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    Heiligenkreuz

    Papst Johannes Paul II. begegnet uns Denker und Akteur der Freiheit

    Karol Wojtyla war Philosoph, Poet, Priester, Politiker und Papst. Diesen Facetten von Johannes Paul II. widmete sich eine Fachtagung in Heiligenkreuz. Eine Zusammenschau des Gedankenwelt des Heiligen.

    Papst Johannes Pauls II.  hatte viele Facetten
    Mystiker und Missionar, Poet und Priester, politischer Weichensteller und theologischer Visionär: In Heiligenkreuz wurde... Foto: cns

    Als erster und bisher einziger Papst der Kirchengeschichte hat der heilige Johannes Paul II. eine Missions-Enzyklika verfasst: „Redemptoris missio“. Deren kirchengeschichtliche Bedeutung erklärte bei einer wissenschaftlichen Fachtagung in der niederösterreichischen Zisterzienser-Abtei Heiligenkreuz der Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, Pater Karl Wallner.

    Seit Jesus dem Petrus die Aufgabe des Menschenfischers übertrug, hätten die Päpste zwar stets die christliche Mission betrieben und gefördert. Aber ein päpstliches Lehrschreiben über den Missionsauftrag der Kirche finde man erst bei Johannes Paul II., nachdem das Zweite Vatikanische Konzil in „Ad gentes“ den Missionsauftrag der Kirche erstmals systematisch reflektiert habe.

    Weltkirche

    „Die katholische Kirche wurde von einer europäischen Restkirche zu einer Weltkirche gemacht“, so der Dogmatik-Professor Wallner, der bis 2017 Rektor der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“ war, welche die Tagung ausrichtete („Die Tagespost“ berichtete auch in der Vorwoche). Seit 1981 lebe die Mehrheit der weltweit insgesamt 1,3 Milliarden Katholiken in den Ländern des Südens. Die Enzyklika „Redemptoris missio“ aus dem Jahr 1990 sei auch das von Papst Franziskus am häufigsten zitierte kirchliche Dokument.

    Doch „die Appelle von Papst Franziskus zur Mission verhallen weitgehend ungehört“, so Pater Karl Wallner. Franziskus habe sich sogar vom Begriff der Neuevangelisierung weitgehend verabschiedet und spreche fast ausschließlich von Mission. In der Kirche habe sich jedoch „eine alt gewordene Generation verschanzt, die die Zeichen der Zeit nicht mehr versteht“; demgegenüber habe die junge Generation von Christen heute kein Problem mehr, von Mission zu sprechen.

    Einer der größten Missionare unserer Zeit

    Der Papst aus Polen habe es als notwendig angesehen, der ganzen Kirche in Form einer Enzyklika die Mission zu erklären, weil es nach dem jüngsten Konzil zu einer Kontroverse über die Sinnhaftigkeit der Mission gekommen sei. Karl Wallner wörtlich: „Die Kirche entzog sich dem Gesichtsfeld der Gesellschaft.“

    Johannes Paul II. dagegen habe eine „Wucht öffentlicher Präsenz“ gezeigt und gefordert, alle Christen müssten den anderen die Begegnung mit der Gestalt Christi anbieten. „Mission ist nicht Indoktrination, sondern ist das freie Angebot einer erlösenden Begegnung mit Jesus.“

    Ein Ruf in die Freiheit 

    Mission komme aus einem inneren Drang. „Hier verschwimmen die Grenzen zwischen konservativ und progressiv angesichts der Frage: Lebe ich in einer lebendigen Beziehung zu Christus?“ Österreichs Missio-Chef bezeichnete Papst Johannes Paul II. als einen der größten Missionare unserer Zeit.

    Der in Heiligenkreuz lehrende Philosoph Christoph Böhr, der die Tagung konzipiert hatte, würdigte den polnischen Papst als „Denker der Freiheit“. Nach Johannes Paul II. sei die Religionsfreiheit ein individuelles Grundrecht, und nicht nur ein institutionelles Recht. Religion begünstige zudem die Freiheit: „Mission ruft den Menschen in die Freiheit, weil sie ihm eine Alternative vor Augen stellt“, so Böhr.

    Stachel im Fleisch des Multikulturalismus

    Der große jüdische Rechtsgelehrte Joseph H. H. Weiler habe das Missionsverständnis von Papst Johannes Paul II. als „Ordnung von Toleranz und Geduld“ bezeichnet. Der Papst habe die Wahrheit bekräftigt, dass das Heil nur von Christus kommt. „Das ist der Stachel im Fleisch des Multikulturalismus“, sagte Böhr, und „der Kern christlicher Identität.“ Gleichzeitig mit der Feststellung der eigenen Identität werde auch die Identität des anderen bekräftigt. „Wer keine Identität kennt, kennt auch keine Wahrheit.“

    Wahrheit gebe es für den Menschen nur unter der Bedingung der Freiheit. Nur wer Nein sagen könnte, und trotzdem Ja sagt, dessen Wahrheit habe Bedeutung. Zur „Wahrheit über die Wahrheit“ gehöre nämlich, dass der Mensch sie nur in Freiheit annehmen, sie aber auch ablehnen kann, erläuterte Böhr.

    Der Praktiker

    Mit dem praktischen und politischen Wirken dieses „Denkers der Freiheit“ befasste sich bei der wissenschaftlichen Tagung in der Vorwoche in Heiligenkreuz der in Berlin und München lehrende Kirchenhistoriker Stefan Samerski. Johannes Paul II. habe ab seiner Wahl zum Papst im Oktober 1978 gegenüber den Kommunisten die „Schlussakte von Helsinki“ von 1975 eingeklagt, weil diese auch von allen Ostblock-Staaten unterschrieben worden war. „Die Ordnung der politischen Landkarte war für ihn reversibel“, so Samerski mit Blick auf die Blockbildung und Spaltung Europas zwischen 1945 und 1991. Und: „Den Kommunismus sah er als morsch an.“

    Die erste Polen-Reise des Papstes 1979 sei eine Abstimmung mit Köpfen und Füßen gewesen. Obwohl das kommunistische Regime damals Busse und Bahnen stoppte, hätten 13 Millionen Polen den Papst persönlich gesehen, die übrigen über die Massenmedien. „Er schaffte als Papst den Schulterschluss mit der polnischen Kulturnation“, verbunden zugleich mit dem Europa-Gedanken. Die Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung „Solidarnosc“ sei nur möglich geworden, weil der Papst den Menschen Mut zugesprochen hatte.

    Der morsche Ostblock wollte den Papst beseitigen

    Samerski zeigte sich überzeugt, dass es bereits 1979 oder 1980 im Kreml Pläne zur Beseitigung Johannes Pauls II. gegeben habe. Der sowjetische Militärgeheimdienst GRU sei der Auftraggeber des Attentats vom 13. Mai 1981 gewesen, aber „die Schmutzarbeit musste der bulgarische Geheimdienst machen“. Unaufgeklärt sei bis heute die Identität des zweiten auf dem römischen Petersplatz postierten Attentäters.

    Der Kirchenhistoriker erinnerte daran, dass der letzte Generalsekretär der KPdSU und Sowjet-Präsident Michail Gorbatschow dem Papst rückblickend eine entscheidende Rolle beim historischen Wandel zusprach. US-Präsident Ronald Reagan und Papst Johannes Paul II. hätten mit Blick auf die Sowjetunion und den kommunistischen Ostblock zwar „dasselbe Ziel“ verfolgt, allerdings unterschiedliche Mittel und Wege gesucht.

    Mystische Erfahrungen

    Ausdrücklich „aus unserer Zwergenperspektive“ unternahm der Rektor der Hochschule im Wienerwald, Pater Wolfgang Buchmüller, eine Annäherung an Karol Wojtyla als Mystiker. Der habe es „wohlweislich unterlassen, uns eine Spiritualität zu hinterlassen“, um jedem die Freiheit des eigenen Zugangs zu lassen. Bereits in den poetischen Jugendgedichten des späteren Papstes werde ein einzigartiges Sendungsbewusstsein sichtbar. „Er fühlte sich berufen, ein Heiliger zu werden.“ Karol Wojtyla habe sich als „slawischer Troubadour Gottes“ bezeichnet, dessen Lied dem Allerhöchsten gelte.

    Der polnische Papst, der sich – für alle Welt sichtbar – stundenlang ins Gebet versenken konnte, habe bereits als Jugendlicher von einer mystischen Erfahrung berichtet. Das Gebet sei für ihn „ein Berühren von Gottes Kraft“ gewesen, so dass er die Schönheit der Berufung des Christen ins Wort bringen konnte. Er bezeugte die „transformierende Kraft der Liebe Gottes, die den Menschen gnadenhaft befähigen kann, dem Willen Gottes zu folgen“, so Hochschul-Rektor Wolfgang Buchmüller, der in Heiligenkreuz Spirituelle Theologie lehrt.

    Kein romantischer, sondern ein realistischer Poet

    Der Zisterzienserpater Edmund Waldstein, in Heiligenkreuz Lehrbeauftragter für Moraltheologie, führte aus, warum Karol Wojtylas Poesie nicht romantisch gewesen sei, sondern vielmehr auf einem metaphysischen Realismus gründete. Nach Aristoteles vollende der Dichter die Natur, um sie zu imitieren. Der Künstler, der sein Werk gestaltet, empfinde etwas von der Freude des Schöpfers, der sah, dass sein Werk gut ist, und der sich in seinem Werk auch selbst erkennt. Die Freude, das Abbild zu sehen, sei eine Freude der Erkenntnis des Schöpfers.

    Ein Geschenk

    Der Theologe Corbin Gams bezeichnete bei der gut besuchten, internationalen Fachtagung im Stift Heiligenkreuz die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. als „eine Vision, die aufatmen lässt“. Gams, der seit 2016 an der Hochschule Heiligenkreuz Dozent für die Theologie des Leibes ist und einen Studiengang „Leib-Bindung-Identität: Entwicklungssensible Sexualpädagogik“ leitet, bezeichnete das Verständnis vom „Geschenk“ als „Schlüssel zum anthropologischen Konzept Johannes Pauls II.“.

    Nur weil der Mensch Abbild Gottes ist, könne er – wie im innertrinitarischen Leben – Beziehungen als Schenken und Empfangen leben. Der Leib werde zum Ausdruck des menschlichen Schenkens seiner selbst. „Die menschliche Liebe wird so zu einem Abbild des trinitarischen Lebens“, meinte Gams, der sich davon überzeugt zeigte, dass die „Theologie des Leibes“ Fehlformen im Umgang mit dem Leib überwunden habe.

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