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    Rom

    Kommentar „5 vor 12“:  Für Benedikt XVI. hat Papst Wojtyla die Kraft des Glaubens vermittelt

    In seinem Beitrag zu Johannes Paul II. zeichnet der emeritierte Papst das Bild eines durch und durch positiv denkenden Menschen.

    Papst Johannes Paul II. am 19. November 1980 in München, hinter ihm Kardinal Joseph Ratzinger, damals Erzbischof von Mün... Foto: DB (A0009_dpa)

    Die einfachen, klaren Worte, die Benedikt XVI. zu Johannes Paul II. gefunden hat, stellen einen zentralen Wesenszug des polnischen Papstes heraus: Hoffnung statt Entmutigung, freudige Erneuerung statt Zweifel, Begeisterung statt Unsicherheit und Glaubenszweifel. In seinem Beitrag zum hundertsten Jahrestag der Geburt Karol Wojtylas hat der emeritierte Papst somit auch angedeutet, warum Johannes Paul II. auf Widerspruch in der selbstgrüblerischen und sich selbst hinterfragenden Kirche des Westens stoßen musste und gestoßen ist.

    Das eigentliche Wunder Karol Wojtylas

    Aber gerade weil Papst Wojtyla die Kraft des Glaubens und die Freude des Evangeliums, „Evangelii gaudium“ (Franziskus), verkörpert hat, konnte er zum Apostel der Jugend werden. Und das in der Zeit der Kirchenkrise, die nach dem Zweiten Vatikanum in den sechziger und siebziger Jahren jede Konzilseuphorie hinweggewischt hatte. Als Papst Paul VI. zu Grabe getragen wurde, war der Petersplatz halb leer. Als man von Johannes Paul II. Abschied nahm, sah man in Rom Millionen von meist jugendlichen Gesichtern. Das war das eigentliche Wunder des heiligen Papstes.

    Missbrauch und „theologische Immunisierung“

    An der Heiligkeit Johannes Pauls II. lässt der emeritierte Papst keinen Zweifel. Ob aber die Geschichte dereinst dem polnischen Heiligen auch das Attribut „der Große“ zugestehen wird, lässt Benedikt offen. Immerhin war Wojtyla nicht vor der „Theologischen Immunisierung“ gefeit, wie es der YouCat-Herausgeber Bernhard Meuser einmal nannte, als er schrieb: „Er und andere Fromme konnten die Tragweite von Missbrauchsvorwürfen nicht erkennen, weil sie die Heiligkeit des Amtes mit einem wenigstens subjektiven Vollkommenheitsstreben von Priestern und Bischöfen in eins setzten, und es einfach nicht glauben konnten oder glauben wollten, dass ein Repräsentant Christi zum Knabenschänder oder Vergewaltiger von Frauen absinken konnte.“ Jedenfalls hatte Johannes Paul II. nicht die Pater Pio zugeschriebene Gabe, den Menschen tief ins Herz zu schauen und zum Beispiel zu erkennen, dass der vom Vatikan so lange verhätschelte Ordensgründer Marciel Maciel ein gotteslästerliches Doppelleben führte. Hier musste Kardinal Joseph Ratzinger selber ran. 

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