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    Dresden

    Bistum Dresden-Meißen zeigt die Geschichte einer Minderheitenkirchen der Diaspora 

    Nach der Reformation verschwinden die Katholiken aus Sachsen. Mit August dem Starken kehren sie zurück. Eine Bistumsgeschichte zeigt die Stärke der Diaspora in Sachen.

    Mit August dem Starken lebte der Katholizismus in Sachsen neu auf. Foto: Olaf Döring via www.imago-image (www.imago-images.de)

    Mitteldeutschland in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: Das Katholische in Sachsen wurde durch die Reformationswelle quasi hinweggespült, die Dynamik der neuen Bewegung hatte in rasantem Tempo gesiegt. Doch der Blick ins Heute offenbart, der sächsische Katholizismus ist längst wieder da, zwar als Minderheit, aber durchaus lebendig. So feiert das Bistum Dresden-Meißen in diesem Jahr „100 Jahre Wiedererrichtung“, unter anderem mit einem über 200 Seiten starken und mit zahlreichen Fotos bestückten Festband, der zur Lektüre einlädt. In 22 Beiträgen unterschiedlicher Autoren werden die wechselvolle Geschichte des Bistums und andere Facetten wie die des Ordenslebens, der Caritas oder sorbischen Christentums dargestellt. 

    Regionale Kirchengeschichte

     Für den nach den großen Zusammenhängen der Dinge suchenden Leser handelt es sich auf den ersten Blick vielleicht nur um eine geballte Ladung regionaler Kirchengeschichte. Aber das Interesse an dem Buch könnte auch für ihn schnell Fahrt aufnehmen, wenn er bei der Lektüre die Frage verfolgt, warum die römische Konfession nach ihrem Verschwinden plötzlich in Dresden wieder auftauchen und sukzessive an Zahlenstärke gewinnen konnte, welche Faktoren schließlich sogar zur Wiedererrichtung des auch Teile Ostthüringens umfassenden Bistums führten und wie dieses trotz teilweise widrigster politisch-gesellschaftlicher Bedingungen überleben und sich weiterentwickeln konnte. Die Beiträge sind trotz der unterschiedlichen Verfasser in einem durchgehend gut lesbaren Stil verfasst und orientieren sich an wissenschaftlichen Standards, wenn man einmal davon absieht, dass ein Anmerkungsapparat fehlt. Überzeugend wird dargestellt, mit welcher Wucht die Reformation, gestützt durch das Herrschergeschlecht der Wettiner, über das in ottonischer Zeit gegründete Bistum hereinbrach. 

    Reformation als Zäsur

     Stellte das Jahr 1517 zunächst noch keine spürbare Zäsur dar, so erlosch die katholische Kirchenprovinz quasi mit der Abdankung des letzten Bischofs im Jahre 1581 völlig. Im Wesentlichen blieben nur die Landschaften der Lausitz katholisch, da sie unter habsburgischem Einfluss standen. Aber getragen von politischen Motiven, erlebte das Katholische eine überraschende Wiedergeburt. Es war die Residenz, die zum Zentrum des Wiederauflebens des Katholizismus wurde, indem die überhaupt nicht religiös motivierte Konversion des sächsischen Kurfürsten Friedrich Augusts I., besser bekannt als August der Starke, den Beginn des neuzeitlichen Katholizismus in Sachsen darstellte. Die Anfänge entfalteten sich somit in glanzvollem Ambiente, blieben aber zahlenmäßig zunächst bescheiden und vom protestantischen Umfeld mehr als argwöhnisch betrachtet.

    Gottesdienste waren nicht öffentlich, sondern auf den Herrscher und sein katholisches Umfeld beschränkt. Aber der Neuanfang war gemacht. Die katholische Kirche in Sachsen, hinweggefegt durch die Wirkung des Kraftmenschen Luther, konnte durch den Willen und die politischen Zielsetzungen des Barockherrschers August des Starken reinstalliert werden. Anschaulich stellt das Buch die Wechselwirkung zwischen der weiteren Entwicklung der römischen Konfession und der Industrialisierung Sachsens heraus. 

    Zuwanderung stärkt Katholiken

     Vor allem durch Zuwanderung mutierte der Katholizismus an Elbe und Pleiße im 19. Jahrhundert von einem Phänomen des Hofes zu einer flächendeckend präsenten Minderheitenkonfession, was schließlich zur in dem Buch detailliert beschriebenen Wiedererrichtung des Bistums im Jahr 1921 führte. Die Chronologie des im Buch Dargelegten nimmt den Leser im Folgenden mit in eine mitteldeutsche Kirchenprovinz, die kurz nach ihrer Neugründung in den unheilvollen Strudel der dunkelsten Kapitel der neueren deutschen Geschichte gerissen wurde, um auch aus diesem lebend und lebendig hervorzugehen. Die Beiträge des Bandes offerieren dabei zahlreiche interessante Details. 

     Mut der Gläubigen

    So spricht es für den Mut der Gläubigen, dass staatliche Eingriffe der Nationalsozialisten gegen die katholischen Schulen, die in einen regelrechten Schulkampf mündeten, trotz des längst sichtbar gewordenen staatlichen Drucks zu spürbaren Protesten katholischer Eltern und der Pfarrer führten. An den repressiven Maßnahmen änderte dies zwar nichts, aber das konfessionelle Bewusstsein konnte sich verstärken, wie häufig unter äußerem Druck. Trotzdem, in der Folgezeit nahm die Beteiligung am religiösen Leben und in den Gottesdiensten dann im Laufe des Krieges ab. Zusätzlich sorgte das Dauerfeuer zweier aufeinander folgender totalitärer Systeme spätestens in der DDR zu einem nicht zu übersehenden Rückzug der Katholiken in den konfessionellen Binnenraum. 

     Einleitung vom Bischof

    Gerade die Lektüre über die Zeit dieses deutschen Teilstaates bietet aber auch Überraschendes. So dürfte es in der Gegenwart nur wenig bekannt sein, dass das Erzbistum Köln und die Steyler Missionare Priester für die Heimatvertriebenenseelsorge in das Diasporabistum sandten. Auch, dass zu DDR-Zeiten zwei Synoden in der Dresdner Hofkirche stattfanden, gehört sicher nicht zum heutigen Standardwissen, zumindest nicht der westlichen Katholiken. Und vielleicht sind auch gerade für die nicht an der Elbe wohnenden Leser die Kapitel über die Phase der späteren DDR, der friedlichen Revolution und des Ankommens im wiedervereinigten Deutschland besonders interessant, zeigen sie doch eine Kirche, die den Gläubigen Beheimatung und Freiraum bot, der schließlich in den Aufbruch in eine neue Zeit mündete.

    Bischof Timmerevers betont in der Einleitung des Buches, dass es zur Reflexion über „Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Kirche in unserem Land anregen“ möchte. In diesem Sinne kann der Band als sehr gelungen bezeichnet werden, vor allem mit dem spezifischen Blick auf eine Kirchenprovinz, die aus Ruinen auferstanden ist. Vielleicht hätte in dem einen oder anderen Beitrag aber auch noch Potenzial für mehr gesteckt. Bietet das Diasporabistum doch ein hervorragendes Beispiel für eine Kirche, die auch aus einer Minderheitensituation heraus in ihren Einrichtungen und ihrer Spiritualität katholisches Profil bewahrt hat und lebt. Und das ist eventuell nicht nur für Sachsen eine zukunftsweisende Perspektive. 


    Bistum Dresden-Meißen.
    100 Jahre Wiedererrichtung.
    Im Auftrag des Bistums herausgegeben
    von Gerhard Poppe und Albrecht Voigt,
    224 Seiten, St. Benno-Verlag,  

    ISBN 978-3-7462-5709-9, EUR 16,95 

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