleibt darum ein zweischneidiges Schwert.

    Rolle der Medien zweischneidiges Schwert

    Bischöfe müssen gemeinsam nach der Wahrheit suchen und diese offenlegen, Medien müssen sachlich bleiben. Neben den klar definierten Missbrauchsstrafbeständen des Strafgesetzbuchs bedarf es zudem einer Klärung, wie geistlicher Missbrauch definiert werden soll und von einem anspruchsvollen geistlichen Leben abzugrenzen ist. Hier sind auch Juristen gefragt.

    Ein besonders kostbarer Akzent wäre, wenn die Bischöfe einen öffentlichen, offiziellen, von Medien übertragenen Akt der Buße und Wiedergutmachung setzten, bei dem sie den Himmel kniend um Vergebung und die Muttergottes um Hilfe bei der Aufarbeitung der Fälle bitten würden. Wenn dieser Kampf unsere gemeinsame Sache wird, dann ist hoffentlich die Versuchung nicht mehr so groß, mit dem Finger ohne Beweismittel auf jemanden zu zeigen. Gemeinsam statt gegeneinander sollte die Devise lauten – damit Jesu Kirche irgendwann wieder rein und schön wird.

    Die Autorin vertritt die Initiative Maria 1.0 bei der Synodalversammlung (Synodaler Weg).
     
    • Kardinal Rainer Maria Woelki hat den Einsatz eines wegen Missbrauchs verurteilten Priesters in der Seelsorge als einen schweren Fehler verurteilt. Die Suspendierung sei „aus vollkommen unerklärlichen Gründen aufgegeben“ worden, so Woelki gegenüber dem Kölner „domradio“.
    • Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße wurde von „Christ&Welt“ gefragt, ob er angesichts der Vorwürfe, in seiner Eigenschaft als Verantwortlicher im Erzbistum Köln kirchenrechtlich gefehlt zu haben, um sein Amt fürchte. „Nein. Ich stelle mich der Aufarbeitung“, antwortete er und schloss aus, dass er im Zusammenhang mit dem Thema sexueller Missbrauch je an Rücktritt gedacht habe. Heße betont, sich keines Verstoßes gegen weltliches oder kirchliches Recht bewusst zu sein.
    • Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck gibt hingegen zu, seiner Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein: „Ich hätte die Unterlagen lesen müssen, um dann Konsequenzen daraus zu ziehen“, so Overbeck. Einen Rücktritt schließt er aus: „Verantwortung zu übernehmen heißt für mich lernen.“
    • Der Jesuit Hans Zollner, der das päpstliche Kinderschutzzentrum leitet, erwartet gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ hingegen Rücktritte von Verantwortlichen. Es werde „vielleicht erzwungen werden müssen durch öffentlichen Druck“. Wer Schuld auf sich geladen habe, müsse dafür geradestehen, sagte der Psychologe. Die Kirche müsse fragen, wer für welche Abläufe verantwortlich war und seiner Verantwortung nicht gerecht wurde.

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