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    Würzburg

    Kommentar: Sonntagspflicht oder Dispens vom Kirchengebot?

    Wer sich dieser Tage die Frage stellt, ob die Sonntagspflicht, von der im Zuge der Corona-Pandemie in zahlreichen Diözesen dispensiert wurde, inzwischen wieder gilt, erhält je nach Wohnort drei unterschiedliche Antworten.

    Sonntagspflicht oder Dispens vom Kirchengebot?
    Die Frage stellt sich, ob die Sonntagspflicht, von der im Zuge der Corona-Pandemie in zahlreichen Diözesen aufgehoben wu... Foto: Franziska Kraufmann (dpa)

    Der Erzbischof von Bamberg sowie die Bischöfe von Fulda und Hildesheim haben die Sonntagspflicht wieder in Kraft gesetzt, verweisen aber darauf, dass gemäß geltendem Kirchenrecht bei gesundheitlicher Gefährdung oder wenn die Möglichkeit zur Teilnahme vor Ort nicht besteht, kein Gottesdienst besucht werden muss.

    In den meisten Bistümern wurde die generelle Dispens jedoch beibehalten. Das ist verwunderlich. Denn eigentlich ist der Codex Iuris Canonici in dieser Frage vollkommen klar. Kanon 1248 § 2 sieht vor, dass die Gläubigen sich „eine entsprechende Zeit lang dem persönlichen Gebet oder dem Gebet in der Familie oder gegebenenfalls im Familienkreis widmen“, wenn aus einem „schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist“. Eine Dispens wäre deshalb eigentlich gar nicht nötig gewesen. Dennoch gab es nur zwei Diözesen, die Bistümer Regensburg und Osnabrück, in denen gemäß CIC darauf hingewiesen wurde, dass die Gläubigen aufgrund des Lockdowns und des Verbots öffentlich gefeierter Gottesdienste ihre Sonntagspflicht auf die im kirchlichen Gesetzbuch genannte Weise erfüllen und, soweit möglich, an einem über das Internet, das Fernsehen oder im Radio ausgestrahlten Gottesdienst teilnehmen mögen. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Bischöfe entschied sich hingegen für eine Aufhebung der Sonntagspflicht. Doch diese Dispens hat, von vielen offenbar nicht bedachte, Folgen. „Man sollte nicht übersehen“, so der Münchener Professor für Kirchenrecht Pater Stephan Haering, „dass zum Sonntagsgebot nicht nur die Messpflicht gehört, sondern auch die Arbeitsruhe. Davon zu dispensieren bestand kein Anlass.“

    Sonntagsgebot umfängt nicht nur die Messpflicht

    So entsteht zum einen der Eindruck, dass die eilige Aufhebung der Sonntagspflicht unter einem gefühlten gesellschaftlichen Druck erfolgte. Man wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass – vor allem gesundheitlich besonders gefährdete Menschen – unter Druck gesetzt würden, etwas zu tun, was ihnen schaden könne. Ein an sich gutes Motiv, aber mit Blick auf die kirchliche Gesetzeslage unnötig.

    Stattdessen wären der Lockdown und das Verbot gottesdienstlicher Feiern eine Chance zur Verkündigung gewesen. Man hätte die vielen inzwischen dem Sinn und Inhalt nach nicht mehr bekannte Sonntagspflicht in einem angesichts der Umstände von zahlreichen Menschen beachteten katechetischen Prozess geistlich erschließen können. So aber wurden viele gute Angebote – Betrachtungen per Rundmail, Whatsappgruppen, in denen geistliche Musik und spirituelle Impulse geteilt wurden und natürlich online ausgestrahlte Gottesdienste – logisch betrachtet – durch das Aussetzen der Sonntagspflicht ad absurdum geführt. Sie wirken dann wie das Angebot an eine Schulklasse, eine Hausaufgabe freiwillig zu erledigen, was, wie jeder Lehrer weiß, dann maximal drei ambitionierte Schüler tun.

    Geistliche Formung auch im Lock down

    Nun hat die Dispens sicherlich niemanden davon abgehalten, die vielen Angebote zu nutzen. Aber die Chance zur geistlichen Formung zu vertun, ist dennoch ein sprechendes Zeichen für die gegenwärtige Situation der Kirche in Deutschland. Und es gibt – gewiss ungewollt – denen Recht, die die Behauptung in den Raum stellen, der christliche Glaube trage nicht zur Bewältigung der Krise bei.

    "Aber die Chance zur geistlichen Formung zu vertun,
    ist dennoch ein sprechendes Zeichen ... . "

    Der dritte signifikante Umstand ist die bestehende Uneinigkeit der Bischöfe: Die einen haben die Sonntagspflicht inzwischen wieder eingeführt, die anderen bleiben bei der Dispens. Dies macht den Eindruck, dass hier jeder die Regel nach seiner Fasson auslegt. Das wäre sicherlich kein Schaden, wenn Auslegungsspielraum bestünde oder die schiere Notwendigkeit aufgrund unterschiedlicher lokaler Verhältnisse dies nahelegte, aber beides ist nicht der Fall. Insofern ist der Umgang mit der Frage, was tun, wenn die Kirchen durch eine staatliche Verordnung geschlossen werden, zu einem Lehrstück in Sachen Kirchlichkeit geworden. Die überbordende Debattenkultur, die den performativen Prozess der Vermittlung der kirchlichen Lehre weitgehend ersetzt hat, trägt auch hier ihre keineswegs nährenden Früchte.

    Überbordende Debatten bringen keine nährenden Früchte

    Das ist schade, denn es gibt in unserer Tradition durchaus Antworten auf die Frage, wie man auf Krisen wie die derzeitige reagieren und im christlichen Sinne mit ihr umgehen kann. Der heilige Karl Borromäus beispielsweise ließ sich von den Stadtoberen in Mailand keineswegs davon abhalten, Kranke und Sterbende zu besuchen, als die Pest grassierte, sondern riskierte lieber einen Prozess, bei dem er am Ende übrigens freigesprochen wurde, und unternahm gemeinsam mit zwölf Klerikern seines Bistums eine stellvertretende Wallfahrt zum Grabtuch von Turin.

    Um wieviel mehr kann der Verweis auf diese überzeitliche Wirklichkeit durch unsere Hirten die Freude am Glauben mehren! Denn nicht die Gesundheit, sondern das ewige Leben ist das höchste Gut. Und die Konzentration darauf kann unter der ebenso sinnvollen wie Notwendigen Beibehaltung oder der zügigen Wiedereinsetzung der Sonntagspflicht mit ihrer Einladung zur Ruhe vor dem Herrn, zum gemeinsamen Gebet und zur geistlichen Lektüre zum Wegweiser aus der gegenwärtigen Krise werden. Die Chance dazu besteht mancherorts bereits.

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