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    Vatikanstadt

    Franziskus veröffentlicht Sozialenzyklika „Fratelli tutti“

    In seinem dritten großen Lehrschreiben entwirft Papst Franziskus eine Gesellschaftsordnung nach der Corona-Pandemie. Dabei mahnt er, die uneingeschränkte Würde des Menschen zu respektieren. Die Entfremdung von religiösen Werten sieht er als Hauptursache für die Krisen der modernen Welt.

    Franziskus veröffentlicht Fratelli tutti
    Papst Franziskus beim Angelus-Segen: Am Festtag des heiligen Franziskus hat der Papst sein drittes großes Lehrschreiben,... Foto: Evandro Inetti (ZUMA Wire)

    Papst Franziskus hat am Sonntag sein drittes großes Lehrschreiben, die Enzyklika, „Fratelli tutti“, veröffentlicht. Das 82-seitige Dokument trägt die Untertitel „Über die Geschwisterlichkeit“ sowie „Über die soziale Freundschaft“ und entwirft eine Gesellschaftsordnung nach der Corona-Pandemie. Die Veröffentlichung fällt auf den Festtag des heiligen Franziskus am 04. Oktober.

    Warnung vor Verlust des Geschichtsbewusstseins

    In dem Lehrschreiben warnt der Papst unter anderem vor einem Verlust des Geschichtsbewusstseins und spricht von einem „Dekonstruktivismus“ in der Kultur. „Was bedeuten heute einige dieser Begriffe wie Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Einheit?“, fragt Franziskus. Die Begriffe seien „manipuliert und verzerrt worden, um sie als Herrschaftsinstrumente zu benutzen, als sinnentleerte Aufschriften, die zur Rechtfertigung jedweden Tuns dienen können“.

    Franziskus beklagt auch ein mangelndes Bewusstsein für die Würde des Menschen: Im Grunde würden die Menschen „nicht mehr als ein vorrangiger zu respektierender und zu schützender Wert empfunden, besonders, wenn sie arm sind oder eine Behinderung haben, wenn sie – wie die Ungeborenen – ,noch nicht nützlich sind' oder – wie die Alten – ,nicht mehr nützlich sind'“. Man habe gesehen, was mit den älteren Menschen an einigen Orten der Welt aufgrund des Corona-Virus geschehen sei, so der Papst. „Sie sollten nicht auf diese Weise sterben.“ Die Verirrung kenne keine Grenzen, heißt es weiter, „wenn man Frauen versklavt, die dann zur Abtreibung gezwungen werden“. Es komme sogar zu „abscheulichen Taten wie die Entführung von Menschen, um ihre Organe zu verkaufen“. Franziskus' Fazit: „Die unveräußerliche Würde jedes Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion ist das höchste Gesetz der geschwisterlichen Liebe.“

    Zudem plädiert Papst Franziskus für einen offenen Umgang mit Migranten. Solange unnötige Migration durch verbesserte Lebensbedingungen in den Herkunftsländern nicht vermieden werden könne, sei es eine Pflicht, Orte zu finden, an denen jeder seinen Grundbedürfnissen nachkommen und sich als Person verwirklichen könne. „Unsere Bemühungen für die zu uns kommenden Migranten lassen sich in vier Verben zusammenfassen: aufnehmen, schützen, fördern und integrieren“, so der Papst.

    Franziskus kritisiert Verwendung des Begriffs "Populismus"

    Um auf dem Weg des freundschaftlichen Umgangs in der Gesellschaft und der „universalen Geschwisterlichkeit“ voranzukommen, schreibt der Papst, müsse ein Bewusstsein dafür entstehen, „was ein Mensch wert ist, immer und unter allen Umständen“. Jeder Mensch habe das Recht, „in Würde zu leben und sich voll zu entwickeln, und kein Land kann dieses Grundrecht verweigern“. Jeder Mensch besitze diese Würde, „auch wenn er wenig leistet, auch wenn er mit Einschränkungen geboren oder aufgewachsen ist; denn dies schmälert nicht seine immense Würde als Mensch, die nicht auf den Umständen, sondern auf dem Wert seines Seins beruht“. Wenn dieses Prinzip nicht gewahrt werde, gebe es keine Zukunft, „weder für die Geschwisterlichkeit noch für das Überleben der Menschheit“.

    Darüber hinaus kritisiert Franziskus auch die Verwendung des Begriffs „Populismus“ und warnt vor einer „Schwarz-Weiß-Einteilung“ von Gruppen, Gesellschaften oder Regierungen in die Kategorien  „populistisch“ oder „nicht-populistisch“. Niemand könne sich mehr zu irgendeinem Thema äußern, ohne dass versucht werde, „ihn einem dieser beiden Pole zuzuordnen, entweder um ihn ungerechterweise zu diskreditieren oder um ihn auf übertriebene Weise zu verherrlichen“. 

    Dem hält Papst Franziskus entgegen: „Der Einsatz für Bildung, die Entwicklung solidarischer Haltungen, die Fähigkeit, das menschliche Leben ganzheitlicher zu begreifen, die spirituelle Tiefe sind notwendig, um den menschlichen Beziehungen Qualität zu verleihen, damit die Gesellschaft selbst auf ihre Ungerechtigkeiten, Verirrungen sowie Machtmissbräuche in wirtschaftlichen, technologischen, politischen und medialen Bereichen reagiert.“

    Die grundlegende Bedeutung der Religionsfreiheit

    Abschließend geht der Papst auf die Religionen ein, die „einen wertvollen Beitrag zum Aufbau von Geschwisterlichkeit und zur Verteidigung der Gerechtigkeit in der Gesellschaft“ leisteten. Eine Entfremdung von religiösen Werten hingegen sei eine der „Hauptursachen für die Krise der modernen Welt“. Die Kirche „kann und darf beim Aufbau einer besseren Welt nicht abseits stehen“, so Franziskus. Sie habe eine öffentliche Rolle, „die sich nicht in ihrem Einsatz in der Fürsorge oder der Erziehung erschöpft, sondern sich in den ,Dienst der Förderung des Menschen und der weltweiten Geschwisterlichkeit'“ stelle. Für Christen liege die Quelle der Menschenwürde und Geschwisterlichkeit im Evangelium Jesu Christi. Die Kirche sei dazu berufen, „sich an allen Enden der Welt zu inkarnieren, und ist seit Jahrhunderten an jedem Ort der Erde gegenwärtig – das heißt ,katholisch'“. Dabei nennt der Papst die Religionsfreiheit ein grundlegendes Menschenrecht, „das auf dem Weg zur Geschwisterlichkeit und zum Frieden nicht vergessen werden darf“.

    Für die Enzyklika habe er sich „besonders vom Großimam Ahmad Al-Tayyeb anregen lassen“, dem er im Februar 2019 in Abu Dhabi begegnet war, so Franziskus. Aus dem damals unterzeichneten „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ zitiert Franziskus auch in „Fratellit tutti“ immer wieder. Zwar habe er die Sozialenzyklika „ausgehend von meinen christlichen Überzeugungen, die mich beseelen und nähren“, geschrieben, sich jedoch darin bemüht, „dass diese Überlegungen für den Dialog mit allen Menschen guten Willens offen sind“.

    Unterzeichnet hatte Papst Franziskus das Lehrschreiben bereits am Samstag in Assisi. In der Pilgerstadt im mittelitalienischen Umbrien feierte der Papst außerdem eine heilige Messe am Grab des heiligen Franz von Assisi in der Basilika San Francesco. Für den Papst war die Reise nach Assisi die erste nach dem coronabedingten Lockdown.  DT/mlu

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