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    München

    „Das Klostersterben wird nicht aufhören“

    Immer mehr Klöster geben auf. Auf die Veräußerung alter Klosteranlagen hat sich Pro Secur spezialiert. Welche Erfahrungen die Firma gemacht hat und was in den nächsten Jahren zu erwarten ist, davon berichtet Geschäftsführer Olbrück im Gespräch mit der "Tagespost".

    Kloster Bernried am Starnberger See, Fünfseenland, Pfaffenwinkel, , Oberbayern, Bayern
    Kloster Bernried am Starnberger See liegt im Trend: Die Ordensfrauen können die Immobilie nicht mehr halten. Ob hier in ... Foto: imageBROKER/Martin Siepmann via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

    Bayerns Klöster leeren sich. In den letzten zehn Jahren wurden Kloster Beuerberg bei Wolfratshausen und Kloster Schlehdorf bei Kochel aufgelöst. Argumentiert wird gern mit dem Nutzenaspekt, insbesondere der finanziellen Absicherung der noch lebenden Ordensmitglieder. Auch die Missionsbenediktinerinnen in Bernried am Starnberger See haben sich nun entschieden, nach 900 Jahren Bestehen ihr 30 000 Quadratmeter großes Areal mit blickgeschütztem Seezugang und Barockanlagen zu veräußern. An solchen Transaktionen maßgeblich beteiligt ist die auf Klösterverkäufe spezialisierte Pro Secur GmbH mit Sitz in München und Köln und deren Geschäftsführer Ralf Olbrück.

    Herr Olbrück, Sie haben bislang im deutschsprachigen Raum 44 Klöstern zu einem neuen Leben abseits ihrer ursprünglichen Aufgabe verholfen. Auch das Kloster Bernried, die 900 Jahre alte Weltzentrale der Missionsbenediktinerinnen in Tutzing am Starnberger See, steht nun zum Verkauf. Wie viele werden in den kommenden Jahren noch folgen?

    Genau kann dies natürlich nicht prognostiziert werden. In jedem Fall wird das „Klostersterben“ kurzfristig nicht aufhören. Nachdem zunächst, aufgrund der fehlenden Neueintritte bei den Orden, die nicht mehr benötigten Niederlassungen einzelner Ordensgemeinschaften in Deutschland abgegeben wurden, haben wir es in jüngster Zeit vermehrt mit den verbliebenen Mutterhäusern zu tun. Hier stehen zwar nur selten direkte Verkäufe der gesamten Liegenschaft an, da ja die dort lebenden Ordensmitglieder nach wie vor vor Ort sind, jedoch „verkleinert“ man sich auf dem eigenen Gelände und es bedarf daher einer sinnvollen Projektentwicklung. Dies bedeutet, dass die teils Jahrhunderte alten Klöster nicht mehr „gebraucht“ werden, aber im Rahmen der dort immer weniger lebenden Menschen erhebliche Kosten verursachen.

    Wo vor allem werden diese Transformationen stattfinden?

    Hier ist aus meiner Sicht ein klarer Trend, der seit vielen Jahren bereits besteht, zu erkennen. Zu viele Liegenschaften für zu wenige Ordensmitglieder. So erleben wir nicht nur in Deutschland ein „Klostersterben“, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern. Wir selbst haben bereits Klöster in der Schweiz, in Österreich und auch in Italien verkauft.

    Wer profitiert von der Umwandlung der Klöster?

    Zunächst natürlich die Ordensgemeinschaft selbst, auch wenn ein Verkauf ein sicherlich einschneidendes Ereignis für alle Beteiligten darstellt. Der Verkaufserlös wird in aller Regel in die Rücklage der Altersversorgung der Ordensmitglieder eingestellt und sichert diese. Durch die anhaltende Überalterung und Pflegebedürftigkeit der Ordensmitglieder werden hier zukünftig erhebliche Beträge seitens der Gemeinschaften aufgewandt werden müssen. Aber auch die Region kann profitieren, wenn insoweit eine passende Nachnutzung und auch ein passender Investor gefunden wurde.

    Gibt es auch Verlierer?

    Auch hier ist an erster Stelle die Ordensgemeinschaft selbst zu nennen. Sicherlich würden alle Gemeinschaften statt den Standort aufzugeben die bisherigen Tätigkeiten weiterführen. Auch der Ort und die Region können zu Verlierern werden, dann, wenn der Auszug der Ordensmitglieder erfolgt ist und die Gebäude über einen längeren Zeitraum leer stehen.

    Gibt es historische Parallelen zu Ihrem Vorgehen oder leisten Sie hier Pionierarbeit?

    Im Laufe der Kirchengeschichte hat es immer wieder ein Auf und Ab bei den Ordensgemeinschaften gegeben. Dies ist nichts Ungewöhnliches und hat sich im Zeitablauf auch immer wieder beruhigt. Denken Sie in diesem Zusammenhang nur an die Säkularisation im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Im Übrigen ist das derzeitige „Klostersterben“ aus meiner Sicht eher ein europäisches Phänomen. In anderen Kontinenten unserer Erde sieht diesbezüglich die Entwicklung deutlich positiver aus. Tatsächlich ist unsere Gesellschaft aber in Europa unseres Wissens nach die Einzige, die in der Kombination der Bereiche Vermögensberatung und Immobilienbetreuung gleichzeitig, und dabei nur für Ordensgemeinschaften und caritative Einrichtungen, tätig ist.

    Haben Sie manchmal Sorge, dass spätere Generationen Ihnen Vorwürfe angesichts dieses radikalen Bruchs mit Jahrhunderte alten Traditionen machen könnten? Was würden Sie auf solche Einwände antworten?

    Nein, hier habe ich keine Sorgen. Alles hat seine Zeit! Für die von uns betreuten Ordensgemeinschaften ist es ein aktuelles und akutes Problem, mit dieser Situation heute und jetzt umzugehen. Kreative Ordensmitglieder haben zu jeder Zeit, teils ohne die finanziellen Mittel zur Verfügung zu haben, ihre Werke aufgebaut. Heute müssen wir sinnvoll abbauen und dies ist ebenso eine schwierige Aufgabe.

    Würden Sie die Entwicklung von neuen Nutzungs- und Verwertungskonzepten auf Wunsch auch mit Gebäuden anderer Religionsgemeinschaften durchführen oder ist Ihnen der kulturelle Kontext des Christentums wichtig?

    Dies erfolgt ja bereits, wenn auch im Bereich der Katholischen Kirche auf der Basis der von Rom anerkannten Kirchen. Wir haben schon Klöster an aus dem Ausland kommende christliche Gemeinschaften verkauft, wie auch an orthodoxe Gemeinschaften. Dies wird sogar ausdrücklich befürwortet, jedoch vorab immer mit dem zuständigen Bistum abgestimmt. Unser Problem ist es eher zu erkennen, dass hinter den Käufern eines Klosters nicht Institutionen stehen, die keinesfalls in das Eigentum von ehemals kirchlichen Einrichtungen kommen sollten. Daher lassen wir alle Interessenten und Institutionen vor dem endgültigen Ankauf auch von der Abteilung für Weltanschauungsfragen beider konfessionellen Kirchen prüfen. Erst wenn diese Prüfung kein negatives Ergebnis ergibt, wird ein Kaufvertrag geschlossen.

    Könnten Sie sich vorstellen – entsprechende Anfragen vorausgesetzt – auch christliche Klöster in China, dem Nahen Osten oder beispielsweise Afrika einer neuen Bestimmung nach Art der bislang durchgeführten Projekte durchzuführen? Warum, beziehungsweise warum nicht?

    Nein, derzeit nicht. Einerseits sprechen wir deren Sprache nicht und andererseits muss man die jeweilige landesspezifische Situation der Gemeinschaften vor Ort sehr genau kennen. Dies ist bereits in Europa nicht immer einfach. Abgesehen von den sprachlichen Barrieren, die man ja mit Dolmetschern lösen kann, ergeben sich unterschiedliche Handlungsweisen der Orden in ihren Ländern, die man allesamt kennen sollte.

    Ihre schönste Erinnerung bei der Begegnung mit Ordensleuten im Laufe eines Umwandlungsprozesses?

    Die schönsten Erlebnisse sind dann, wenn wir einige Zeit später diese eher kritischen Ordensmitglieder wieder treffen und diese uns dann bestätigen, wie wohl sie sich am neuen Ort fühlen. Schön ist auch die Dankbarkeit von Ordensleitungen, die wir erfahren dürfen, wenn ein solcher Vorgang zufriedenstellend für alle Beteiligten abgewickelt werden konnte.

    Wenn Ihnen Gott einen besonderen Wunsch erfüllen dürfte, welcher wäre das?

    Mein größter Wunsch wäre es, wenn er es schaffen könnte, dass es wieder mehr Berufungen in Europa gäbe. Dann müssten wir nicht mehr Klöster verkaufen.

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