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    Rockhampton

    Das Beichtgeheimnis bleibt ein unverletzliches Siegel

    Priester sollen das Siegel brechen. In Australien kommt das priesterliche Beichtgeheimnis unter Druck. Wie ist es überhaupt entstanden?

    Der australische Bundesstaat Queensland verabschiedete Anfang September ein Gesetz, welches Priester verpflichtet, das B... Foto: Norbert SCHMIDT/imago

    Der australische Bundesstaat Queensland verabschiedete Anfang September ein Gesetz, welches Priester verpflichtet, das Beichtgeheimnis zu brechen, falls sie in der Beichte von sexueller Gewalt gegen Kinder erfahren. Der Bischof von Rockhampton in Queensland, Michael McCarthy, sagte dazu ganz deutlich, dass die Priester seines Bistums trotzdem verpflichtet seien, das Beichtgeheimnis zu wahren. Doch wie kam es zu diesem Kirchengesetz, wie wichtig ist das Beichtgeheimnis für Katholiken?

    Geistliche Vollmacht

    Die Geschichte des Beichtgeheimnisses ist eng mit dieser sich entwickelnden Ausübung des Sakramentes der Buße verbunden. In seinem Buch „Katholische Dogmatik“ schreibt Kardinal Müller: „Gott allein kann Sünden vergeben. Weil Jesus der Sohn Gottes ist, sagt er von sich, ,dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben“ (Mk 2,10). Er übt diese göttliche Vollmacht aus: „Deine Sünden sind dir vergeben' (Mk 2,5). Mehr noch: kraft seiner göttlichen Autorität gibt er Menschen diese Vollmacht, damit sie diese in seinem Namen ausüben.“ Das ist eine gute Schilderung vom Beginn der Beichte in der Kirche.

    Zunächst war die Taufe bei den frühen Christen das eigentliche Sakrament zur Sündenvergebung. Aber mit der Zeit brauchte man für die bereits getauften Christen auch eine Möglichkeit der Sündenvergebung. Dazu entwickelten sich zwei unterschiedliche Modelle. Anfänglich war das öffentliche Sündenbekenntnis vor der ganzen Gemeinde üblich, diese war aber nicht sonderlich beliebt. Etwa ab dem Jahr 200 entwickelte sich dann vereinzelt die private Beichte. Zusammen mit dieser privaten Beichte entstand das Beichtgeheimnis. Der Beichtvater war bei der sogenannten „Ohrenbeichte“, weil sie geheim ins Ohr gesprochen wurde, zur Verschwiegenheit verpflichtet, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch keine allgemeingültige Praxis gibt.

    Frühe Hinweise

    Auch in der Ostkirche findet sich ein früher Hinweis auf die Schweigepflicht. Der im 6. Jahrhundert entstandene byzantinische Nomokanon von Johannes Scholasticus sieht im Kanon 120 für einen Beichtvater, welcher ihm anvertraute Sünden öffentlich macht, eine Strafe von drei Jahren Suspension, ein Verbot die Kommunion mehr als einmal im Monat zu empfangen und täglich hundert Protastionen, das ist die Niederwerfung im Altarraum als Zeichen der Buße, vor. In der Kirche im Westen wird um 1150 in der Rechtssammlung des „Decretum Gratiani“ bestimmt, dass Priestern das Amt entzogen werden soll, wenn sie Sünden bekannt machen. Die Bedeutung der Einzelbeichte und damit zusammen das Beichtgeheimnis bekam in der lateinischen Westkirche auch eine größere Rolle wegen dem großen Einfluss der in ganz Europa missionierenden iroschottischen Mönche, da bei ihnen nur die Ohrenbeichte praktiziert wurde.

    IV. Lateranum formuliert für die ganze Kirche

    Das zeigte sich dann auch im IV. Laterankonzil 1215, als das Beichtgeheimnis zum ersten Mal allgemeinkirchlich formuliert wurde „Er hüte sich aber sehr, durch ein Wort, ein Zeichen oder auf eine beliebige andere Weise den Sünder in irgendeiner Hinsicht zu verraten … denn wer eine ihm im Beichtgericht enthüllte Sünde zu offenbaren wagt, der soll gemäß unserem Beschluss nicht nur vom priesterlichen Amte abgesetzt, sondern auch, um immerwährende Buße zu tun, in ein strenges Kloster verstoßen werden.“ Papst Innozenz III., welcher das Konzil einberufen hatte, sagte dazu noch: „Schwerer nämlich sündigt ein Priester, der eine Sünde offenbart, als ein Mensch, der eine Sünde begeht.“

    Im Zeitalter der Reformation kam es zu unterschiedlichen Entwicklungen zwischen den Konfessionen. Während Zwingli und Calvin die Einzelbeichte ablehnten, befürwortete Luther die Einzelbeichte, obwohl er jegliche Sündenvergebung durch die Beichte bestritt. In der im Jahre 1530 geschriebenen Confessio Augustana wird sogar jegliche Beichtpflicht, wie sie seit dem IV. Laterankonzil beschlossen war, komplett verweigert. In der Praxis ging somit in der evangelisch-lutherischen Kirche und der Anglikanischen Kirche die Einzelbeichte und damit das Beichtgeheimnis immer mehr zurück.

    Johannes Nepomuk

    Im Barockzeitalter zeigt sich die große Bedeutung der Schweigepflicht im gemeinen Volk durch die Heiligenverehrung. Vorrangig die Verehrung des heiligen Johannes Nepomuk muss hier erwähnt werden. Er gilt als das Beispiel der Wahrung des Beichtgeheimnisses. Er war der erste Märtyrer, der es vorzog, eher zu sterben als das Beichtgeheimnis zu verletzen. 1393 wurde er deswegen von der Karlsbrücke in die Moldau geworfen. Er gilt nun als Schutzpatron des Beichtgeheimnisses. Seine große Bedeutung zeigt sich auch daran, dass er zu Beginn des 18. Jahrhunderts in der gesamten Habsburger-Monarchie zum Staatsheiligen wurde. Politisch gewann das Beichtgeheimnis vor allem durch die besondere Vertrauensstellung, die Beichtväter von Fürsten an europäischen Höfen erlangten, an Bedeutung. Bis in die Neuzeit wurde es dann still beim Thema Beichtgeheimnis, von Vorwürfen der Verletzung der Schweigepflicht einiger Orden mal abgesehen. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Schweigepflicht durch die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem Klerus wieder zum gesellschaftlichen Thema.

    Aber nicht nur Nepomuk sollte genannt werden, wenn es um die Märtyrer des Beichtgeheimnisses geht. Auch in der neueren Geschichte gibt es viele Priester, die heldenhaft ihr Leben verloren. In Deutschland zum Beispiel haben wir den viel zu unbekannten Märtyrer Hermann Josef Wehrle. Er war ein deutscher Priester zu Zeiten des Nationalsozialismus. Am 14. September 1944 wurde Wehrle als Mitwisser des Attentats vom 20. Juli 1944, auch bekannt als Stauffenberg-Attentat, zum Tode verurteilt und noch am selben Tag erhängt. Zum Verhängnis wurde ihm ein Gnadengesuch eines Mitverschwörers, welches bestätigte, dass Wehrle durch ein Beichtgespräch mit dem Mitverschwörer von den Planungen des Attentats wusste.

    Deutschland schützt das Beichtgeheimnis

    In der Bundesrepublik Deutschland wird das Beichtgeheimnis heute vom Gesetzgeber gesichert. So heißt es in Paragraf 132 des Strafgesetzbuches: „Ein Geistlicher ist nicht verpflichtet anzuzeigen, was ihm in seiner Eigenschaft als Seelsorger anvertraut worden ist.“ Nicht nur Priester zählen hier als Geistliche, sondern auch Pastoralreferenten oder Gemeindediakone. Aber es ist völlig egal, ob man in Deutschland oder in Australien zur Beichte geht, das Beichtgeheimnis gilt für einen katholischen Priester überall. Im Codex Iuris Canonici, dem Gesetzbuch des kanonischen Rechts der römisch-katholischen Kirche, steht ganz klar: „Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich, dem Beichtvater ist es daher streng verboten, den Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten.“ (Can. 983 - § 1)

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