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    Graz

    Im Blickpunkt: Auch in der Pandemie will Gott uns nahe sein!

    Gerade in dieser Zeit innerer und äußerer Nöte muss die Kirche den Menschen nahe sein, statt sich von ihnen zurückzuziehen: Und zwar mit der befreienden Botschaft, dass Gott wirklich der Herr der Geschichte und unseres Lebens ist.

    Foto: Sven Hoppe (dpa)

    Das Christentum ist – anders als Gnosis, Esoterik und viele Ideologien – eine zutiefst sinnliche Religion. Weihrauch für die Nase, Ikonen und Architektur fürs Auge, Chorgesang und Orgelspiel fürs Ohr, Weihwasser und Öl für die Haut, eucharistische Gaben für den Geschmackssinn. Vieles kann man wohl fasten, reduzieren, zeitweise vermissen und doch demütig ersehnen. Unaufgebbar ist jedoch, dass die Kirche nur inkarnatorisch sein und wirken kann, denn sie ist der „corpus Christi mysticum“. Der Leib des Herrn aber ist nie bloß virtuell, sondern allein im Begreifen begreifbar. Gott blieb ja nicht Idee, Vorstellung, Erfahrung, Vision. Er wurde Mensch, ja „Fleisch“ (Joh 1,14) und war fleischlich erfahrbar: indem er mit den Seinen aß und trank, Menschen berührte und sich von ihnen berühren ließ, den Zweifler in seine Wunden hineinfühlen ließ. Johannes lag an seiner Seite, römische Soldaten folterten ihn grausam zu Tode.

    Wie ihr Herr ist auch die Kirche Christi sinnlich erfahrbar, am authentischsten und tiefsten in den Sakramenten, die unserer Natur als fleischliche Sinnenwesen entsprechen. Die Sakramente sind die Verlängerung der physischen Präsenz Christi in unserer Menschenwelt. In ihnen wird Gottes Heilshandeln fassbar. Der Rückzug der Kirche ins rein Virtuelle ist darum immer defizitär. Ja, der Mensch kann auch zuhause oder im Wald beten, und als Christ würde man gerne mehr Waldbetern begegnen. Gleichwohl sind auch noch so große Scharen von Waldbetern noch nicht „Kirche“.

    Corona-Pandemie ist diabolisch

    So ist die Corona-Pandemie zweifellos diabolisch: Sie erklärt das, was wir Menschen brauchen (nämlich Nähe und Berührung) zur Gefahr, aber das, was uns krank und einsam macht (Selbstisolation und anonymisierende Maskerade) zur rettenden Zuflucht.

    Sicher, die Kirche muss alle vernünftigen Sicherheitsregeln beachten und soll niemanden in Gefahr bringen. Aber gerade in dieser Zeit der Not muss sie Leidenden, Verängstigten, Kranken und Sterbenden nahe sein: nicht theoretisch und virtuell, sondern sakramental und menschlich. Die Frage ist also nicht, ob Gottesdienste stattfinden können, sondern wie. Das ist von Bischöfen, Priestern und Laien Phantasie gefordert!

    Schon viele Christen an Leben ohne Gottesdienst gewöhnt

    Eine Kirche, die sich in der Not nicht als brauchbar erweist, wird als unbrauchbar links liegen gelassen. Eine Kirche, die angesichts der nicht nur gesundheitlichen Not unserer Tage so tut, als könnten die Gläubigen gerade jetzt auf die Stärkung und Tröstung durch Gottesdienste und Sakramente ruhig ein paar Monate verzichten, muss sich nicht wundern, wenn viele für immer darauf verzichten. Schon jetzt ist offensichtlich, dass die Pandemie auch einen Säkularisierungsschub gebracht hat. Viele Christen, die sich in diesen Monaten der Corona-Krise daran gewöhnt haben, den Sonntag ohne Messe und das Leben ohne Sakramente zu gestalten, werden in der Post-Corona-Ära nicht mehr zurückkehren. Warum sollten sie auch? Eine Kirche, die sich (dogmatisch wie sakramental) selbst nicht ernst nimmt, kann nicht erwarten, dass sie von irgendjemandem ernst genommen wird.

    Gerade in dieser Zeit innerer und äußerer Nöte muss die Kirche den Menschen nahe sein, statt sich von ihnen zurückzuziehen: Und zwar mit der befreienden Botschaft, dass Gott wirklich der Herr der Geschichte und unseres Lebens ist. Nicht etwa, weil das eine so gute Marketingstrategie wäre, sondern weil es stimmt. Wenn wir glauben, dass Gott nicht nur vor zwei Jahrtausenden gewirkt hat, sondern auch heute wirken kann und will, müssten wir jetzt mehr beten, mehr segnen, mehr nach seiner Nähe in den sakramentalen Heilszeichen suchen denn je. Und die Kirche sollte ihre Hemmungen ablegen, wieder offen über den Sinn des Leidens, das Ziel christlichen Sterbens und die ewige Bestimmung des Menschen zu predigten. Die Spaßgesellschaft war immer schon lächerlich, jetzt aber ist ihr das Lachen im Halse stecken geblieben. Es ist Zeit für eine neue christliche Ernsthaftigkeit.

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