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    Karlsruhe

    Im Blickpunkt: Der fundamentale Streit ums Kruzifix

    Vor 25 Jahren verkündete das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung gegen das Kruzifix in Klassenzimmern. Die Entscheidung wurde mit der einer uneingeschränkten Religionsfreiheit begründet. Doch das Kreuz ist im christlichen Abendland zugleich das Zeichen der Basis von Werten und Rechtsordnung.

    Das Kreuz ist im christlichen Abendland zugleich das Zeichen der Basis von Werten und Rechtsordnung.
    Vor 25 Jahren verkündete das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung gegen das Kruzifix in Klassenzimmern. Die Entsc... Foto: Tobias Hase (dpa)

    Vor 25 Jahren, am 10. August 1995, verkündete das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung gegen das Kruzifix in Klassenzimmern. Es waren drei Schüler und deren Eltern, die aufgrund ihrer anthroposophischen Weltanschauung gegen die Aufhängung von Kreuzen in bayrischen Klassenzimmern geklagt hatten. Die Entscheidung wurde mit Art. 4 des Grundgesetzes begründet, der eine uneingeschränkte Religionsfreiheit gewährt. Nach Auffassung des Gerichts gehört dazu die negative Religionsfreiheit. Den Kindern war der Anblick des Kreuzes nach Ansicht des Gerichts nicht zuzumuten.

    Das Kruzifix ist das Zeichen des christlichen Glaubens schlechthin. Kein anderes Symbol zeigt deutlicher, wie das Heil erworben wurde. Der Erlöser der Menschen musste einen grausamen Tod sterben. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis sich das Symbol im Christentum etablierte. Im christlichen Abendland war das Kreuz ein Bekenntnis und zugleich das Zeichen der Basis von Werten und Rechtsordnung. Darum hängt das Kreuz in Schulen, Behörden und Gerichten. Darum findet es sich in Wohnungen, Wirtshäusern, Krankenhäusern und Altenheimen. Das Kreuz ist dem Menschen in unserer Kultur real wie auch im übertragenen Sinn stets vor Augen gewesen.

    Das Urteil wurde der Sache nicht gerecht

    Es war eine Frage der Zeit, bis sich die Bürger in einer fast vollkommen säkularisierten Gesellschaft an einem Zeichen solcher Deutlichkeit stören mussten und es zu einem Streit vor Gericht führen würde. Das Ende eines solch fundamentalen Streits konnte nur aufgrund einer höchstrichterlichen Entscheidung zu erwarten sein. Der Prozess wurde denkbar emotional geführt und von aufgebrachten Demonstrationen begleitet. Der Sache selbst wurde das nicht gerecht. Es geht um Vernunft. „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, so lautet das berühmte Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde. Das Kreuz steht genau für diese Voraussetzungen, auf denen dieser Staat und sein Rechtssystem beruhen. Es hätte in einem Land mit so deutlich christlicher Tradition eine mit Vernunft gut begründete Grundsatzentscheidung für das Kreuz geben müssen.

    Das Bundesverfassungsgericht hat dagegen den Grundsatz der negativen Religionsfreiheit der freien Religionsausübung übergeordnet. Dieser Paradigmenwechsel hat nicht nur die Sicht auf das Kreuz, sondern die Sicht auf die Religion insgesamt verändert. In seiner Rechtsprechung seither folgt das höchste Gericht diesem Grundsatz. Bekannt geworden ist dazu unter anderem das Kopftuchurteil. Dass das Kreuz dennoch nicht ganz aus dem öffentlichen Raum verschwindet und der bayrische Kreuzerlass von Ministerpräsident Söder Bestand haben dürfte, ist ebenfalls jener Entscheidung zu verdanken. Der Betrachter dürfe dem Kreuz nicht ausgeliefert sein, lautet eine der Einschränkungen, die das Urteil machte. So sind Kreuze vorhanden, aber aus dem Zentrum an den Rand gerückt.

    Es wäre Aufgabe der Kirche, das Kreuz wieder ins Zentrum zu rücken, statt an Kreuzerlassen herumzumäkeln. Immerhin sieht nicht einmal der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Anblick eines Kreuzes als Verstoß gegen die Menschenrechte. Das Urteil hatte in bayrischen Klassen keine Folgen. Aufgrund der neuen Schulordnung hängen in Bayern weiterhin Kreuze in den Klassenzimmern. Sie werden nur abgehängt, wenn atypische Ausnahmefälle vorliegen und das Abhängen durch einzelne Klagen ausdrücklich verlangt wird.

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