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    Bamberg

    "Der Kompromiss zählt nicht"

    Vor vierzig Jahren verabschiedete sich der heilige Johannes Paul II. auf dem Münchner Flughafen nach seinem historischen ersten Besuch im damals noch geteilten Deutschland. Im Zeitzeugengespräch unterstreicht der emeritierte Bamberger Erzbischof Karl Braun die zeitlose Aktualität der päpstlichen Orientierungshilfen.

    Exzellenz, Sie haben den Pastoralbesuch Johannes Pauls II. als Domkapitular und Bistumstheologe in Augsburg miterlebt. Auf welche Situation traf der Papst damals in Deutschland? 

    Der Papstbesuch fand in der Zeit einer mehr oder weniger zutage tretenden Autoritätskrise statt. Bei vielen war das Verständnis für die Autorität des Amtes in der Kirche verschwommen, ja verdunkelt. Selbst wenn sich hinter scharfer Kritik nicht selten eine unausgesprochene Liebe zur Kirche verbarg, förderte es doch eine "gemeinde-demokratische" Haltung, die nicht ohne Einfluss auf das Leben und Wirken der Kirche in ihren verschiedenen Diensten und Aufgaben blieb. Dem gesellte sich eine weitreichende Unsicherheit und Desorientierung im Glauben hinzu. 

    Welche Folgen hatte dies konkret? 

    "Oft übernahmen Glaubensverkündiger unbewiesene
    theologische Hypothesen und trugen sie simplifiziert
    im Religionsunterricht, in der Predigt und in der Erwachsenenbildung vor"

    Oft übernahmen Glaubensverkündiger unbewiesene theologische Hypothesen und trugen sie simplifiziert im Religionsunterricht, in der Predigt und in der Erwachsenenbildung vor. So konnte es nicht verwundern, dass das Gestrüpp theologischer Halbwahrheiten - nicht zuletzt durch tendenziöse und oberflächliche Darstellung und Verbreitung durch die Massenmedien - üppig wucherte. Angesichts dieser Verwirrung und der daraus folgenden Unsicherheit im Glauben zogen sich nicht wenige treue Gläubige in sich selbst zurück und gingen in eine innere Emigration. Dabei spielte auch die "Weltzugewandtheit" als übersteigertes theologisches Prinzip - vom "Seelenheil zum Sozialheil" - eine nicht zu unterschätzende Rolle. 

    Papst Johannes Paul II. sagte in seiner Ansprache an die Deutsche Bischofskonferenz am 18. November 1980, dass sich die Menschen manchmal geistig in einer Situation eines Warenhauses befänden, in dem alle möglichen Güter angepriesen und zur Selbstbedienung angeboten würden. Er ermutigte dazu, die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils aufzugreifen und in einen Dialog einzutreten. Zugleich mahnte er, dieser dürfe nicht "unverträglich [sein] mit der "eindeutigen Verbindlichkeit kirchlicher Lehre und Norm mit der Vollmacht des unverfügbar aufgrund der Sendung Christi der Kirche eingestifteten Amts". Wie haben Sie die Situation damals wahrgenommen? 

    In zunehmender Deutlichkeit wuchs die Erkenntnis des Übergangs von einer "klerikalisierten", der früheren homogenen profanen Gesellschaft und Kultur korrespondierenden "Volkskirche" beziehungsweise von einem "Traditionschristentum" zu einer "Entscheidungskirche" als Gemeinschaft der aus freiem Glaubensentschluss, teilweise auch kritisch mit dem "theologischen Glauben" sich auseinandersetzender und "mündiger" Glaubender. Demgemäß müsse der Schwerpunkt kirchlicher Verkündigung nicht auf die Verteidigung des traditionellen Bestandes, sondern auf die Gewinnung neuer Christen aus einem gottvergessenen, unchristlichen Milieu gelegt werden. Das könne nur erfolgen in einer großzügigen Kompromissbereitschaft - selbst bei Teilidentifikationen   und gegebenenfalls mit einem gewissen Druck auf die "Amtskirche", um so den "Geist" in der Kirche frei walten lassen zu können. Damit verbunden sei Offenheit für weitere Entwicklungen, besonders auch bei moralischen Fragen in einer viel komplexer gewordenen Welt. Deshalb ließen sich nicht mehr so leicht einfache und handhabbare Normen anwenden, sondern müsse vieles der existenziellen Entscheidung dem Gewissen des Einzelnen überlassen werden. 
    Der Papst hat diese Entwicklung damals gesehen und den Bischöfen gesagt: "Oft zieht man sich auf das persönliche Gewissen zurück, vergisst aber, dass dieses Gewissen das Auge ist, welches das Licht nicht aus sich selber besitzt, sondern nur, wenn es zur authentischen Quelle des Lichtes hinblickt." 

    Welche Folgen hatten die unter dem Banner der Mündigkeit getroffenen Gewissensentscheidungen der Einzelnen? 

    De facto bedeutete dies die Gefahr eines übersteigerten Subjektivismus und auch eine beachtliche Annäherung an die Auffassung der Protestanten hinsichtlich der moralischen Normen und des Gewissens. 

    Die synodale Struktur der protestantischen Kirche scheint heute vielen ein Lösungsansatz für die Krise der Kirche zu sein. Wie sehen Sie das? 

    "Nicht eine Veränderung der Strukturen
    wird die gegenwärtigen Probleme lösen,
    ein wetterfester Glaube ist vielmehr von uns gefordert"

    Nicht eine Veränderung der Strukturen wird die gegenwärtigen Probleme lösen, ein wetterfester Glaube ist vielmehr von uns gefordert. Der Ruf der Stunde heißt, schlicht und treu den Glauben leben, ihn als Quelle der Hoffnung und Freude sichtbar zu machen und ihn unter Wahrung seiner Identität neu in unsere Zeit hineinzusagen. Ich bin davon überzeugt, dass die Anziehungskraft der Kirche in hohem Maß im gelebten Glauben gründet. Aus diesem wächst dann auch jene Gesinnung, die zur Neuevangelisierung und dann zur Missionierung drängt. 

    Trug der Papstbesuch im Jahr 1980 in dieser Hinsicht geistliche Früchte? 

    Ja. Sehr zu begrüßen war, dass   bestärkt durch verschiedene Äußerungen von Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch und dessen offenkundiger Sympathie für die neuen geistlichen Bewegungen   spirituell und charismatisch geprägte Zusammenschlüsse in legitimer Vielfalt wuchsen, die durchaus auf ihre Kirchlichkeit Wert legten und ein Geschenk des Heiligen Geistes für unsere Zeit sind. 

    Wie haben die Katholiken auf den Papstbesuch reagiert? 

    Seitdem Papst Johannes Paul II. angekündigt hatte, dass er 1980 eine Pastoralreise in die BRD machen werde, löste dies bei den Gläubigen große Freude aus. Bei seinem Besuch herrschte weithin spürbare Begeisterung, die ihm aus glaubensfrohen Herzen entgegenschlug. 

    Johannes Paul II. faszinierte. Was war sein Geheimnis? 

    Schon damals konnte man erahnen, dass er das Charisma des Betens hatte, ja ein Meister des Betens war. Vielleicht lag vor allem darin das Geheimnis seiner Anziehungskraft. So war er letztlich nur von innen her zu verstehen. 

    Der Papst warnte damals vor Beliebigkeit, vor Indifferenz und forderte die Bischöfe auf "Verkündet das Wort unbeirrt um Beifall oder Ablehnung". Welche Wirkung entfalteten seine Predigten? 

    "Seine warmherzige Liebenswürdigkeit und gewinnende
    Güte, aber auch sein eindeutiges, stärkendes Zeugnis
    der Wahrheit im Nebel des Zeitgeistes hinterließen
    eine Lichtspur, die lange weiterleuchtete"

    Seine warmherzige Liebenswürdigkeit und gewinnende Güte, aber auch sein eindeutiges, stärkendes Zeugnis der Wahrheit im Nebel des Zeitgeistes hinterließen eine Lichtspur, die lange weiterleuchtete. Für die ökumenischen Bemühungen dürfte damit auch ein starker Impuls dafür gegeben worden sein, das Ringen um die Wahrheit noch ernster zu nehmen und die Geringschätzung der Wahrheitsfrage als das größte Hindernis für die Einheit der Christen zu erkennen. 

    In den achtziger Jahren wurden bereits manche Entwicklungen sichtbar, die den heutigen Zustand der Kirche prägen. Welche würden Sie nennen? 

    Eine Entwicklung zur "Verkirchlichung" bahnte sich an, die sich zunehmend mit kirchlichen Binnenproblemen beschäftigt, von der Welt draußen aber hauptsächlich im Sinne von Hilfsaktionen Kenntnis nimmt. Deutlich spiegelte sich diese Tendenz in den Beratungsthemen und öffentlichen Erklärungen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wider. Als Folge davon war auch ein gewisses Zurücktreten der katholischen Verbände zu sehen, die vor allem nach außen wirkten, ihren eigenen Beitrag in die politische und kulturelle Debatte einbrachten und so auch der katholischen Soziallehre Geltung in der praktischen Politik verschafften. Ihre Bedeutung sank, weil sie nicht mehr wie früher für das "Laien-Element" in der Kirche sprechen konnten, sondern immer stärker die Konkurrenz der Räte und des ZdK erfuhren, das mit seiner teilweise kritischen Distanz zu der "verfassten Kirche" die Kraft und den Schwung der Neuevangelisierung und des Missionsauftrags gefährdete. 

    Wo stehen wir heute? 

    Je mehr ich mich mit den geistigen Strömungen der Gegenwart befasste, desto deutlicher meine ich zu erkennen: Das Krisenbewusstsein, der Traditionsabbruch in den westlichen Industrienationen und die Hoffnung auf eine "moderne" Spiritualität führen viele Menschen zu neuem Heidentum. Als Kehrseite der Aufklärung verspüren sie eine tiefe Sehnsucht nach einer "Verzauberung" der Welt, nach Mythen, nach Naturreligiosität und archaischen Religionsformen. In dem Maße, wie der Glaube an den wahren Gott sinkt, steigt die Nachfrage nach Ersatzreligionen. 

    Was hielt der Papst denen vor Augen, die diesen Ersatz als Zeichen ihrer Freiheit ansehen? 

    Papst Johannes Paul II. hat eindringlich dazu aufgerufen, einem Pluralismus, wie er in diesen Strömungen sich zeigt, zu wehren und die konzilsgemäße Communio zu stärken. Es gilt, das Volk Gottes zu sammeln und zu verkünden: Es gibt nur eine Beziehung für den Menschen, in der er nicht abhängig und damit unselbstständig wird, und das ist die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer. Nur in dieser Beziehung wächst der Mensch in seine eigene Existenz hinein, ohne im Geringsten von sich entfremdet zu werden. 

    Wie lautet Ihre Antwort auf die Frage nach der Partizipation in der Kirche? 

    "Auf dem Weg zur Heiligkeit besteht
    Chancengleichheit für alle Glieder des Gottesvolkes"

    Auf dem Weg zur Heiligkeit besteht Chancengleichheit für alle Glieder des Gottesvolkes. Wegweiser dazu sind die Heiligen, vor allem Maria, die "Magd des Herrn". Ihr Mut zum Dienen ist vorbildlich für uns alle, ob wir nun ein Amt in der Kirche innehaben oder ob wir in der uns allen gemeinsamen Christenwürde unsere Berufung erfüllen. Diese Gesinnung des Daseins für die anderen soll immer mehr unsere Zusammenarbeit in der Kirche, nicht zuletzt in der Kirche an Ort und Stelle, bestimmen. Dann brauchen wir unsere Zeit und Kraft nicht mit innerkirchlichen Grundsatzdiskussionen sowie endlosen Debatten vergeuden und können wieder zur ungebrochenen Freude des Glaubens zurückfinden.

    Was müssen wir tun, um die Kirche im Geist des heiligen Johannes Paul II. zukunftsfest zu machen? 

    Die Kirche der Zukunft: Wir alle werden uns wieder mehr denn je bewusst machen müssen, dass wir es mit der "Torheit des Kreuzes zu tun haben, dass wir in der Logik des Kreuzes oft kaum imponieren und Beifall erfahren können - und dass wir deshalb nicht fieberhaft um unsere "Attraktivität" besorgt sein müssen oder uns nur dann noch Zukunft zusprechen dürfen, wenn wir von Anpassung zu Anpassung eilen, um so dann vermeintlich bei allen "anzukommen". In der gegenwärtigen Situation des Umbruchs von unvorhergesehenem Ausmaß in Kirche und Welt bleibt alles Halbe und Zweitrangige auf der Strecke. Wir müssen zur innersten Mitte unseres Glaubens zurückfinden und aus der Tiefe des Glaubens leben. Und zu dieser Mitte und Tiefe gehört das Kreuz. Zugleich gilt, was Papst Johannes Paul II. 1980 sagte: "Unverbrüchliche Treue zur Wahrheit, hörende Offenheit für den anderen, nüchterne Geduld auf dem Weg, feinfühlige Liebe sind erforderlich. Der Kompromiss zählt nicht; nur jene Einheit trägt, die der Herr selbst gestiftet hat: die Einheit in der Wahrheit und in der Liebe."

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