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    Köln

    Fundamentaler Dissens zur Lehre der Kirche?

    Hat der Kölner Weihbischof Dominik Schwaderlapp nach seinem Ausstieg aus dem Synodalforum „Leben in gelingenden Beziehungen“ zu Recht mit der „beständigen Lehre der Kirche“ argumentiert, derzufolge die Sexualität zwei Sinngehalte integriere – Ausdruck der Liebe und Fruchtbarkeit?

    Diskussion über Synodalforum zu Sexualität
    Der Synodale Weg könnte zur Zerreißprobe werden: Wie weit kann sich eine Ortskirche von lehramtlichen Vorgaben entfernen... Foto: Harald Oppitz (KNA)

    Im „Münsteraner Forum für Theologie und Kirche“ (03.06.2020) hat der Moraltheologe Konrad Hilpert die Argumentation des kürzlich aus dem Synodalforum „Leben in gelingenden Beziehungen“ ausgestiegenen Kölner Weihbischofs Dominik Schwaderlapp kritisiert. Dieser hatte einen „massiven Dissens in Kernfragen“ beobachtet. Gemäß der beständigen Lehre der Kirche integriere die Sexualität zwei Sinngehalte: die Mitteilung von Liebe und die Stiftung von Leben. Beide Sinngehalte seien so unlöslich miteinander verbunden, wie Leib und Seele im Menschen. Zudem wendet sich der Weihbischof gegen die These des Synodalforums, Sexualität sei „polyvalent“, das heißt sie integriere nicht nur Fruchtbarkeit und Liebe, sondern auch Lust und Identität. Innerhalb dieser Werte gebe es keine Rangordnung. Die Trennung von Fruchtbarkeit und Liebe werde damit – im Gegensatz zum Lehramt der Kirche – für möglich gehalten (DT 28. Mai 2020).

    Hilpert bezweifelt dies: Es gelte heute in der theologischen Forschung als erwiesen, dass kein „Theologe oder Papst vor 1960 die Untrennbarkeit von zwei Bedeutungen des ehelichen Aktes erwähnt oder schriftlich niedergelegt“ habe. Bei der Lehre über die zwei Sinngehalte und ihre Untrennbarkeit handele es sich nicht einfach um „die beständige Lehre der Kirche“, sondern „nur“ um die sehr spezielle Anthropologie und stilisierte Lesart der Lehre der Kirche durch Johannes Paul II. Auch die These von der Polyvalenz der Sexualität sei uralt. Sie spiegele sich in der Sache (nicht im Terminus) in Versuchen der Tradition, Zweck und Aufgabe der Sexualität zu umschreiben.

    Im Begriff „polyvalent“ spiegelt sich Hilpert zufolge die Erkenntnis, dass sexuelles Handeln unter Menschen „mehr ist als ein Arrangement zur Zeugung von Nachkommenschaft und Abarbeitung von triebhaftem Verlangen, sondern auch eine Art von Sprache“. Diese Sicht von Sexualität sei „anspruchsvoller als das auf den biologischen Vorgang der Fortpflanzung und das wenig spezifische Einswerden fixierte Prinzip der Untrennbarkeit nahelegt“. Ohne Polyvalenz ließe sich keine personale Sexualmoral geschweige denn eine Beziehungsethik denken.

     

    Pro: Ökumenischer Konsens bis 1930

    Von P. Markus Christoph SJM

    Nach Weihbischof Schwaderlapp besagt die beständige Lehre der Kirche, dass die beiden Sinngehalte von Sexualität „Mitteilung von Liebe“ und „Stiftung von Leben“ unauflöslich miteinander verbunden sind und folglich Verhütung, Masturbation, homosexuelle Akte etcetera dem Sinn von Sexualität widersprechen. Das Synodalforum hält die Trennung der beiden Aspekte für moralisch möglich und folglich auch die genannten Praktiken. Soweit die Positionen.

    Nach Professor Hilpert nun gibt es in dieser Frage keine beständige Lehre der Kirche: „Es gilt heute in der theologischen Forschung als erwiesen, dass kein ,Theologe oder Papst vor 1960 die Untrennbarkeit von zwei Bedeutungen des ehelichen Aktes erwähnt oder schriftlich niedergelegt‘ hat.“ Das mag dem exakten Wortlaut nach stimmen. Aber der Sache nach? Am 19. Mai 1956 erklärte Pius XII. in einer Ansprache: „Es ist niemals erlaubt, diese verschiedenen Aspekte [des Sexualaktes] zu trennen, um den Zweck der Zeugung oder die eheliche Beziehung aktiv auszuschließen.“

    Schon 1930 schrieb Pius XI. in Casti Connubii: „Jede Verfehlung gegen die Nachkommenschaft ist in bestimmtem Sinn auch eine Verfehlung gegen die eheliche Treue, da das eine Ehegut mit den andern verknüpft ist.“

    Folgen nicht auf einer Stufe mit dem Sinngehalt

    Und vorher? Bis 1930 lehnten alle großen christlichen Gemeinschaften Kontrazeption ab. Als die Anglikaner 1930 diesen Konsens aufkündigten, antwortete Pius XI. umgehend mit seiner Enzyklika und betonte die Verknüpfung beider Aspekte. Zuvor war es überflüssig, eine Frage zu beantworten, die niemand stellte. In der Sache freilich war man sich seit Jahrhunderten einig, dass ein sexueller Akt, der (a) Kinder ausschließt oder (b) im Widerspruch zur ehelichen Treue steht, als Sünde gilt – womit inhaltlich die Untrennbarkeit beider Sinngehalte geben war. Wenn X nie ohne A, und X nie ohne B möglich ist, dann sind A und B in X notwendig verbunden. Was zu beweisen war. Erst in den 1960er Jahren erhielt das Thema durch die Verbreitung der Pille neue Brisanz und so formulierte Paul VI. 1968 in Humane Vitae die „unlösbare Verknüpfung der beiden Sinngehalte“. Wer nicht sklavisch an Begriffen klebt, wird mit Schwaderlapp von einer „beständigen Lehre der Kirche“ sprechen müssen – einer beständigen Lehre, zu der das Synodalforum aktuell im Dissens steht.

    Das Forum sagt freilich auch Richtiges und Wichtiges. Der Sinn menschlicher Sexualität erschöpft sich nicht in der liebenden Vereinigung und Fortpflanzung; Lustgewinn und Identitätsstiftung sind zusätzlich wertvolle Aspekte. Sexualität ist „polyvalent“. Ja! Aber die Gretchenfrage lautet doch: Lässt sich in dieser Polyvalenz eine Rangordnung erkennen? Stehen liebende Vereinigung und Fortpflanzung auf der gleichen Ebene wie Lust und Identität? Eine Polyvalenz von Sinngehalten gibt es auch bei der Lehrtätigkeit eines Professors: Wissensvermittlung, persönliche Erfüllung usw. Wissensvermittlung bildet den unmittelbaren Sinn des Lehrens, die persönliche Befriedigung des Dozenten (Lustfunktion) ist eine wünschenswerte Folge. Aber sie kann fehlen, ohne dass die Vorlesung sinnlos wird. Dagegen ist der Aspekt der Wissensvermittlung unverzichtbar. Wer kein Wissen vermittelt, lehrt nicht, Lust hin oder her. Genauso bei Sexualität: Liebende Vereinigung und Fortpflanzung bilden den unmittelbaren Sinn des Aktes, Lust und Identitätsstärkung sind Folgen. Positive Folgen. Zugegeben. Aber als bloße Folgen ersetzen sie nie den Sinn der ersten beiden Aspekte.

    Sexueller Akt bloßes Mittel für polyvalente Sinngehalte

    Hier setzt Schwaderlapps Kritik an: Nach der „beständigen Lehre der Kirche“ dürfen die beiden ersten Sinngehalte nicht verneint werden, weil sie die unmittelbare Bedeutung des sexuellen Aktes ausmachen. Indem das Synodalforum bewusst auf eine solche Rangordnung verzichtet, legitimiert es Sex als bloßes Mittel zur Lust und Identitätsfindung.

    Im Bild gesprochen: Vorlesungen sollen zur bloßen Befriedigung des Dozenten möglich sein, selbst bei „Verhütung“ von Wissensvermittlung. Ob man damit Vorlesungen aufwertet? Wer den sexuellen Akt als bloßes Mittel für polyvalente Sinngehalte interpretiert, banalisiert ihn in Wirklichkeit als Rohmaterial ohne echte Bedeutung. Genau davor hat die beständige Lehre der Kirche Sexualität bisher erfolgreich geschützt.

    Der Autor ist Dozent für Moraltheologie im Studienhaus St. Petrus-Canisius der Ordensgemeinschaft Servi Jesu et Mariae

     

     

    Contra: Sexualität ist noch zu mehr da

    Von Konrad Hilpert

    Inhaltlich macht Weihbischof Schwaderlapp den von ihm behaupteten fundamentalen Dissens daran fest, dass das Synodalforum sich bei den Beratungen über den Sinngehalt der Sexualität nicht an den Grundsatz der unlösbaren Verbundenheit von Liebe und Stiftung neuen Lebens gehalten habe. Der sei nämlich „die beständige Lehre der Kirche“. Aber ist er das tatsächlich?

    Von „einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung –, die beide dem ehelichen Akt innewohnen“, ist in manchen hochrangigen kirchlichen Dokumenten die Rede, besonders in der Enzyklika Humanae vitae von 1968. Die Formulierung nimmt eine Intervention des Erzbischofs von Krakau auf, die sich ihrerseits auf das Buch „Liebe und Verantwortung“ von Karol Woityla aus dem Jahr 1960 stützt. In den 1900 Jahren davor wird allerdings die Untrennbarkeit von zwei Bedeutungen des ehelichen Aktes bei keinem Papst und keinem großen Theologen erwähnt. Deshalb handelt es sich bei der Lehre über die zwei Sinngehalte und ihre Untrennbarkeit nicht einfach um „die beständige Lehre der Kirche“, sondern „nur“ um die spezielle Anthropologie und allenfalls die Lesart der Lehre der Kirche durch Johannes Paul II.

    Polyvalenz ist in der Tradition nicht unbekannt

    Niemand wird dabei in Abrede stellen wollen, dass menschliche Sexualität etwas mit liebender Einheit und Fortpflanzung zu tun hat, wie der Weihbischof mit seiner Rede vom „Ersetzen“ vorwirft. Aber Sexualität ist anthropologisch noch zu mehr da und kann unter Menschen vielerlei Bedeutungen haben. Lust und Identität sind zwei davon, aber beileibe nicht die einzigen. Deshalb spricht man in der neueren Moraltheologie in Übereinstimmung mit den Humanwissenschaften von „Polyvalenz“. Der Sache nach ist das in der Tradition nicht unbekannt.

    Wenn es bei verantwortlich gelebter Sexualität nur darauf ankäme, Vereinigung zu vollziehen und dabei offen zu bleiben für Zeugung, wäre das für eheliche Partnerschaft und Familie ziemlich dürftig. Wie vieldimensionaler, bunter, aber auch herausfordernder und oft auch schwieriger ist doch allein das Zusammenleben mit Kindern Tag für Tag! Das Zweite Vatikanische Konzil hat deshalb mit Bedacht und gegen Widerstände lediglich von der Fruchtbarkeit der Ehe und der ehelichen Liebe als ganzer gesprochen und auf eine Rangordnung zwischen ehelicher Liebe und verantwortlicher Weitergabe des Lebens verzichtet. Dahinter stand das Erfahrungswissen von Eheleuten und Seelsorgern, dass die intime Beziehung mit einem Partner, auch wenn sie sich im Ablauf der Zeit in punktuellen sexuellen Begegnungen ausdrückt, ein Kontinuum ist und nicht aus für sich zu betrachtenden Einzelakten besteht. Es geht eben nicht nur um erlebte Vereinigung, sondern um Bindung, die daraus entsteht, nicht nur um Zeugung oder Fortpflanzung, sondern um „lebenslängliche“ Verantwortung und Begleitung.

    Man darf trotzdem diskutieren

    Wozu dann das energische Insistieren auf der unlösbaren Verknüpfung als Maßstab für die Feststellung eines fundamentalen Dissenses und das dramatische Verlassen des Beratungsforums? Etwas verkürzt und aufs Wesentliche reduziert wird folgende Auskunft gegeben: Ich als Bischof sage, was die ständige Lehre der Kirche ist, und ich nenne Euch zwei Päpste, die diese Lehre vertreten haben, und erinnere nebenbei noch daran, dass beide heiliggesprochen sind! Wer sollte sich unterstehen, soviel Autorität in Frage zu stellen?

    Vielleicht darf man trotzdem diskutieren: War das gemeint, als die Kirche vor über fünfzig Jahren programmatisch ihr Selbstverständnis so definierte, dass „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ auch das Kernanliegen der Jünger Christi sein sollen? Wo bleiben eigentlich die Erfahrungen der Gläubigen? Was sollen gemeinsame Beratungen, wenn schon alles feststeht? Und wie steht es mit den zahlreichen Missbräuchen im kirchlichen Raum und den Vertuschungsstrukturen, die neben und trotz dieses Prinzips stattfanden und der eigentliche Grund für den synodalen Prozess sind?

    Eigentlich kann kein fundamentaler Dissens bestehen

    Wenn das Prinzip von der Untrennbarkeit nicht beständige Lehre sein sollte und wenn die darin enthaltenen Sinnziele der Sexualität doch gar nicht in Abrede gestellt oder „ersetzt“, sondern lediglich erweitert werden sollen, kann auch kein fundamentaler Dissens bestehen. Jeder Bischof sollte in dieser Situation zusammen mit solchen, die Kompetenzen haben, danach suchen, wie die Theologie der Sexualität weiterentwickelt werden kann, um sie sensibel zu machen gegen Gewalt und Missbrauch, denn daran hat es offensichtlich in der bisherigen Lehre gefehlt.

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