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    Innerkirchliche Rassismusdebatte

    „Christliche Streitkultur der Verachtung“

    Der Passauer Bischof Stefan Oster hat als erster Bischof auf den in der Frauendebatte gefallenen Rassismus-Vorwurf der Theologin Johanna Rahner reagiert. Der Jugendbischof beobachtet eine steigende Betriebstemperatur in der binnenkirchlichen Auseinandersetzung.

    Stefan Oster
    Stefan Oster, Bischof von Passau, am 18. März 2021 vor dem Dom Sankt Stephan in Passau. Foto: Maria Irl (KNA)

    Herr Bischof Oster, welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Kritik an Frau Rahner erhalten?

    Viele! Per Post, per Mail und in den Social Media. Mehrheitlich dankbare, aber natürlich auch viele kritische, wie ich das inzwischen gewohnt bin. Was mich besorgt: Ich habe ausdrücklich um eine sachliche Debatte gebeten. Diese ist weitgehend ausgeblieben. Die mediale Dynamik verschärft, spitzt zu, ist auf Klicks aus. Die Algorithmen der Social Media „lieben“ Polarisierung und Emotionalisierung.Und wir lassen uns da mit hineinziehen, verschärfen selbst den Ton – und verlieren dabei die Freude an der Suche nach dem besseren Argument.

    "In den Social Media streiten ja gerade Christen oft mit Mitteln,
    die immer neu vorurteilsbeladen sind und damit allzu oft auch persönliche Angriffe werden."

    In den theologischen Fakultäten gibt man sich öffentlich weitgehend bedeckt. Wie bewerten Sie das Schweigen der Theologen?

    Ich frage mich, ob Frau Rahner mit der Verwendung des Wortes „Rassismus“ in diesem Kontext und der damit einhergehenden medialen Zuspitzung der akademischen Theologie insgesamt einen guten Dienst erwiesen hat. Zu deutlich scheint mir das Bemühen, eine brisante Kategorie eines politischen Diskurses in die innerkirchliche Debatte einzubringen. Und was das Schweigen der Theologen angeht? Professor Hoping hat sich ja geäußert. Aber womöglich könnte auch die Befürchtung einer Art „Abstempelung“ innerhalb der scientific community für jemanden, der sich in dieser Sache auf die Seite des Lehramtes stellt, ein möglicher Grund sein.

    Seit Uta Ranke-Heinemann gibt es das Phänomen, dass sich deutsche Theologinnen weniger durch wissenschaftliche Arbeiten in der öffentlichen Wahrnehmung profilieren als durch lautstarken Protest gegen das Lehramt. Täuscht der Eindruck, dass sich unter dem Etikett der Wissenschaft in der Theologie auch ideologisches Denken breit macht?

    Ob es sich breitmacht, darüber mag ich nicht urteilen. Und bevor ich darüber ein Urteil spreche, müssten wir darüber reden, was Ideologie ist. Denn umgekehrt trifft ja auch die sogenannten Lehramtstreuen der Ideologievorwurf von der anderen Seite. Wie also unterscheiden? Und wie wüsste man selbst, dass man auf der richtigen, also auf der ideologiefreien Seite steht? Es gibt nämlich tatsächlich auch eine Lehramtstreue, die ideologisch wird – nämlich besonders dann, wenn sie lieblos wird. Daher ist das Kriterium letztlich immer: Bemühe ich mich, bei aller Suche nach Wahrheit auch in der Liebe zu bleiben, also wenigstens in der grundsätzlichen Wertschätzung des anderen als Person? Traue ich dem Gesprächs- oder Streitpartner zu, dass er Recht haben könnte? Ist ein Streit um Argumente möglich, der nicht persönlich wird? Und hier meine ich – und deshalb habe ich reagiert – ein pauschaler Rassismus-Vorwurf ist in dieser Hinsicht übergriffig und befeuert das schlechte Klima. Das Bittere ist ja dann in der Folge – und damit meine ich ausdrücklich nicht Johanna Rahner: In den Social Media etwa auf christlichen Seiten streiten ja gerade Christen oft mit Mitteln, die immer neu vorurteilsbeladen sind und damit allzu oft auch persönliche Angriffe werden. Hier wird dann oft vielmehr eine Kultur der Verachtung und gerade nicht der Wertschätzung gepflegt. Daher: Auch Lieblosigkeit produziert oder verschärft Ideologie und dabei schenken sich die Konservativen wie die Liberalen gegenseitig nichts.

    "Sollte sich zeigen, dass das Lehramt letztlich gar nicht mehr respektiert wird, wenn es nicht bestimmten, von vielen gewünschten Positionen zustimmt, dann sind diejenigen, die so denken, auf dem Weg in eine andere Kirche."

    Frau Rahner sprach im Deutschlandradio von einem „katholischen Kulturkampf“. Trägt die ganze Debatte als Kontrastprogramm zu mancher salbungsvollen Bischofsverlautbarung über die Situation in Deutschland insofern zur Versachlichung bei, als sie ein Schlaglicht auf den tatsächlichen Grad der Polarisierung im deutschen Katholizismus wirft?

    Das Wort vom „Kulturkampf“ fällt ja derzeit oft im Blick auf die großen Fragen unserer Gesellschaft. Und ja, über gewisse Themen setzt sich dieses Ringen in die kirchliche Landschaft hinein fort. Da wie dort geht es zum Beispiel um die Rolle der Frauen und die Formen unseres Zusammenlebens. Ich glaube, entscheidende Fragen für uns alle sind dabei: Wie verstehen wir uns alle miteinander als Kirche? Und welche Rolle kommt dabei dem Lehramt zu? Sollte sich dabei zeigen, dass das Lehramt letztlich gar nicht mehr respektiert wird, wenn es nicht bestimmten, von vielen gewünschten Positionen zustimmt, dann sind diejenigen, die so denken, auf dem Weg in eine andere Kirche. Und möglicherweise sind wir tatsächlich an einem Punkt, wo sich solche Positionierungen noch deutlicher klären als zuvor. Dann weiß man immerhin, woran man ist.

    Sie haben Kritik an kirchensteuerfinanzierten Medien geäußert, die Frau Rahner eine Plattform geboten haben. Als Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz, die die betreffende Plattform trägt, gehören Sie auch zu den Unterstützern. Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem „Fall Rahner“?

    Ich habe nicht von Konsequenzen gesprochen, sondern möchte eine Debatte, zum Beispiel darüber: Muss es sein, dass unsere eigenen Medien das Spiel von Emotionalisierung, Polarisierung und Clickbaiting mitspielen – und dafür auch Grenzüberschreitungen eingehen? Sollten nicht gerade wir um eine seriöse Debattenkultur bemüht sein?

    Brauchen wir einen christlichen Pressekodex?

    Wir brauchen in jedem Fall eine Diskussion darüber, warum ausgerechnet Christen ganz besonders in den Kommentarfunktionen der Social-Media-Foren oder auf einschlägigen Internetseiten kein bisschen besser sind in der Produktion einer Kultur der Verachtung als andere. Und daher auch darüber, wie wir besser werden in einer Kultur grundsätzlicher Wertschätzung – alle miteinander, mich eingeschlossen.

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    Hintergrund

    Es war Johanna Rahners gepfefferte Kritik an der katholischen Kirche, die dem Passauer Bischof Stefan Oster kürzlich übel aufstieß. Bei einem Frauenforum, zu dem die Rottenburg-Stuttgarter Diözesanleitung sowie der Diözesan- und Priesterrat in Württemberg eingeladen hatten, hatte die Tübinger Theologin und Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages (KThF) ihre Überzeugung geäußert, wer nicht für die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche eintrete, sei „nichts anderes als ein Rassist“ (siehe DT 22. April). Es gehe nicht an, von der gleichen Würde von Frauen und Männern zu sprechen, ihnen aber nicht die gleichen Rechte einzuräumen.

    Nicht nur Kritik an der Frauenweihe

    Der habilitierte Dogmatiker Oster hielt Rahner entgegen: „Wer im Kontext der theologischen Frage nach der Frauenweihe von Rassismus spricht, weil er anderer Meinung als das katholische Lehramt ist, liegt nicht nur sachlich falsch – er verunglimpft gleichzeitig alle Menschen, die bis hin zu Verfolgung und Mord tatsächlich unter Rassismus zu leiden hatten und haben“, schrieb Oster in einer Erklärung, aus der der Deutschlandfunk (DLF) zitierte. Später präzisierte Rahner, nicht über die Weihe von Frauen gesprochen zu haben, sondern allgemein über Diskriminierung von Frauen in der Kirche. Doch der Passauer Oberhirte, der als Journalist arbeitete, ehe er die Theologenlaufbahn einschlug, bekräftigte seine Kritik an Rahner im Deutschlandfunk: „Ich bin ziemlich sicher, dass in anderen Berufsfeldern oder Medienwelten nirgendwo leichtfertig das Wort Rassist gegen die eigenen Auftraggeber oder Dienstvorgesetzten gerichtet werden kann.“

    Der Passauer Bischof appellierte auch an die Eigenverantwortung der katholischen Theologen: Professoren, die offensiv Lehren verbreiten, die dem überlieferten Glauben in seinen Fundamenten diametral widersprächen, überlegten hoffentlich selbst, „ob sie noch im Auftrag der Kirche katholische Theologie unterrichten und verantworten können“.

    Bätzing: Theologische Fragen mit theologischen Argumenten führen

    Bischof Oster ist nicht der einzige deutsche Hirte, der an Rahners Vorwurf Anstoß nimmt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, kritisierte die Aussage der Tübinger Theologin ebenfalls. „Es wäre gut, wenn Frau Professor Rahner den zugespitzten Satz zurücknehmen könnte“, sagte Bätzing in einem Facebook-Post der DBK am Freitag. Er halte die von Rahner ausgelöste Debatte für „nicht fruchtbar“, hieß es.

    In ihrem Vortrag habe sich die Theologin auf eine im amerikanischen Raum entstandene Theorie bezogen, die „durchaus bereichernd für die Diskussion um die Frauenfrage in der katholischen Kirche sein kann“, so der Limburger Bischof weiter. Mit der zugespitzten Aussage „Wer aber daran nichts ändern will, ist nichts anderes als ein Rassist“ habe sie jedoch überzogen, und das schade einer sachorientierten Debatte, so der Bischof. Theologische Fragen müssten weiterhin vor allem mit theologischen Argumenten geführt werden. Anders komme man nicht weiter – und bleibe nicht als Kirche zusammen auf dem Weg, sagte Bätzing.
    Rückendeckung erhielt Rahner hingegen von der ehemaligen deutschen Botschafterin am Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Es brauche auch provokante Aussagen, sagte die CDU-Politikerin im Deutschlandfunk, und es gehöre zu Rahners Aufgaben als Theologieprofessorin, klare Worte zu finden.  KNA/reg

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