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    Tübingen

    Trauerfeier und Beisetzung von Hans Küng in Tübingen 

    Abschied von Hans Küng in einem christlichen Gottesdienst. Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann und Tübingens Oberbürgermeister Palmer würdigten den Theologen. 

    In Tübingen wurde heute der am 6. April im Alter von 93 Jahren verstorbene Theologe Hans Küng beigesetzt. Dem Trauergottesdienst in der St. Johannes–Kirche in Tübingen stand der katholische Pfarrer Wolfgang Gramer vor. In St. Johannes hatte Küng lange als Priester gewirkt. Der SWR übertrug den Gottesdienst, unterbrach die Übertragung allerdings immer wieder, um das Leben und Wirken des Verstorbenen zu kommentieren. Der SWR-Moderation zufolge habe Küng bei der Planung seines Trauergottesdienstes bewusst auf eine Eucharistiefeier verzichtet, um "dem lausigen Problem" des gemeinsamen Abendmahls aus dem Weg zu gehen. Der Livestream war ferner auf der Seite der Stiftung Weltethos zu sehen. Die Trauerfeier war von Küng schon vor Jahren mit Freunden bis ins letzte Detail geplant worden. Ein Vokalensemble trug unter anderem Lieder von Johann Sebastian Bach vor.

    Christlicher Gottesdienst

    Zu Beginn des Wortgottesdienstes besprengte Pfarrer Gramer den Sarg mit Weihwasser als Erinnerung an die Taufe. Es folgte ein Gebet von Hans Küng, welches nach Angaben des Verfassers sowohl Christen als auch Juden und Muslime sprechen können. Darin wurde die Bitte um Frieden und Erlösung ausgesprochen. Weiter ging es mit einer kurzen Lesung aus dem Römerbrief. (Röm 11,33-35) Danach hielt Pfarrer Gramer, ein Student, Freund und geistlicher Begleiter Küngs, eine Ansprache. Dieser habe ihm, so Pfarrer Gramer, zunächst den Glauben an die Kirche zerstört. Gramer referierte in Folge Küngs Kirchenbild als weltweite, geschichtlich gewordene Gemeinschaft. Weiter berichtete der pensionierte Priester über sein Studium bei Küng und bezeichnete dessen Kampf als einen Freiheitskampf. Küngs Weg zur Stiftung Weltethos beschrieb er als Folge des Entzugs der Lehrerlaubnis. Land und Universität hätten mitgewirkt und dieses Werk ermöglicht. Die Theologie Küngs beschrieb er als erlebte Menschlichkeit. Der Pfarrer schloss mit einem Satz von Hans Küng: „Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, sie bewahrt aber in allem Leid.“ 

    Lesung aus den Memoiren

    Den Abschluss des Gottesdienstes bildete ein Text aus den Memoiren Küngs unter dem Titel „Erlebte Menschlichkeit“ der eine Form von Glaubensbekenntnis darstellt und Gott direkt anspricht. Danach sprach Pfarrer Gramer das Vaterunser und einen Segen. Nach dem Wortgottesdienst hielten der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer Ansprachen. Kretschmann bezeichnete Küng als glaubwürdigen Botschafter der Völkerverständigung und des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen. Seinen Mut und seine Streitbarkeit sowie seine denkerische Kraft sei von vielen bewundert worden. Boris Palmer würdigte Küng, der als Schweizer in Tübingen seine Heimat gefunden hatte, als aufrecht und unbeugsam wie die Eidgenossenschaft. Er sei, so Palmer, auch ein Vordenker gewesen. Er habe auf so vielen Ebenen Spuren in der Stadt hinterlassen und von Tübingen aus in die Welt gewirkt. Sein Weltethos - Institut sei in der Stadtmitte fest verankert, betonte Palmer. Im Anschluss daran würdigten Bernd Engler, Rektor der Universität Tübingen und Eberhard Stilz, Präsident der Stiftung Weltethos den Verstorbenen. 

    Beisetzung im Familienkreis

    Die an den Gottesdienst anschließende Beisetzung fand wegen der geltenden Corona-Einschränkungen im engsten Kreis der Familie statt. Küng wurde in einem Sarg aus Kirschholz beigesetzt, den er zu Lebzeiten selber ausgesucht hatte. Die Trauerfeier, deren Übertragung vom SWR im laufenden Programm abgebrochen wurde, ist in voller Länge nachträglich noch als „SWR Extra: Trauer um Hans Küng – Provokateur und Friedensstifter“ ein Jahr lang in der ARD-Mediathek abrufbar.

    Professor und Stifter

    Der Verstorbene lehrte von 1960 bis 1996 an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Zunächst hatte er den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie inne. Der Schweizer Theologe verlor im Jahr 1979 die Lehrerlaubnis für katholische Theologie. Danach richtete ihm die Universität einen Lehrstuhl für „Ökumenische Theologie“ ein. Im Jahr 1995 gründete Küng die „Stiftung Weltethos“ für ein gemeinsames Ethos der großen Religionen. Dieses Projekt gewann weltweit namhafte Mitstreiter. Dazu gehörten unter anderen der Dalai Lama und Kofi Annan, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen. Auch Papst Benedikt XVI. hatte einige Jahre in Tübingen gelehrt. Trotz der tiefgreifenden theologischen Differenzen zwischen beiden blieben der Verstorbene und der emeritierte Papst Benedikt miteinander im Gespräch. Der Papst hatte Küng im Herbst 2005 empfangen.

     

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