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    Lugano

    Leo Scheffczyk lehrte katholisches Denken

    Eine Tagung würdigt die bleibende Bedeutung des Kardinals. Leo Scheffczyk lehrte dem Ganzen des Glaubens gemäß. Das ist genau die Definition von katholisch.

    Leo Kardinal Scheffczyk
    Foto: KNA

    Zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Geburt von Leo Scheffczyk im Februar diesen Jahres fand vom 14.–18. September an der Theologischen Fakultät Lugano eine internationale Tagung statt. Sie begann mit einem Pontifikalamt und der „lectio magistralis“ von Gerhard Kardinal Müller. Das Leitthema lautete „Glaube und Erfahrung. Im Dialog mit Leo Scheffczyk“.

    Verdienter Theologe

    Leo Scheffczyk, den Papst Johannes Paul II. 2001 wegen seiner theologischen Verdienste zum Kardinal ernannt hatte, verstarb am 8. Dezember 2005, dem Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter Maria. Kardinal Meisner würdigte seinerzeit in seiner Predigt zum Begräbnis dieses Datum als providenzielle Fügung, denn der schlesische Theologe hat sich seit seiner Habilitationsschrift über die Mariologie der Karolingerzeit intensiv mit der Gottesmutter befasst und ihre Verehrung gefördert. Da Maria „zuinnerst in die Heilsgeschichte eingegangen ist, vereint sie gewissermaßen die größten Glaubensgeheimnisse in sich und strahlt sie wider“ („Lumen gentium“ 65). Die im Sinne der Kirche betriebene Mariologie ist darum ein Heilmittel angesichts der Glaubenskrise, die in diesen Jahren besonders den deutschen Sprachraum heimsucht.

    Aufwertung des Katholischen

    Auf der Luganer Tagung würdigten mehrere Referenten das vielleicht wichtigste und originellste Werk von Scheffczyk: „Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt“. Wichtig ist hier bereits die Aufwertung des Attributes „Katholisch“. Viele Katholiken hierzulande, mit manchen Würdenträgern vorneweg, wollen nur gemäß ihren eigenen subjektiven Vorstellungen „Christen“ sein, aber das Katholisch-sein wird meistens versteckt und einer missverstandenen Ökumene mit den (liberalen) Protestanten geopfert. Das Werk Scheffczyks betont hingegen das Katholisch-sein als wesentliches Kennzeichen des Christseins, das schon der Apostolische Vater Ignatius von Antiochien erwähnt und im Glaubensbekenntnis der Konzilien von Nizäa und Konstantinopel genannt wird (dem „Credo“ unserer Messfeier). „Katholikos“ heißt „dem Ganzen gemäß“. Auf die Kirche angewandt, meint dieses Attribut zunächst eine qualitative Ganzheit, nämlich die Fülle der Heilsmittel (alle sieben Sakramente, das vollständige Glaubensbekenntnis, die Leitung durch Papst und Bischöfe als Nachfolger der Apostel). Diese Fülle kommt von der Gegenwart Christi in seinem mystischen Leib, der Kirche. Die qualitative Ganzheit ist freilich darauf angelegt, auch geographisch den ganzen Erdkreis zu umfassen. Von daher kann der hl. Augustinus den Schismatikern in Nordafrika gegenüber betonen: Die Kirche Christi gibt es nicht nur in Afrika, sondern in der ganzen Welt. Wichtig ist diese Perspektive gerade angesichts der gegenwärtigen Globalisierung, wie André-Marie Jerumanis (Lugano) hervorhob.

    Et - et

    Gegen das reformatorische „allein“ (allein die Gnade, allein der Glaube, allein die Schrift …) setzt Scheffczyk, wie auch andere Theologen vor ihm, das „et-et“, „sowohl als auch“: Gnade und Mitwirkung des freien menschlichen Willens, Glaube und Werke der Liebe, Schrift und Überlieferung … Scheffczyk ist freilich wohl der moderne Theologe, der das Thema des „et-et“ am deutlichsten herausgearbeitet hat. Dies betonte der italienische Dogmatiker Mauro Gagliardi, der seine eigene „Synthese der Dogmatik“, deren deutsche Ausgabe in Vorbereitung ist, ganz nach diesem Prinzip ausrichtet. Das „et-et“ bedeutet keinen Synkretismus, der wahllos verschiedene Dinge zusammenwirft, sondern nimmt Maß an Jesus Christus, den Mensch gewordenen Sohn Gottes: Das Göttliche (also das erste „et“) wird betont, aber auch das Menschliche (das zweite „et“) wird einbezogen.

    Grenzen von Gaudium et spes

    Auf diese Ausgewogenheit, die alle echten Anliegen aufnehmen kann, dürfen wir als katholische Christen stolz sein. Beim Synodalen Weg in Deutschland berufen sich viele Meinungsführer auf die „Zeichen der Zeit“, die vom Zweiten Vatikanum betont worden seien. Also müsse man die Sexualmoral ändern (die von den meisten Menschen nicht gelebt werde), angesichts der unbeschränkten Leitungsfunktionen der Frauen im weltlichen Bereich die männliche Bindung des Weihepriestertums abschaffen und sich dem gleichförmig machen, was das durchschnittliche Bewusstsein der gegenwärtigen Zeitgenossen im deutschen Sprachraum für richtig hält. Nach diesen „Reformen“, so meint man, werde sich die Kirche von ihrem Niedergang erholen und zu einer neuen Blüte gelangen. Wenn dieses Rezept stimmen würde, müsste es der viel „liberalen“ evangelischen Kirche in Deutschland prächtig gehen. Die Scheffczyk-Tagung stellte sich dieser Herausforderung auf der theologischen Ebene.

    Nicht überstrapazieren

    Das Zweite Vatikanum neigt in seiner Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute („Gaudium et spes“) zu einem gewissen Optimismus, der freilich von den damaligen deutschen Bischöfen kritisch gesehen wurde. Karl Rahner schrieb damals auf Anregung von Kardinal Döpfner ein lateinisches Gutachten, das dem fast schon definitiven Textentwurf unter anderem vorwarf, die Bedeutung der Erbsünde nicht hinreichend zu würdigen und in der Verhältnisbestimmung zur „Welt“ (die nach dem Neuen Testament von Gott geschaffen ist, aber von den Mächten des Bösen unterjocht wird) zu naiv zu sein. Der konziliare Text wurde nicht geändert, wohl aber eine Fußnote an den Beginn des Textes gesetzt, welche die Grenzen von „Gaudium et spes“ betont. Diese wenig bekannten Tatsachen wurden auf kundige Weise vom Luganer Privatdozenten Serafino M. Lanzetta vorgestellt. Leo Scheffczyk teilt in seiner Analyse zu dem genannten Punkt die Sicht Rahners, die von den damaligen deutschen Bischöfen sehr positiv aufgenommen wurde. Diese kritische Sicht könnte auch heute helfen, die „Zeichen der Zeit“ in der „Welt von heute“ nicht überzustrapazieren.

    Von Sünde geprägte Lebenswirklichkeit

    P. Richard Schenk OP hob hervor, dass schon „Gaudium et spes“ selbst einem weltförmigen Zeitgeistsurfing einen Riegel vorgeschoben hat, indem das Dokument betont, dass die „Zeichen der Zeit“ „im Lichte des Evangeliums“ zu „deuten“ seien (GS 4). Schenk beleuchtete die neuere Diskussion über das Verhältnis zwischen den eigenen Erkenntnisquellen der Theologie (loci proprii) und den „weltlichen“ Gesichtspunkten, die nicht zur Offenbarung gehören (loci alieni) im Anschluss an den spanischen Dominikaner Melchior Cano (16. Jh.). Dabei wird klar, dass die Kirche sich nicht von Fremdeinflüssen treiben lassen darf, der von manchen beschworenen „Lebenswirklichkeit“, die stark von der Sünde geprägt wird, sondern sich an der in Jesus Christus ein für allemal geschenkten Offenbarung auszurichten hat. Die menschliche Erfahrung hat auch für die Theologie eine große Bedeutung, aber das gilt nur dann, wenn sie sich demütig einfügt in den von der Kirche vermittelten katholischen Glauben.


    Das genaue Programm, Pressemitteilungen und Fotoaufnahmen der Tagung finden sich auf www.teologialugano.ch (eventi). Ein ausführlicherer Kongressbericht ist in Vorbereitung für die von Leo Scheffczyk begründete Zeitschrift „Forum Katholische Theologie“.

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