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    Essen

    Ein Besuch bei den chaldäischen Christen in Essen

    Die mit Rom verbundene chaldäische Kirche ist eine Kirche der Märtyrer. Im Ruhrgebiet bekennen sich hunderte Gläubige aus dem Irak zu ihr. In der Nikolauskirche in Essen-Stoppenberg haben sie Heimat in der Fremde gefunden.

    Chaldäische Gemeinde
    Einzug in die Nikolauskirche beim Sonntagsgottesdienst . Foto: Heinrich Wullhorst

    Orientalisch anmutende Klänge dringen aus der Kirche in Essen-Stoppenberg nach draußen. Das dem heiligen Nikolaus geweihte Gotteshaus ist an diesem Sonntag, der Coronakrise geschuldet, mit etwa hundert Besuchern nicht so gut gefüllt, wie dies ansonsten der Fall wäre. Vor wenigen Wochen hat die katholische Nikolauskirche neue Hausherren bekommen. Dort ist jetzt die Chaldäische Gemeinde angesiedelt, der überwiegend Christen angehören, die aus dem Irak stammen. Das bisher von den Chaldäern genutzte Gotteshaus in Essen-Katernberg war zu klein geworden. „Der Umzug in die neugotische Kirche im Stadtteil Stoppenberg ist daher ein echter Gewinn“, findet auch Pfarrer Rebwar Basa, der dem Bistum dankbar ist, „dass man dort das Vertrauen in uns setzt, uns eine so schöne Kirche zu übergeben“.

    Von seinem neuen Pfarrhaus aus betreut der Priester nicht nur die Gläubigen im Ruhrgebiet, sondern auch in den „Missionen“ in Mönchengladbach, Bonn, Münster und Stadtlohn. Er ist seit eineinhalb Jahren in Deutschland und war zuvor in Rom tätig. Die Gemeinde hat den kirchenrechtlichen Status einer Pfarrei. Wenn die Katholischen Gemeinden des ehemaligen Pfarrverbundes die Kirche noch gelegentlich nutzen wollen, müssen sie die neuen Hausherren fragen. „Diese Verantwortung führt dazu, dass wir diese Kirche jetzt noch mehr als ein Stück Heimat wahrnehmen können“, erklärt der Geistliche.

    Neue Kirche mit Hausrecht

    Bis zu 300 chaldäische Christen aus dem Revier und darüber hinaus trafen sich vor dem Beginn der Pandemie zum Gottesdienst, der in seinem Ritus dem der katholischen Kirche sehr ähnlich ist. Allerdings gibt es eine Besonderheit. Die Messe wird hier in Aramäisch gehalten, der Sprache, in der Jesus Christus selbst kommuniziert hat. Die Predigt gibt es dann sogar in zwei Sprachen. Der Gastpriester, Pfarrer Steven Azabo aus Rom, der an diesem Sonntag die Messe zelebriert, legt das Evangelium vom verlorenen Sohn erst in Aramäisch, dann in Arabisch aus. Die semitische Sprachverwandtschaft führt übrigens dazu, dass der Name für Gott im Aramäischen „Alaha“ ist. „Nicht all unsere Gemeindemitglieder sprechen aramäisch“, erklärt Gemeindevorstands-Mitglied Moris Adam. Damit es für die, die beide Sprachen verstehen, nicht langweilig wird, sind die Predigtinhalte unterschiedlich. „Im Irak war Aramäisch lange eine verbotene Sprache und wurde nur im kirchlichen Raum gelehrt und in den Familien weitergegeben“, ergänzt Adam. Inzwischen werde sie im Nordirak auch in Schulen wieder unterrichtet.

    Die chaldäisch-katholische Kirche ist eine mit Rom unierte Ostkirche mit chaldäischem Ritus. Sie bildet den katholischen Zweig der „Kirche des Ostens“ und steht in voller Kirchengemeinschaft mit dem Papst in Rom. Ihr Oberhaupt ist der Patriarch von Babylon der Chaldäer. Er hat seinen Sitz in Bagdad.

    Eine Kirche der Märtyrer

    Moris Adam freut sich über den neuen Standort. Für die im gesamten Ruhrgebiet lebenden mehr als 500 chaldäischen Familien stünden mit Gruppen- und Büroräumen sowie einem Saal im benachbarten Pfarr- und Jugendzentrum Räume für die Gemeindearbeit zur Verfügung, die dringend benötigt würden. Deshalb hofft Adam auch auf ein Ende der Pandemie: „Vor Corona haben wir zum Beispiel samstags immer rund 120 Kinder zur Kinderkatechese begrüßt“, berichtet er stolz. In der Pfarrei gibt es unterschiedliche Gruppen und Angebote für Frauen oder Jugendliche. Ein eigener Kirchenchor belebt die Gottesdienste der Gemeinde. Adam hofft, dass das kirchliche Leben an dem neuen Ort weiterwachsen kann und künftig auch neben dem kirchlichen der staatliche Körperschaftsstatus einer Pfarrei zuerkannt wird. Bis dahin muss die Finanzierung der Mitarbeiter der Gemeinde über einen Förderverein organisiert werden.

    „Die Chaldäische Kirche ist eine Kirche der Märtyrer“, beschreibt Pfarrer Basa. In der Geschichte sei sie immer wieder wegen ihres Glaubens verfolgt worden. Das habe schon im Perserreich begonnen, habe sich beim Islam und den Osmanen fortgesetzt. „Immer wieder waren Menschen gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen.“ Diskriminierung finde man sicherlich überall auf der Welt vor, sie im eigenen Land zu erfahren, sei besonders schlimm.

    „Immer wieder waren Menschen gezwungen,
    ihre angestammte Heimat zu verlassen.“

    In der jüngeren Vergangenheit begann mit dem Machtantritt der Baath-Partei von Saddam Hussein im Jahre 1968 für die Chaldäer in ihrer Heimat im Nordirak eine furchtbare Leidenszeit. Viele von ihnen wurden in Internierungslager deportiert oder bei Massenerschießungen liquidiert. Etwa zweihundert assyro-chaldäische Dörfer sowie 150 Kirchen und Klöster wurden systematisch von der irakischen Armee zerstört. In den Jahrzehnten unter dem irakischen Diktator verließen Hunderttausende den Nordirak, siedelten sich in den Großstädten des Südens an oder entkamen ins westliche Ausland. Auch die Familie von Moris Adam machte sich 1999 bedingt durch Krieg und Verfolgung auf den Weg. „Wir sind über die Türkei nach Italien und dann nach Deutschland geflohen.“

    Der letzte Flüchtlingsstrom setze mit der Terrorherrschaft des „Islamischen Staats“ ein. „Die Christen wurden gerade in Regionen wie Mossul mit einer Frist von 48 Stunden vor die Alternative gestellt: entweder ihr zahlt eine Kopfsteuer, oder ihr werdet liquidiert“, berichtet Adam. „Viele Familien haben in Deutschland eine neue Heimat gefunden, in der sie sich wohl fühlen. Hier sind sie frei vor Verfolgung und finden wirtschaftlich stabile Verhältnisse vor“, weiß Pfarrer Basa.

    Heimat im Land Abrahams

    Im mittleren Osten seien die Christen weiterhin Repressionen und Verfolgung ausgesetzt. Die vielfachen politischen Bestrebungen aus den unterschiedlichsten Interessenlagen führen dazu, dass Minderheiten wie die Christen oder die Jesiden schnell aus dem Blick verschwinden. „Von daher werden sich Menschen immer wieder gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen.“ Basa hofft allerdings, dass Christen vor Ort bleiben werden, damit die Region ihren ursprünglichen Charakter und ihre Jahrtausende alte kulturelle Prägung nicht vollständig verliert. „Unsere Heimat ist schließlich das Land Abrahams. Babylon und Mesopotamien sind Orte, die zur Kulturgeschichte der Menschheit gehören.“

    Die zentralen Fragen und Probleme des Glaubens sind für den chaldäischen Priester globaler Natur. Sie unterscheiden sich nicht groß danach, ob man im Irak oder in Deutschland lebt. „Früher haben die Menschen die Frage gestellt, ob es Gott gibt oder nicht. Heute ist es ihnen vielfach egal“, beschreibt Basa die aktuelle Situation. Er glaubt, dass die Corona-Pandemie den Blick der Menschen und ihre Einstellung zu Glaubensfragen noch einmal verändern könne: „Wir entdecken gerade, dass wir nicht die Herren der Welt und anderen Kreaturen überlegen sind. Das könnte dazu beitragen, dass wir künftig etwas bescheidener werden.“
    Eine bedrückende Erfahrung für ihn sei gewesen zu erleben, dass die Kirche, in der die Gemeinde zuvor aktiv war, jetzt für immer geschlossen ist. „Ein seltsames Gefühl, wenn man aus einem Staat kommt, wo die Kirche verfolgt wird und man über jedes kirchliche Leben froh sein muss und dann hier erlebt, dass ein Gotteshaus einfach so schließt.“

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