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    Freiburg i.Br.

    Benediktinermönche waren eine Avantgarde mit Köpfchen

    Die Freiburger Ausstellung „Der Schatz der Mönche“ stellt Benediktinermönche als frühe Meister der Inkulturation vor.

    Wie ein blühender Baum leuchtet das Reliquiar im halbdunklen Saal auf. Der Blick schweift über Perlen, Gemmen und teilweise kirschgroße Edelsteine, die filigran in die mattgoldene Fassung eingearbeitet sind. Im Adelheidkreuz kündigt sich der Glanz des Auferstandenen bereits in der Tragik des Todes an: Herzstück des größten erhaltenen deutschen Reliquienkreuzes des Hochmittelalters ist ein Partikel vom wahren Kreuz Christi. Zu sehen ist das Exponat der Ausstellung „Der Schatz der Mönche“ im Freiburger Augustinermuseum.

    Kostbarkeiten der Mönche

    Anlässlich des 300. Geburtstags des Fürstabtes Martin Gerbert (1720–93) des einstigen Benediktinerklosters St. Blasien im Schwarzwald zeigt die Schau der Erzdiözese Freiburg und der Städtischen Museen in Freiburg Kostbarkeiten, die heute größtenteils im Benediktinerstift St. Paul in Kärnten aufbewahrt werden. Neben Einblicken in die Geschichte des Klosters St. Blasien wird insbesondere der Fürstabt als Prototyp des gelehrten und zugleich asketischen Benediktiners und das Kloster als Schmelztiegel europäischer Kultur und monastischer Gelehrsamkeit stilisiert.

    Ein gelehrter Abt

    Mochte sich der Abt auch in monastischem Understatement bescheinigen, Einfachheit sei sein Charakter, so weisen seine Bibliografie, Reisen und Kunstsammlung ihn allerdings als Universalgelehrten aus. Der Abt als Multiplikator, Lehrer, geistlicher Vater, Büchermensch, Weitgereister und Kirchenpolitiker entsprach zweifellos dem Ideal des barocken Klostervorstehers.

    Dennoch gelang es den Benediktinern, den Risiken eines Milieukatholizismus auszuweichen. Beim Rundgang erschließt sich die integrative Kraft einer geistlichen Lebensform, an die alle Bildungsschichten und gesellschaftlichen Gruppen im größeren Umkreis andocken konnten. Das Diktum des Erasmus von Rotterdam, Mönchtum sei nicht Frömmigkeit, sondern nur eine Art zu leben, wird in der Schau überzeugend widerlegt: Die Regel des heiligen Benedikt räumt dem Gotteslob den Vorrang ein und sensibilisiert für den geistlichen Wert der Arbeit.

    Zentrum von Wissenschaft und Kunst

    Gebildete fanden bei den Mönchen ein Mekka zeitgenössischer Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Spitzenkräfte, etwa in der Musik: Eine hervorragend erhaltene Viola, Handschriften und ein Bild von Papst Gregor dem Großen erinnern daran, dass St. Blasien führend in der Musikwissenschaft der Barockzeit war, insbesondere in der Pflege des Gregorianischen Chorals. Dass sich Wissenschaft im Kloster auch mit Widerstandsgeist gegen zeitgenössische Missstände paarte, geht aus den pointierten Briefen des Abtes hervor: „Ich habe hier immer Krieg mit meinen Musikanten“, schreibt er lakonisch. Wie hoch der Anspruch an die Sangeskunst der Mönche war, geht aus den Vorlagen für Modulationsübungen hervor.

    Botschaft hinter der Hülle

    Zu den vielen Stärken der Schau gehört, dass ausschließlich Dokumente im Original und keine Faksimile gezeigt werden. So ziehen vor allem die Exponate zu Stundengebet und Liturgie den Betrachter in ihren Bann. Für den Gottesdienst war den Mönchen in St. Blasien das Beste aus Europa gerade gut genug. Die Farbenpracht der ottonischen Malerei der Reichenauschule, Elfenbeinarbeiten, ein Emailkreuz aus Limoges, das den Gekreuzigten als König mit offenen Augen zeigt, der mittelalterliche Ramsey-Psalter aus Ostengland sowie Spitzenwerke der Augsburger Goldschmiedekunst taugen als zeitlose Katechese- und Meditationsvorlagen. Hier wird eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Eigenschaft des lateinischen Ritus anschaulich: die unverhüllte Schönheit.

    Für den Betrachter haben der aufwändig gearbeitete Buchdeckel des Reichenauer Sakramentars und die kunstvoll gearbeitete Abtskrümme ebenso katechetischen Wert wie die Straßburger Goldschmiedekunst auf dem gotischen Buchkastendeckel. Während sich der Blick kaum von der Pracht lösen will, wächst das Interesse an der Botschaft hinter der kostbaren Hülle.

    Primat der Liturgie

    Liturgie bliebe indes eine kalte Inszenierung, wenn nicht auch Gemüt und Kultur ins Spiel käme. Volksfrömmigkeit, Wissenschaft und Kunst – das dokumentiert die Schau überzeugend – verschmelzen im Kult. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, waren barocke Abteien frühe Meister der Inkulturation. Das heute populär gewordene Ideal einer armen Kirche widerspricht dem benediktinischen Erbe des Barock darum allenfalls vordergründig. Der Anblick der wunderbaren Alabasterfigur des heiligen Benedikt beim Gebet in der Höhle dürfte Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen in vortouristischen Zeiten in Bann gezogen und zu wahrer Muße verholfen haben.

    Fernleihe erfunden

    Textilien, liturgisches Gerät und Bilder dokumentieren in der Freiburger Schau biblische Geschichten und Heiligenviten. Unter den Paramenten ragt der mit Medaillons bestickte Chormantel aus dem 13. Jahrhundert heraus, der Episoden aus dem Leben der heiligen Vicentius und Blasius im Stil einer Armenbibel in Pastelltönen darstellt.

    Dass die Ausstellung auch Unterhaltungswert hat, zeigt sich bei den Handschriften. Nachforschungen ergaben, dass fehlende Seiten in Handschriften der Vatikanbibliothek in der Stiftsbibliothek von St. Paul im Lavanttal auftauchten. Ob der Bibliothekar von St. Blasien, der in Rom Abschriften anfertigte, im Vatikan die Fernleihe durchsetzte oder schlicht in einem unbeobachteten Moment Seiten herausnahm? Die Fülle der sehenswerten Exponate verbietet es, sich mit Detailfragen aufzuhalten.


    Eröffnung voraussichtlich am 12. Januar 2021. Bis 19. September.
    Die Wegführung der Ausstellung ist für Einzelpersonen ebenso geeignet wie für Kleingruppen.
    Anmeldung unter augustinermuseum@stadt.freiburg.de.
    Ab dem 8.1. steht der Buchungsservice der Städtischen Museen Freiburg zur Verfügung: +49 0761 201 2501.

    Webseite: Schatz der Mönche

    Ein Katalog zur Ausstellung ist im Michael Imhof-Verlag erschienen.

     

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