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    Mein Klassiker

    Rationaler Türöffner zum Glauben

    Dass der Mathematiker Blaise Pascal im Romanistik-Studium für unlesbar erklärt wurde, weckte meine Neugierde. Das logische, vernunftgeleitete Herangehen seiner Pensées öffnet nüchternen Naturen eine Tür zum Glauben.

    Blaise Pascal
    Die intellektuelle Anstrengung gehörte für den Mathematiker Blaise Pascal zum Glaubensleben dazu. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

    Wahrscheinlich lag es in der Natur der Sache, dass Blaise Pascal meinen Glauben mit angeschoben hat: Im Romanistik-Studium galt er als Beispiel für faktische Unlesbarkeit, aus dem Ägyptologie-Studium waren Fragmente und phantasievolle Interpretationen vertraut – perfekte Mischung für Neugierde auf ein unlesbares Fragmentarium und die in der Tat anstrengende Lektüre der Pensées, erst als Häppchen-Leserin, später zufällig als Schlusskorrektorin einer Neuausgabe.

    „Wenn man alles der Vernunft unterwirft, wird unsere Religion nichts Geheimnisvolles und Übernatürliches haben. Wenn man gegen die Prinzipien der Vernunft verstößt, wird unsere Religion absurd und lächerlich sein.“

    Blaise Pascal, der 1662 mit 39 Jahren starb, war ein mathematisches Genie, strenger Logiker, kränkelnd, asketisch, oft allein auf der Stube, im ständigen Korrespondenz-Austausch, wie damals üblich. Die „Gedanken“ hatte er über die letzten Jahre seines Lebens auf unzähligen Einzelblättern notiert, das wohl geplante Werk dazu jedoch nicht mehr fertigstellen können. Teilweise rührte die intensive Beschäftigung mit der Theologie aus dem zeitgenössischen Konflikt zwischen Jansenisten und Jesuiten her. Sicherlich war der geistliche Bereich für ihn auch eine willkommene Abwechslung zu trockenen Rechenmaschinenoperationen und Euklid-Sätzen. Es wurde zur Aufgabe der literarischen Zettelsammler, Aphorismen, Zitate aus der Bibel und von Augustinus bis Montaigne, kurze, hingeworfene Erkenntnisse und ellenlange Ausführungen, in eine sinnvolle Ordnung und Reihenfolge zu bringen.

    Für eine eher nüchterne Person, die sich bemüht, Litaneien stoisch bis zum Ende durchzulitanieren, Mystik faszinierend, aber für sich selbst etwas unzugänglich findet und besser mit bodenständigen Heiligen wie Bonifatius zurechtkommt, bietet Blaise Pascal durch sein logisches, vernunftgeleitetes Herangehen eine weitere Tür in die katholische Kirche, wobei gilt: „Wenn man alles der Vernunft unterwirft, wird unsere Religion nichts Geheimnisvolles und Übernatürliches haben. Wenn man gegen die Prinzipien der Vernunft verstößt, wird unsere Religion absurd und lächerlich sein.“ Eine Kompatibilität von Glaube und Vernunft, die Behauptungen über die angebliche Dummheit gläubiger Christen ebenso wegwischt wie Möchte-Gern-Philosophen-Bemerkungen, die eigene Weisheit verunmögliche einen Glauben.

    Der Mensch kommt nicht gut weg

    Konsequent verlangt Pascal stetige Beschäftigung und intellektuelle Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten und Texten. Gerne stellt er Dinge gegenüber: Gott zu erkennen, ohne das eigene Elend zu erkennen, mache hochmütig. Das eigene Elend zu erkennen, ohne Gott zu erkennen, mache verzweifelt. Jesus zu erkennen sei die Mitte, denn dadurch finde man sowohl Gott als auch das eigene Elend.

    Der Mensch als Gattung kommt durchweg nicht gut weg: Er erträgt Stille und Einsamkeit nicht, weil er dann natürlich über seine garantierte Sterblichkeit und den Sinn seines Lebens nachdächte, was er nicht wirklich will. Folglich stürzt er sich in Aufgaben, Hektik, Ablenkungen – vor vierhundert Jahren so aktuell wie heute. Des Weiteren ist er im Streben nach Glück meistens eher unglücklich. Wenn er glücklich war, ist er es jetzt vielleicht weniger, ein Grund zum Unglücklichsein. Und wenn er gerade glücklich ist, weiß er, dass es nicht immer so sein wird, schon wieder ein Grund zum Unglücklichsein.

    Hauptanliegen: Christliche Beweisführung

    Der Mensch sei, so Pascal, gleichzeitig gläubig und ungläubig, zaghaft und wagemutig, ein zutiefst widersprüchliches Wesen; Pascal formuliert dies zum Beispiel so: „Mit einem Wort, der Mensch erkennt, dass er elend ist. Er ist also elend, weil er es ist. Er ist aber sehr groß, weil er es erkennt.“ Das ist einer seiner Gedanken, den man vielleicht nur dreimal lesen muss, um ihn halbwegs nachvollziehen zu können. Bei anderen dauert es deutlich länger. Ohne den historischen Hintergrund sowie ausführliche Fußnoten und Glossare wäre es auch kaum möglich, all die Anklänge an die Schriften zahlloser anderer Autoren zu entdecken und zu begreifen, warum sie an dieser Stelle zitiert werden – Pascals Bildungshorizont war ziemlich unfassbar. Und niemand weiß, ob der Anordnungsversuch von Sellier, Lafuma oder Brunschvicg den Intentionen des Autors am nächsten kommt.

    Christliche Beweisführung ist sein Hauptanliegen. Manches handelt Pascal mit bestechender Kürze ab: Warum sollten die Apostel derart tollkühn sein und ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie nicht überzeugt gewesen wären, nicht all die Wunder miterlebt hätten und die Auferstehung Jesu für sie nicht erwiesen gewesen wäre? Andere Themen sind kryptisch, lakonisch oder überbordend ausformuliert. Dabei beschäftigt er sich auch mit Wundern, Beweisen für Mose oder dem jüdischen Volk, insbesondere aber mit der Konstitution des Menschen, dem Dasein auf der Erde, der Notwendigkeit des Glaubens.
    Kommen wir aufs Anschieben zurück: Die bekannteste Stelle aus dem Konvolut ist eine Art Wette. Pascal vergleicht, welches Ergebnis herauskommt, wenn man glaubt beziehungsweise nicht glaubt und das, was geschrieben steht, stimmt beziehungsweise nicht stimmt.

    Zwischen vollkommenem Verlust und vollkommenem Gewinn

    Es gibt folgende vier Möglichkeiten: Bei der ersten Variante ist alles ein Märchen und man glaubt auch nicht daran. Dann, so Pascal, habe man weder etwas gewonnen noch etwas verloren. Falls es kein Märchen sei, man jedoch glaube, dass alles stimmt, sei das Ergebnis dasselbe – allerdings, so würde ich hinzufügen, hat man vielleicht ein sinnerfüllteres und nächstenliebenderes Leben geführt als der Nichtgläubige. Spannend wird es unter der Annahme, dass die Bibel die Wahrheit wiedergibt: Wenn man unter dieser Prämisse nicht daran glaubt, hat man definitiv alles verloren. Wenn man aber daran glaubt, hat man definitiv alles gewonnen. Voilà.

    Ich bin sonntags- oder gar nicht katholisch sozialisiert aufgewachsen, bei der Kommunion an einen Drohbotschaft-Verkünder geraten, zur Firmung musste man mich prügeln. Dann verliebte ich mich in einen Katholiken und ging in die Kirche. Zum Glück durfte damals gesungen werden, denn zunächst erschloss ich mir den Zugang zur Eucharistie über die bis dato nur in Konzertsälen gesungene Kirchenmusik. Komischerweise ist die mystische Transzendenz beim Singen kein Problem. Zusammen mit Pascal ein guter Neuanfang.

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