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    Würzburg

    Schafft der Geist alles neu?

    Sich vom Geist Gottes beseelen zu lassen vertreibt die Angst und hilft, Krisen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

    Heiliger Geist
    Die Macht des Geistes zeigt sich in unscheinbarer Gestalt. Und die Umwälzungen, die er anstößt, beginnen innen: mit der ... Foto: Cristian Gennari (KNA)

    Heiliger Geist“ heißt: Gott in der Zukunft der Welt. Und die Kirche der Zukunft wird, so ersehnen wir es, eine Geistkirche sein, in der Gewaltverzicht und Geschwisterlichkeit herrschen. Denn die Früchte des Heiligen Geistes sind das Handeln „dem Geiste nach“, wie Freude und Geduld. Das alles zusammen ist „neue Schöpfung“, sie beginnt mit der Taufe und Firmung. Ihr vorläufiger Zielpunkt ist die Auferstehung. Merkmal jeder Neuschöpfung sind der Glaube und unbesiegbare Fröhlichkeit.

    Denn grundlegend für die neue Schöpfung sind die Früchte des Heiligen Geistes nach dem Paulusbrief an die Galater 4,22: Wer sich aber vom Heiligen Geist leiten lässt, der kann lieben, sich freuen, Frieden halten, der hat einen langen Atem, ist freundlich und gütig, treu, von sanfter Geduld und Selbstbeherrschung. Eben diese „Tugenden“ der Selbstzurücknahme und des Machtverzichts sind für Paulus die Merkmale des Menschen in der Neuen Schöpfung – also nicht Naturwunder oder als Schlaraffenland.

    Die Kirche glaubwürdig, attraktiv und einladend machen

    Dieses Neuwerden hat einen Sinn: Die Kirche glaubwürdig, attraktiv und einladend werden zu lassen, ihr Zukunft anzuvertrauen. Was bewirkt der Heilige Geist dabei? Er befähigt die Christen, hellwach und sensibel wahrzunehmen, wo es brennt. Dabei sollten sie nicht ängstlich auf ihre Identität achten – das garantiert schon der Heilige Geist –, sondern auf die Wirkung der Botschaft. Sie sollen „Menschenfischer“ sein – und das gilt von der Ehemoral bis hin zur Eschatologie, vom Papsttum bis zur Pelztierjagd.

    Wie wirkt der Heilige Geist in der gegenwärtigen Kirche? Hier geht es um die Frage nach der Vermittlung zwischen dem allgemeinen und pauschalen „Ich glaube an den Heiligen Geist“ und der sehr konkreten kirchlichen Wirklichkeit, und zwar besonders im Blick auf die gegenwärtig heiß diskutierten Themen.
    Denn alle Rede vom Heiligen Geist nützt nichts, wenn Gott in den Nöten der Gegenwart die Sorge und Fürsorge um die Geschichte der Menschen aus der Hand gelegt hätte. Deshalb umfasst diese Frage Debatten über Verschwörungstheorien, die Einschränkung der Menschenrechte, den Widerstand gegen staatliche Anordnungen sowie die innerkirchlichen Polarisierungen der Christen. Allerdings glauben Menschen leichter an Verschwörungstheorien als an gar nichts, wenn die staatliche oder auch die kirchliche Obrigkeit schweigt.

    Die Mutter aller Verschwörungstheorien ist die Angst

    Die Mutter aller Verschwörungstheorien ist die Angst. Heiliger Geist bedeutet für die Menschen Beseeltsein durch Freude und eben nicht durch Angst. Die Verschwörung der Mächtigen zugunsten des bösen Weltherrschers ist als Erwartung eine besonders krude Form der Auslegung der Offenbarung des Johannes. Denn nach 17,13 sind die zehn Könige „eines Sinnes“ und übertragen ihre Macht und Gewalt dem Tier, das heißt dem römischen Riesenreich, das vom Satan seine Macht hat.

    Gar nicht so neu ist die Deutung des „Tieres“ auf Weltregierung; darin lebt auch ein Stück Angst vor dem Antichrist. Und dass diese die Menschenrechte, darunter die freie Religionsausübung, abschaffe, ist schlicht ein Stück säkularisierter Märtyrertheologie (seit Antiochus IV 168 v. Chr.). Das „Rom“ von Apokalypse 17f haben die Reformatoren auf die Päpste und die katholische Kirche und deren Ambitionen auf Weltherrschaft gedeutet. Das ist freilich genauso willkürlich wie die Deutung auf eine andere anonyme „Weltregierung“. Die einzige nachprüfbare Deutung von Apokalypse 17f bezieht dieses auf das antike Rom und seine Ambitionen.

    Dass im Augenblick Menschenrechte wie zum Beispiel die Reisefreiheit eingeschränkt seien, haben sensible Juristen schon länger bemerkt. Wenn mein Nachbar die Pest hat und ich ihm nicht begegnen soll, dann fällt das unter den Schutz der Menschenwürde, zu der die leibliche Existenz eben dazugehört.
    Anders liegt es bei den staatlichen Verboten der öffentlichen Gottesdienste. Solche Regelungen können nur die Kirchenoberen selbst aussprechen, zum Beispiel im sogenannten „Interdikt“. Hier fehlten rechtzeitige Absprachen zwischen Kirche und Staat. Solches dem Staat zu überlassen, widerspricht der schlummernden Rivalität zwischen Staat und Kirche und weckt Erinnerungen an schwierigste Zeiten der Kirchenverfolgung im 20. Jahrhundert und in vielen früheren Zeiten.

    Inspirator einer neuen Art von Heiligem Krieg

    Darf man sich aber, wenn Absprachen misslingen, für den Widerstand gegen „den Staat“ pauschal auf den Heiligen Geist berufen? Oder darf man sich als Impfgegner immer dann im Namen Gottes und der Erneuerung der Schöpfung „gegen diesen Staat“ wenden, wenn man diesen Eingriff in die körperliche Integrität ablehnt? Waren es nicht spanische Jesuiten, die sogar den Tyrannenmord erlaubten? Wird da nicht der Heilige Geist zum Inspirator einer neuen Art von Heiligem Krieg – wie im Alten Testament im „Buch der Richter“?

    Jedenfalls darf man den Heiligen Geist nach dem Neuen Testament niemals und zu keiner Zeit für Gewalt gegen Personen anrufen und gebrauchen. Wenn der Staat nur Einzelpersonen schädigt, geht deren Verpflichtung zum gewaltfreien Widerstand bis zum Martyrium  und passivem Widerstand. Die Waffe zu erheben ist selbst im Falle des Tyrannenmordes die absolute Ausnahme. Das war wohl eine notwendige Ergänzung zum Neuen Testament. Aber zum Tyrann wird ein Herrscher noch nicht dadurch, dass er den Gottesdienst verbietet. Da gehört schon massenhafte Gewalt gegen Leib und Leben dazu. Wir erinnern uns aber, welche Gewissensschmerzen Protestanten angesichts des Planes zum 20. Juli 1944 hatten, im Blick auf das 13. Kapitel des Römerbriefs einen ausgewiesenen Tyrannen umzubringen.

    Der Heilige Geist kann und wird alles auch in der Kirche des einundzwanzigsten Jahrhundert neu schaffen, wenn sich die Menschen, die in der Kirche leben, von einer neuen Leidenschaft des Christseins erfüllen lassen: „Entzünde in uns…“. Das gilt kontemplativ und aktiv.

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