• aktualisiert:

    Wien

    Österreich: Gottesdienste nur in kleinstem Kreis

    Es ist ein schlecht gehütetes Geheimnis, dass zwischen dem, was in den Vollversammlungen der Österreichischen Bischofskonferenz beraten wird, und dem, was den Medien und somit der Öffentlichkeit nachher an Ergebnissen präsentiert wird, seit jeher mehr als das sprichwörtliche Blatt Papier Platz findet. Doch wer wollte es den Bischöfen verdenken?

    "Fastenzeit": In Österreich werden Gottesdienste nur in kleinstem Kreis möglich sein. Foto: Stephan Baier

    Es ist ein schlecht gehütetes Geheimnis, dass zwischen dem, was in den Vollversammlungen der Österreichischen Bischofskonferenz beraten wird, und dem, was den Medien und somit der Öffentlichkeit nachher an Ergebnissen präsentiert wird, seit jeher mehr als das sprichwörtliche Blatt Papier Platz findet. Eher ein dicker Ordner. Doch wer wollte es den Bischöfen verdenken, Internes intern zu halten und die Öffentlichkeit mit Opportunem zu füttern?

    Wie rasch sich aber auch der Blick auf Letzteres ändern kann, zeigte sich am Wochenende angesichts der auf dem Papier der Bischofskonferenz veröffentlichten Erklärung zur „Christlichen Verantwortung im zweiten Lockdown“. Darin verteidigt die Bischofskonferenz noch vehement – und gegen so manche eifersüchtige Kritik von außen – das Abhalten öffentlicher Gottesdienste. Und das mit gutem Recht, denn bis heute wurde in Österreich kein katholischer, sondern lediglich ein serbisch-orthodoxer und ein freikirchlicher Gottesdienst zu einem Corona-Hotspot.

    Kirche vereinbarte mit dem Staat zusätzliche Maßnahmen

    Von Anfang der Pandemie an reglementierte die Bischofskonferenz mit strengen Rahmenordnungen die katholischen Sakramentenfeiern. Die Kirche habe „im Vorfeld des zweiten Lockdown mit den staatlichen Stellen zusätzliche Maßnahmen vereinbart“, hieß es nun in der Erklärung, die der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Salzburger Erzbischof Franz Lackner, am Freitag in Wien den Medien präsentierte.

    Wörtlich: „So gilt in öffentlichen Gottesdiensten sowohl in geschlossenen Räumen als auch unter freiem Himmel grundsätzlich ein Mindestabstand von 1,5 Metern und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes.“ Zudem habe sich die Kirche „von selbst dazu verpflichtet, alle Taufen, Erstkommunionen, Firmungen und Trauungen zu verschieben“.

    Mit diesem Paket wollten die Bischöfe einerseits „einen verantwortungsvollen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten“, andererseits aber sicherstellen, „dass die unverzichtbaren Grundvollzüge des Glaubens weiterhin möglich bleiben“. Wie „unverzichtbar“ die sonntägliche Eucharistiefeier für Katholiken ist, unterstrich Erzbischof Lackner, indem er auf Nachfragen von Journalisten jene zum Martyrium bereiten Christen des vierten Jahrhunderts zitierte, die in der diokletianischen Verfolgung sogar unter Todesgefahr noch an der sonntäglichen Messfeier festhielten: „Sine dominico non possumus“ (ohne Sonntag können wir nicht leben).

    Die österreichischen Bischöfe betonen in ihrer am Freitag veröffentlichten Erklärung nicht nur, dass die Religionsausübung „für gläubige Menschen ein zutiefst existenzieller Vollzug“ ist. Sie erklären auch, warum – anders als etwa in Frankreich – ein staatlicher Eingriff in deren Ausübung aus österreichischer Sicht gar nicht in Frage kommt: „Die Religionsfreiheit ist ein sehr hohes Gut, das durch unsere Verfassung besonders geschützt ist. Eingriffe in dieses Grundrecht wie beispielsweise ein Aussetzen von öffentlichen Gottesdiensten sind so schwerwiegend, dass sie sehr gut begründet sein müssen, um nicht verfassungswidrig zu sein.“

    Nach 30 Stunden  klang alles anders

    Aus diesem Grund – und um staatliche Grenzüberschreitungen zu vermeiden – hatten die anerkannten Religionsgesellschaften in Österreich unter Führung der größten, nämlich der katholischen Kirche seit Beginn der Corona-Krise in enger Absprache mit dem Staat selbst jene Maßnahmen gesetzt, die das Glaubensleben ihrer jeweiligen Gemeinschaft betreffen. Die Vorgaben der Regierung trafen daher zwar den Flohmarkt der Pfarrgemeinde oder das sonntägliche Pfarr-Café, nicht aber Gottesdienste und die Sakramentenspendung.

    Erzbischof Lackner meinte dazu noch am Freitagvormittag, die Bischöfe hätten die Regierenden auch jetzt „sehr eindringlich gebeten, dass der Glaubensvollzug nicht eingeschränkt wird“. Doch schon 30 Stunden und ein Gespräch mit dem Kanzler später klang alles ganz anders: Bei der Ankündigung des zweiten harten Lockdown ab Dienstag dankte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in einer breitenwirksam vom ORF übertragenen Pressekonferenz dafür, „dass die Kirchen freiwillig darauf verzichten werden, öffentliche Gottesdienste abzuhalten in der Zeit des Lockdown“.

    Gottesdienste ausgesetzt

    Nur wenige Minuten später bestätigte der Vorsitzende der Bischofskonferenz via kircheneigener Nachrichtenagentur Kathpress: „Die Katholische Kirche wird beim angekündigten Corona-Lockdown mitziehen und öffentliche Gottesdienste zeitlich befristet aussetzen.“ Am Samstag also erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz wider die eigenen Beteuerungen von Freitag, öffentliche Gottesdienste würden „weitestgehend und zeitlich befristet ausgesetzt“, sie könnten „nur in verschlossenen Räumen und im kleinsten Kreis stellvertretend für die Gemeinde gefeiert werden“. Nähere Details würden in Abstimmung mit den anderen Kirchen und Religionsgesellschaften festgelegt.

     

    Am Sonntag zeigten sich viele Priester ratlos, was sie ankündigen sollten. Erst am Montagabend stand auf der Homepage der Bischofskonferenz die nunmehr siebte Version der „Rahmenordnung“. Sie präzisiert, dass öffentliche Gottesdienste „bis zum Ende dieses Lockdown“ auszusetzen sind. Möglich seien nur nicht-öffentliche Gottesdienste einer Gruppe von höchstens fünf bis zehn im Vorhinein namentlich festgelegten Personen. Immerhin stehen die Kirchen tagsüber für das Gebet offen.

    Wie schon im Frühjahr, schlossen sich die kleineren Religionsgemeinschaften am Montag der neu gefundenen katholischen Linie an: Die evangelischen Kirchen und die Orthodoxen setzten ihre Gottesdienste aus, und bieten nun Online-Gottesdienste an. Auch die „Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich“ (IGGÖ) ordnete ein Aussetzen aller Freitagsgebete und sonstigen Gemeinschaftsgebete in ihren Moscheen bis 6. Dezember an. „Aus islamischer Sicht gilt die Verpflichtung zur Durchführung des Freitagsgebets als aufgehoben, wenn Krankheit oder Sorge um Gesundheit und Leben vorliegen. Ausnahmslos alle Moscheen und Imame sind daher dazu angehalten, sich an diese Maßnahmen zu halten“, teilte die IGGÖ mit.

    „Man hat uns das Volk genommen“

    Zu den jüngsten Nachrichten über einen baldigen Impfstoff meinte die Bischofskonferenz in ihrer am Freitag vorgestellten Erklärung, „dass geeignete Impfstoffe immer auch weltweit zu vertretbaren Preisen zur Verfügung gestellt werden müssen“. Nationale Egoismen und wirtschaftliche Interessen müssten diesem Prinzip untergeordnet werden.

    Offenbar gegen Impfgegner gerichtet heißt es in der Erklärung weiter, bei der Bereitschaft zur eigenen Impfung sollten sich Christen „durch Eigenverantwortung, Rücksicht und Solidarität auszeichnen“. Auf eine Frage dieser Zeitung sprach sich Erzbischof Franz Lackner jedoch gegen eine Impfpflicht aus: „Wir bauen hier auf Eigenverantwortung.“ Er vertraue auf „das soziale Gewissen der Christen“.

    Als „eine Art Fastenzeit“ beschrieb der Vorsitzende der Bischofskonferenz am Freitag in Wien die Corona-Zeit für die Gläubigen. Als er selbst an Ostern in Salzburg „in den leeren Dom hinein gepredigt“ habe, da habe er gedacht: „Man hat uns das Volk genommen.“ In jeder Not liege aber auch eine Gnade. In unseren Breiten gebe es auch unter den Gläubigen allzu oft die Haltung eines Rechtsanspruchs. „Gott aber möchte manchmal mit weniger mehr tun.“
    Apropos „weniger“: Von der „Tagespost“ nach den Konsequenzen der Corona-Maßnahmen für die Kirchenfinanzen gefragt, bestätigte Erzbischof Lackner, dass es „sehr große Einbußen“ bei Kollekten und Sammlungen gebe. Der Einbruch bei der Kirchensteuer komme nach Angaben der kirchlichen Finanzexperten jedoch erst im kommenden Jahr.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.

    Weitere Artikel