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    Freiburg

    Gastkommentar um „5 vor 12“: Zivilreligiöse Verflüssigung

    Bischof Bätzings Vorschlag eines interreligiösen Feiertages des Wir-Gefühls und der Besinnung ist ebenso irritierend wie seine Einschätzung der Corona-Krise als möglicher „Glücksfall der Geschichte“.

    Bätzing-Vorstoß stößt auf Kritik
    Bätzings Vorschlag einen „Tag des Wir-Gefühls und der Besinnung“ zu feiern, dürfte vor allem zivilreligiös motiviert sei... Foto: Andreas Arnold (dpa)

    Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Limburger Bischof Georg Bätzing, hat sich schon mehrfach zur Corona-Krise geäußert. Er betrachtet sie als Chance für eine solidarische Gesellschaft, nannte sie gar einen möglichen „Glücksfall der Geschichte“. In seinem jüngsten Beitrag für die „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“ schlägt er einen interreligiösen Feiertag vor. Dieser soll, anknüpfend an die Unterbrechung des Alltags, wie sie Juden (Sabbat), Christen (Sonntag) und Muslime (Freitagsgebet) begehen, an die große Unterbrechung des Lockdown erinnern.

    Die kritischen Stimmen überwiegen

    Das Echo auf Bätzings Vorschlag ist gemischt, die kritischen Stimmen überwiegen. Deutlicher Widerspruch kam vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland: Feiertage, so Josef Schuster gegenüber der „Katholischen Nachrichtenagentur“, seien in erster Linie biblisch begründet. Man könne religiöse Feiertage nicht einfach erfinden. 

    Dass dies nicht nur für jüdische, sondern ebenso für christliche Feiertage gilt, weiß auch Bätzing. Sein Vorschlag einen „Tag des Wir-Gefühls und der Besinnung“ zu feiern, dürfte aber vor allem zivilreligiös motiviert sein, wie die Idee einer Gedenkfeier für die Corona–Opfer, die Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier ins Spiel brachte. „Der Corona-Tod ist ein einsamer Tod", sagte Steinmeier, ein Sterben vielfach ohne den Beistand von Angehörigen, die nicht Abschied nehmen können.

    Das aber war von der Corona-Politik von Bund und Ländern in Kauf genommen. „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“, hatte Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, auf dem Höhepunkt der Corona-Krise erklärt. Das könnte einer der Gründe sein, warum er jetzt die Idee einer staatlichen Corona-Gedenkfeier unterstützt. 

    Theologisch wussten die Bischöfe kaum etwas zu sagen

    Die katholischen Bischöfe haben den einsamen Corona-Tod beklagt, lautstarke Proteste gegen die Inhumanität des isolierten Sterbens gab es nicht. Man demonstrierte Staatstreue, lobte die Corona-Politik von Kanzlerin Merkel und der Landesregierungen, teilweise verschärfte man noch die staatlichen Corona-Verordnungen. Theologisch wusste die Mehrheit der deutschen Bischöfe zu Corona kaum etwas zu sagen. Selbstkritische Stimmen, wie die von Kardinal Rainer Maria Woelki, der meinte, die katholische Kirche habe in der Corona–Krise zu wenig Antworten auf die existentiellen Fragen des Lebens gegeben habe, sind die Ausnahme. 

    Man mag es als Aufgabe des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sehen, das Verhalten der katholischen Kirche in der Corona-Krise gegenüber öffentlicher Kritik zu verteidigen. Doch Bischof Bätzings Vorschlag eines interreligiösen Feiertages des Wir-Gefühls und der Besinnung ist ebenso irritierend wie seine Einschätzung der Corona-Krise als möglicher „Glücksfall der Geschichte“. Die drei großen monotheistischen Religionen haben zwar durchaus etwas mit Gemeinschaftsgefühl zu tun. In erster Linie aber sind sie Gottesgedenken, Hingabe, Gebet und Nächstenliebe. Sie lassen sich nicht zivilreligiös in einen Feiertag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts verflüssigen.

    Der Autor hat den Lehrstuhl für Dogmatik und Liturgiewissenschaft an der Theologische Fakultät der Universität Freiburg inne

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