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    Passau

    Im Blickpunkt: Gott will uns als Liebende und Heilige

    Der Verlust der Frage nach dem Heil hat wesentlich zum Relevanzverlust der Kirchen geführt, meint der Passauer Bischof Stefan Oster. Neues kirchliches Wachstum kann nur dort entstehen, wo Christus die Mitte ist.

    Bischof Stefan Oster: Gott will uns als Liebende und Heilige
    Kirchliches Wachstum wird dort erfahrbar, wo Menschen aus ihrer persönlichen Ergriffenheit und Entschiedenheit für Chris... Foto: Armin Weigel (dpa)

    Die Austrittszahlen sind wieder höher in diesem Jahr – und wieder beteuern wir Bischöfe, dass wir betroffen sind von den hohen Zahlen, dass es dramatisch sei, und dass jeder Austritt einer zu viel sei. Wie jedes Jahr. Wenn ich mit jungen Menschen zusammen bin, egal welchen Hintergrund sie haben, dann wundert mich allerdings eher, dass die Zahlen immer noch linear ansteigen und nicht exponentiell. So massiv ist die Entfremdung, so weit weg scheinen so viele junge Menschen innerlich zu sein – so weit scheint für sie der Weg und für andere der Rückweg zu einer Kirche, die sie im Grunde fast nur noch von außen, vor allem medial und dann noch überwiegend als skandalös wahrnehmen. 

    Der herkömmliche Weg des Christwerdens funktioniert kaum noch

    Wir leben in einer pluralen, postmodernen Gesellschaft mit den großen Trends des Individualismus, der Digitalisierung, des Strebens nach materiellem Wohlergehen und anderem mehr. Gesellschaft verändert sich seit wenigen Jahrzehnten dramatisch und der Prozess wird weitergehen. Aber wir als Kirche haben auf die Frage: „Wie wird heute jemand Christ?“ trotzdem konstant so geantwortet, wie auch die vergangenen Jahrzehnte zuvor: Der junge Mensch wächst in einer katholischen Familie auf, geht in den katholischen Kindergarten, dann in den katholischen Schulunterricht, bekommt Vorbereitung auf Erstkommunion, Beichte, Firmung, geht vielleicht in eine Jugendgruppe – und ist dann irgendwie und irgendwann auch gläubig. Zumal, wenn er das Glück hatte, auf dieser Reise auch noch dem ein oder anderen glaubwürdigen Christenmenschen zu begegnen. Und was hier die Ehrlichkeit betrifft: Wir nehmen nur widerwillig zur Kenntnis, dass dieser Weg des Christwerdens schon eine ganze Zeit kaum noch funktioniert – und haben zugleich kaum eine Antwort, wie es denn besser gehen könnte. 

    Was sagen uns die Zeichen der Zeit? Geht es tatsächlich darum, die für viele Menschen und Medien brennenden Fragen nach Macht, Zölibat, Sexualmoral und Partizipation von Frauen neu zu beantworten? Ich würde sagen: Grundsätzlich ja, grundsätzlich ist der Ansatz bei der Frage nach dem Verhältnis von Macht und echter geistlicher Autorität einer der wichtigsten Ansätze, der aus meiner Sicht auch Licht in die anderen Themenfelder werfen würde. Und womöglich würde die existenzielle Erkenntnis, dass Gott aus uns Liebende und Heilige machen will, dazu führen, dass die anderen drei Themen am Ende doch weniger relevant für die Relevanzfrage der Kirche würden. 

    Die Zukunft der Kirche, sichtbar als Kirche der Zukunft

    Denn noch viel grundsätzlicher geht es um die Frage, die wir meines Erachtens offensichtlich vergessen haben: Was ist das Heil? Und welches Verhältnis zum Messias braucht es, damit möglichst viele Menschen dieses Heil erfahren? Einzeln und als Gemeinschaft? Meines Erachtens hat der Verlust dieser relevantesten aller Fragen zum Relevanzverlust der Kirche(n!) geführt – und wird es weiter tun. 

    Zugleich sehen wir den Anbruch des Neuen: Kirchliches Wachstum wird dort erfahrbar, wo Menschen aus ihrer persönlichen Ergriffenheit und Entschiedenheit für Christus gehen, wo Gemeinschaften erlebbar werden, in denen Christus die Mitte ist – und die sich deshalb für die Gemeinschaft und Gesellschaft engagieren. Und womöglich werden die neuen Medien intensiver und in neueren Formaten mehr genutzt werden als je zuvor. Corona macht nicht nur die Leere einer älter werdenden Gestalt von Kirche sichtbarer als zuvor – die Krise bringt auch die neuen Erscheinungsformen von gläubigem Leben beschleunigt hervor: Tieferes, geistliches Leben, neue Gemeinschaftsformen und neue Formen der Verkündigung. Die Zukunft der Kirche fängt an schon sichtbar zu werden als Kirche der Zukunft. 

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