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    Madrid

    In Spanien gerät die Kirche unter Druck

    Nicht erst durch die Corona-Krise legt sich eine Kirchenfinsternis über die spanische Halbinsel: Die spanischen Hierarchie ließ sich von den politischen Machthabern umgarnen. Barmherzigkeit ging zu Lasten der geistlichen Werke.

    Nicht nur in Spanien steckt die Kirche in einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Foto: Adobe Stock Gil Maria Campos

    Das Bild der laikalen Trauerfeier zu Ehren der Coronavirus-Opfer, die im vergangenen Juli in Madrid stattfand, fasst den Einflussverlust der katholischen Kirche in der spanischen Gesellschaft am besten zusammen. Bei der Feier mit vagen freimaurerischen Anklängen, die eigentlich die grobe Fahrlässigkeit einer Regierung zu kaschieren suchte, die von den Ereignissen überrollt wurde und die die wirklichen Todesopferzahlen verschleiert hat, ging es um eine Inszenierung: vorzuführen, dass Spanien nicht mehr katholisch ist.

    Obwohl in der Verfassung von 1978 als „konfessionslos“ (nicht aber laizistisch) definiert, hatte der spanische Staat bislang stets akzeptiert, dass die beste offizielle Totenehrung in der Feier einer Messe nach katholischem Ritus besteht. Denn die Mehrheit der Spanier bekennt sich immer noch – in einigen Fällen aus Überzeugung, in vielen anderen aus kulturellen Gründen – zu diesem Glauben. Mit der Veranstaltung der synkretistischen Zeremonie sandte die von Pedro Sánchez geführte Regierung eine unmissverständliche Botschaft aus: Die katholische Kirche ist lediglich ein weiteres religiöses Angebot unter vielen anderen im geistlichen Supermarkt; ihr wird kein Vorrang mehr zugestanden.

    Die Coronakrise verdeutlicht den Rückzug der Kirche

    Allgemein ist festzustellen, dass die Coronavirus-Pandemie einen beunruhigenden Rückzug der spanischen katholischen Hierarchie verdeutlicht hat. So akzeptierten die Bischöfe beispielsweise ohne Widerspruch, dass in den verheerendsten Corona-Monaten kranke Katholiken starben, ohne die Sterbesakramente empfangen zu haben, ohne auch nur den geringsten geistlichen Trost zu erhalten. Als besonders kläglich nahmen sich die Kirchenschließungen in vielen spanischen Bistümern aus, die nirgends von den Behörden auferlegt, sondern vom jeweiligen Bischof verfügt wurden. Dadurch wurde der spanischen Gesellschaft das schmerzliche Bild einer „Kirchenfinsternis“ vermittelt, und das gerade inmitten einer Seuche, wohingegen historisch gesehen unter solchen Umständen die Rolle der Kirche immer gestärkt wurde. Natürlich gab es Ausnahmen von diesem betrüblichen „Kirchenschwund“, so etwa der Bischof von Alcalá de Henares, einem Suffraganbistum von Madrid. Im Allgemeinen aber kann das von der spanischen kirchlichen Hierarchie vermittelte Bild eines Rückzugs als recht schmerzhaft bezeichnet werden.

    Dies ist freilich keine vereinzelte Haltung. Kurz zuvor wurden die sterblichen Überreste des Diktators Francisco Franco umgebettet, die bis dahin in der „Basilika des Tals der Gefallenen“ begraben waren, wobei der Diktator nicht auf seinen eigenen Wunsch, sondern auf Wunsch seines Nachfolgers als Staatsoberhaupt, König Juan Carlos I., dort beigesetzt wurde. Es liegt auf der Hand, dass sich die spanische Hierarchie deshalb dieser makabren Handlung nicht widersetzte und nicht einmal ihren Unmut darüber zeigte, weil sie sich vom Erbe Francos zu distanzieren suchte. Denn progressive Kreise werfen ihr gerade immer wieder vor, ein Erbe der Diktatur zu sein.

    Bischöfe zeigen dem Staat keine Grenzen auf

    Die Bischöfe haben indes nicht verstanden, dass mit der Verfügung über die in einer geweihten Basilika beigesetzten sterblichen Überreste der Staat eigentlich die Widerstandsfähigkeit der Kirche gegen einen – wenn auch von den höchsten gerichtlichen Instanzen gebilligten – Amtsmissbrauch auf die Probe stellte. Niemand verkennt, dass auf Francos Umbettung viele andere folgen werden ... Darauf könnte womöglich sogar die Vertreibung der Benediktinergemeinschaft aus dem Tal der Gefallenen folgen. Hinter dem Revanchismus verbirgt sich ein noch heimtückischeres Ränkespiel, dessen Endziel eine verdeckte „Desamortisation“ (Beschlagnahme) von Kircheneigentum ist. Die Kirche wird nun gezwungen, Steuern zu zahlen, von denen sie wie auch andere Konfessionen und gemeinnützige Vereine bisher befreit war. Es werden ihr sogar viele Besitztümer entrissen, dessen Eigentum sie ersteingetragen hatte. Darunter befinden sich etliche Kathedralen, etwa die in Córdoba, die zur bevorzugten Beute der rasend antikatholischen Linken im Einklang mit muslimischen Vereinigungen geworden ist. Denn diese sehnen sich danach, sie in eine Moschee zu verwandeln, wobei (zur Verschleierung) als Zwischenschritt ein Museum oder ein „interreligiöses Zentrum“ vorgeschlagen wird. Ein solcher, noch vor ein paar Jahren unvorstellbarer Anspruch ist heute eine ständige Forderung seitens antikatholischer Kreise, die sich als neutral tarnen.

    Die Erbsünde der spanischen katholischen Hierarchie liegt zweifellos in der „Bärenumarmung“, die sie sich von den politischen Machthabern zunächst im Franco-Regime und dann im Übergang zur Demokratie gefallen ließ. Die „Bärenumarmung“ brachte verschiedene Vorteile mit sich, etwa eine vom Staat selbst eingezogene Steuerzuteilung. Die Krönung solcher Vorteile war eine finanzielle Regelung für katholische anerkannte Ersatzschulen, die für sie (wenigstens dem Anschein nach) vorteilhaft war. Die Vereinbarungen haben allerdings am Ende einen Verlust an Autonomie für die katholischen Schulen mit sich gebracht. Nun, da die sie leitenden Ordensgemeinschaften im Sterben liegen, werden die anerkannten Ersatzschulen von einer zunehmend feindseligen und interventionistischen Gesetzgebung umzingelt. Sie wird sie schließlich dazu zwingen, die Gender-Ideologie und weitere „Errungenschaften“ des Social Engineering in den Unterrichtsplan zu übernehmen. Unterdessen werden ebenfalls die Angriffe auf das Fach Religion unerträglich. Es besteht darüber hinaus der Verdacht, dass die spanische katholische Schule nicht mehr auf die Unterstützung der Gesellschaft zählen kann, die es ihr früher erlaubte, Proteste und überwältigende Demonstrationen zu organisieren. Denn inzwischen schicken viele Eltern ihre Kinder in katholische Schulen nicht deshalb, damit sie dort eine ganzheitliche moralische und religiöse Ausbildung erhalten, sondern weil sie selbstsüchtig der Ansicht sind, dass deren Bildungsniveau besser ist.

    Die Kirche widmet sich zur NGO um

    Es ist bemerkenswert, dass die Regierung zwar die katholische Schule unterdrückt, aber das derzeitige Steuerzuteilungssystem nicht in Frage stellt, das die Freiheit der Kirche untergräbt und dazu führt, dass viele Spanier und darunter auch etliche Katholiken die Kirche als rücksichtslose Geldeintreibungsmaschine wahrnehmen. In diesem Sinne ist es schon etwas obszön, dass die Kirche einmal im Jahr richtig öffentlich präsent ist ... wenn die jährliche Werbekampagne stattfindet, mit der sie die Steuerzahler auffordert, einen kleinen Teil ihrer Steuern für die Kirchenfinanzierung aufzuwenden. (In Spanien kann der Steuerzahler selbst entscheiden, ob die Zusatzsteuer der katholischen Kirche oder aber einer anderen Einrichtung, etwa einer Nichtregierungsorganisation, zugute kommen soll, A. d. R.). Der Staat ist insgesamt darüber froh, dass die Kirche auf diese Steuerzuteilung angewiesen ist, die sie in eine Art „solidarischer Verein“ verwandelt: Dadurch widmet sie sich – wie jede Nichregierungsorganisation auch – den leiblichen Werken der Barmherzigkeit, verzichtet aber gleichzeitig auf deren geistlichen Werke. Hellsehende katholische Kreise sind sich dieses Schachzugs bewusst, nicht so jedoch die kirchliche Hierarchie, deren abdankende Haltung viele Bewegungen, die bis vor kurzem sehr aktiv waren, zu ernsthafter Entmutigung führt.

    "Der Staat ist insgesamt darüber froh,
    dass die Kirche auf diese Steuerzuteilung angewiesen ist,
    die sie in eine Art „solidarischer Verein“ verwandelt."

    Dies gilt etwa für die Pro-Life-Bewegungen, die in jüngster Zeit ein beachtliches Maß an gesellschaftlicher Unterstützung erreicht hatten. Der Zuspruch wurde jedoch von rechten politischen Parteien geschickt genutzt: Sie machten aus der Verteidigung des ungeborenen Lebens ein Trompe-l’oeil, denn sie benutzten sie als Werbung, um katholische Stimmen zu fangen. Allerdings enttäuschten sie hinterher dadurch diese Wähler, dass sie die von der Linken durchgesetzte, hartherzige Abtreibungsgesetzgebung aufrechterhielten. Leider gelang es den spanischen Pro-Life-Bewegungen nie, ihre aufrechten Anliegen in die Verteidigung einer „christlichen Wirtschaft“ als Alternative zum geburtsfeindlichen Kapitalismus zu integrieren, der die familiären und gemeinschaftlichen Bindungen zersetzt. Nachdem sie sich von den Rechten täuschen ließen, die sie zum Stimmenfang ausnutzten, scheinen sie nun erschöpft zu sein. Daran ist teilweise eine kirchliche Hierarchie schuld, die solche Themen aus ihrer Tagesordnung gestrichen hat, um sich dem Umweltschutz und anderen Positionen zu widmen, die ihr weltlichen Beifall garantieren. Unterdessen entwirft die spanische Regierung immer aggressivere Gesetze zur Umsetzung einer globalisierten Agenda, wobei sie ein besonderes Interesse an der Legalisierung der Euthanasie sowie an der Umsetzung radikalster Varianten der Gender-Ideologie zeigt.

    Minderheitensektor mit immer schärferen Positionen

    Besonders auffällig dabei ist, dass angefangen bei den Kardinälen Omella und Osoro die prominentesten kirchlichen Vertreter unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. sowie unter der Aufsicht des damals allmächtigen Kardinal Rouco ernannt wurden. Es handelt sich also um konservative Bischöfe, die in jüngster Zeit jedoch scheinheilig progressive Positionen vertreten. Dies tun sie zweifellos mit der Absicht, ein attraktives Gesicht der Kirche zu zeigen, aber die Seichtheit solcher Haltungen bewegt niemanden. Während die spanische Kirche immer kleiner und kleiner wird (wie der ständige Rückgang der religiösen Praxis zeigt), entsteht ein Minderheitensektor mit immer schärferen Positionen (und ständigen Vorwürfen gegen Papst Franziskus), den die Gesellschaft größtenteils als einen Haufen übereifriger „Ultrakatholiken“ wahrnimmt. So erfüllt sich der hinterhältige Ratschlag des Teufels Screwtape an seinen Neffen Wormwood im unsterblichen Werk von C.S. Lewis, der darin besteht, die Kirche zu verkleinern und gleichzeitig die immer weniger Gläubigen zu fanatisieren, sodass die idiotischen Massen sie für aggressive Verrückte halten.

    Wir können schließlich die Diagnose wagen, dass das große Übel der spanischen Kirche in der „Bärenumarmung“ durch die politische Macht liegt. Sie begann in der Zeit des Franco-Regimes, wurde dann in der Demokratie aufrechterhalten, und hat die Kirche zu einem Eunuchen gemacht. Nicht umsonst sind die stärksten katholischen Kreise heute diejenigen, die auf einen in den natürlichen Vollzügen des Lebens verkörperten Glauben gesetzt haben, der aber von ideologischen Zuschreibungen ... und von einem vergänglichen kirchlichen Getue völlig losgelöst ist.

    Juan Manuel de Prada ist durch seine Zeitungskolumnen sowie durch seine Auftritte in Rundfunk- und Fernsehsendungen einer der bekanntesten Literaturkritiker und politischer Kommentator Spaniens sowie als Romanautor ebenfalls einem deutschen Publikum bekannt.

    Übersetzung aus dem Spanischen von José García

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