• aktualisiert:

    Augsburg

    Augsburger Bischof: Deutsche Kirche hat zu lange auf perfekte Strukturen gesetzt

    Bischof Bertram Meier fordert im Interview mit der "Tagespost" eine tiefgreifende geistliche Erneuerung. Den Synodalen Weg sieht er scheitern, wenn es keine gemeinsame Grundlage in der Glaubenslehre gibt.

    "Für mich ist die Krise, in der wir stecken, ein Ausrufezeichen: Rechtgläubigkeit ist wichtig, noch wichtiger ist die Gl... Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

    Herr Bischof, Ihr Bistum ist uralt, voller Brauchtum. Wie lange wird es die Spuren der Volkskirche noch geben? Oder stehen schon jetzt nur noch Kulissen, die bald fallen? 

    Wir sollten genau hinschauen. Während der Visitationen, die ich als Seelsorgeamtsleiter in 53 Pfarreiengemeinschaften unter Bischof Konrad Zdarsa durchführen durfte, wurde ich mit dem Reichtum von Brauchtum und Tradition, den es in Schwaben, (Alt-)Bayern und Franken gibt, vertraut. Wir müssen die äußere Schale aufbrechen, um zu sehen, ob dahinter ein Kern des christlichen Glaubens liegt. Zugleich bin ich überzeugt, dass unser Glaube feste Rituale braucht, die mehr sind als Lokalkolorit oder Folklore. Als Bischof freue ich mich, wenn ich von der Blasmusik empfangen werde oder mir Kinder ein Gedicht aufsagen. Leider geht das jetzt alles nicht  wegen Corona. 

    "Bin ich ein Prophet?
    Nein. Ich kann keine Prognose über die Zukunft abgeben.
    Doch ich will von meiner Hoffnung erzählen."

    Nun nimmt auch im Bistum Augsburg die Zahl der Gläubigen ab. Glauben Sie, dass es während Ihrer Amtszeit  nach menschlichem Ermessen vielleicht 15 Jahre   eine Tendenzwende geben wird? Oder sind wir im freien Fall? 

    Bin ich ein Prophet? Nein. Ich kann keine Prognose über die Zukunft abgeben. Doch ich will von meiner Hoffnung erzählen. Ich nehme Zeichen wahr, dass Menschen wieder Fragen stellen, dass sie sich auf die Suche nach Gott machen, dass sie an Grenzen stoßen   persönlich und im Hinblick auf die Lage der Welt. Grenzerfahrungen können zur Einflugschneise für den Heiligen Geist werden. Wichtig ist, dass wir als Kirche auf die Fragen der Menschen eingehen   weniger mit Formeln und Floskeln, sondern durch Seelsorge und Spiritualität. Wir brauchen authentische Zeugen. 

    Aber warum tut sich die katholische Kirche in unseren Breiten mit ihrer Botschaft bei den Menschen so schwer? An den heißen Eisen allein kann es nicht liegen. In der evangelischen Kirche sind schließlich alle Forderungen des Reformflügels erfüllt. Dennoch treten auch dort Menschen aus. 

    Es geht um Glaubwürdigkeit. Da haben wir viel verloren. Die letzten Jahre haben uns mit zahlreichen Skandalen konfrontiert: Missbrauch, Sex und Geld   um nur ein paar Dinge zu nennen. Mitglieder der Kirche   auch geweihte Amtsträger  haben versagt und Schuld auf sich geladen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Umso mehr ist es ein Gebot der Stunde, ehrlich und aufrichtig zu sein. Für mich ist die Krise, in der wir stecken, ein Ausrufezeichen: Rechtgläubigkeit ist wichtig, noch wichtiger ist die Glaubwürdigkeit! 

    "Für mich ist die Krise, in der wir stecken, ein Ausrufezeichen:
    Rechtgläubigkeit ist wichtig, noch wichtiger ist die Glaubwürdigkeit!" 

    Auf welche Maßnahmen, Initiativen oder Methoden setzen Sie in Ihrem Bistum, um dem Glauben eine Brücke zu den Menschen zu bauen? 

    Ich träume von der Diözese Augsburg als Netzwerk vieler Hoffnungsträger. Das Netz soll möglichst engmaschig geknüpft sein. Da sind wir alle gefragt: Kleriker, Ordensleute, Hauptberufliche und die zahlreichen Frauen und Männer, die ihre Taufe und Firmung ernstnehmen. Es gibt so viele Wege, die wir dem Evangelium bahnen können, besonders die gelebte Nächstenliebe. Die Corona-Zeit ist dafür ein Test. Wichtig ist mir auch die Bibelarbeit, die zum Beispiel in Afrika ganz groß geschrieben wird. Leider gibt es im Hinblick auf das Wort Gottes bei uns viele Analphabeten. Ich selbst will mit gutem Beispiel vorangehen und sehe mich als ersten Evangelisierer im Bistum. 

    Es heißt, Sie stünden dem sehr ausstrahlungsstarken Gebetshaus in Ihrer Bischofsstadt kritisch gegenüber. Warum? Johannes Hartl schafft es mit der Mehrkonferenz, 10.000 Christen zu Gebet und Zeugnis zu versammeln. 

    Das stimmt so nicht. Das Gebetshaus um Johannes Hartl hat Zulauf. Doch es ist keine katholische Einrichtung. Das Bistum Augsburg ist weder rechtlich noch finanziell mit dem Gebetshaus verwoben. Als Bischof freue ich mich, wenn Menschen neu fürs Evangelium brennen. Dieses gemeinsame Anliegen verbindet mich mit Herrn Hartl. Da gibt es Schnittmengen. Ein "Knackpunkt" für mich ist, ob das Gebetshaus nicht dem Namen, sondern der Sache nach sich nicht doch als eigene überkonfessionelle Kirche sieht. Ich wünsche mir, dass die Besucher als "burning persons" zur Verlebendigung der Kirche beitragen, zu der sie gehören. Darüber und anderes mehr sind wir im Gespräch. 

    "Seid ihr in Deutschland vielleicht zu stark damit beschäftigt,
    euch effizient und strukturell ähnlich einem Konzern aufzustellen
    und euer Innenleben nach rein weltlichen Maßstäben zu organisieren?"

    Papst Benedikt sprach 2011 in Freiburg von Entweltlichung. Der Widerstand dagegen war enorm. Hat die Kirche in Deutschland ein Jahrzehnt auf dem Weg zu einer entschlackten, kreativen Minderheit, die sich auf das Wesentliche konzentriert, verloren? Oder war der Begriff von vornherein nicht rezeptionsfähig weil missverständlich? 

    Papst Benedikt wurde falsch verstanden, wenn man seinen Appell als Weltflucht oder gar bewusste Distanznahme von den Problemen der Gesellschaft interpretierte. Wer die Inkarnation ernstnimmt, dem kann die Welt nicht gleichgültig sein. Man muss die ganze Freiburger Rede lesen. Es ging Papst Benedikt bei seinem letzten Deutschlandbesuch darum, die katholische Kirche auf das Wesentliche auszurichten: auf Jesus Christus und sein Evangelium. Und dafür hielt der Gast aus Rom uns einen Spiegel hin: Seid ihr in Deutschland vielleicht zu stark damit beschäftigt, euch effizient und strukturell ähnlich einem Konzern aufzustellen und euer Innenleben nach rein weltlichen Maßstäben zu organisieren? Für mich heißt Entweltlichung, verweltlichte Gewohnheiten, die sich bei uns eingeschlichen haben, kritisch zu prüfen und wo möglich aufzugeben, damit das geistliche Leben der Kirche wieder mehr zum Strahlen kommt. 

    Bis vor Corona wuchsen die Einnahmen, während der Kirche gleichzeitig die Leute scharenweise davonliefen. Auf der Einnahmenseite ändert sich das wegen Corona gerade. Aber: Hat die positive Einnahmenseite und die gewaltige institutionelle Präsenz das notwendige Nachdenken über eine Kirche in einer sich immer stärker säkularisierenden Umgebung behindert? 

    Wir haben lange Zeit auf möglichst perfekte Strukturen gesetzt. Weil wir noch immer viel Geld und Personal haben, werden wir dafür auch geschätzt und bewundert, mitunter auch beneidet. Dann kommt noch das berühmte deutsche Organisationstalent hinzu, sodass wir viel bewegen können, vor allem im caritativen und weltkirchlichen Bereich. Aber wenn das alles ist! Geistliche Erneuerung geht tiefer, sie ähnelt einer Wurzelbehandlung. Corona ist für mich die Chance, den Blick auf das Wesentliche zu schärfen. Ich denke an die Gottesdienste, etwa in der Fasten- und Osterzeit. Tief beeindruckt war ich von den Feiern, die Papst Franziskus in Rom abhielt. Auch meine Bischofsweihe war klein, aber fein: Sie hat mich selbst und viele Gläubige   auch durch die Fernsehübertragung   innerlich bewegt. 

    "Mir ist bewusst, dass wir seit zehn Jahren
    durch den Missbrauchsskandal massiv an Glaubwürdigkeit
    und damit an Vertrauen eingebüßt haben.
    Gerade deshalb brauchen wir jetzt eine spirituelle und pastorale Offensive,
    Umkehr und Evangelisierung. Das fängt bei uns selber an."

    Sie erwähnen Papst Franziskus. Er rief in seinem Brief an die Kirche in Deutschland 2019 zum Primat der Neuevangelisierung auf. Gegenüber Bischof Algermissen klagte der Papst, dass seine Impulse in Deutschland verpufft seien. Erneut eine verpasste Chance auf dem Weg zu einer missionarischeren Kirche? 

    Zunächst muss ich klarstellen: Der Papst lässt normalerweise das "Neu" vor der Evangelisierung weg. Er spricht im Rückgriff auf Papst Paul VI. einfach von Evangelisierung (etwa Nr. 7 im Brief). "Der Primat der Evangelisierung" ist sein Herzensanliegen. Immer wieder redet und schreibt er darüber. Mit der Frage spielen Sie auf den Synodalen Weg an. Der Papst wünscht ausdrücklich eine synodale Kirche, aber die Themen, mit denen wir als Kirche auf dem sogenannten Synodalen Weg in Deutschland verlorenes Vertrauen  wiedergewinnen wollen, zielen zum Teil auf Veränderungen ab, die nicht in der Kompetenz einer Versammlung auf nationaler Ebene liegen. Mir ist bewusst, dass wir seit zehn Jahren durch den Missbrauchsskandal massiv an Glaubwürdigkeit und damit an Vertrauen eingebüßt haben. Gerade deshalb brauchen wir jetzt eine spirituelle und pastorale Offensive, Umkehr und Evangelisierung. Das fängt bei uns selber an. 

    "Bei aller Dynamik der Lehrentwicklung muss es katholische Essentials geben,
    auf denen unsere Beratungen gründen. Sonst scheitert der Dialog."

    Aber ist der Synodale Weg das richtige Mittel zu diesem Zweck? Er polarisiert ungeheuer. Kirchenpolitik steht im Mittelpunkt. Sehen Sie die Gefahr, dass die Fliehkräfte irgendwann zu groß werden? 

    Ich nenne den Synodalen Weg gern ein geistliches Experiment. Wie im Chemiesaal wissen wir nicht, wie es ausgeht: Da kann es Explosionen geben oder Lösungen, die überraschend sind  hoffentlich vom Heiligen Geist! Wir werden gut hinhören müssen und prüfen, ob wir eine gemeinsame Basis haben, die uns verbindet. Ein Beispiel: Wenn wir über die Ausgestaltung des Weiheamtes sprechen, muss allen klar sein, dass es in der katholischen Kirche ein sakramentales Weiheamt gibt. Wenn das bezweifelt oder diskutiert wird, stellt sich die Frage, ob wir eine gemeinsame Grundlage für unser Kirchenverständnis haben. Bei aller Dynamik der Lehrentwicklung muss es katholische Essentials geben, auf denen unsere Beratungen gründen. Sonst scheitert der Dialog. 

    Wann ist der Synodale Weg aus Ihrer Sicht ein Erfolg? Und wann schadet er der Kirche in Deutschland? 

    Wenn er uns miteinander in einen ehrlichen und empathischen Austausch darüber bringt, wie wir in Zukunft glaubwürdiger das Evangelium Jesu Christi den Menschen anbieten können, dann sehe ich darin einen Erfolg. Schädlich wird es allerdings, wenn die gemeinsame Basis der Verständigung fehlen sollte: Dann kann aus Spannung ein Grabenkampf werden, der womöglich zu Verwerfungen und damit zum Bröckeln der Gemeinschaft führt   für die Kirche in Deutschland, aber auch im Hinblick auf den Papst und die Weltkirche. Ein Bischof sollte der Einheit der Kirche dienen. 

    Sie haben durch Ihre Arbeit im Vatikan die römische Sicht auf Deutschland kennengelernt und wollen sich deshalb in beiden Richtungen als Moderator betätigen. Wie sieht das konkret aus? Einen Dissens in der Sache kann man auch durch freundliche Worte nicht aus der Welt schaffen. 

    Vermittlung liebt leise Töne. Im Rahmen meiner Möglichkeiten möchte ich versuchen, jenseits der Alpen dafür zu werben, dass die Kirche in Deutschland nicht schon protestantisch ist, und in Deutschland will ich klarmachen, dass auch römische Dokumente in der Regel einen weiteren Adressatenkreis im Auge haben als Deutschland. Jedenfalls ist es von Vorteil, sowohl in meiner Heimat jahrelang als Seelsorger nah bei den Menschen gearbeitet zu haben, als auch zu wissen, wie Rom "tickt". Als Bischof bin ich ja nicht nur für die mir vom Papst anvertraute Diözese zuständig, sondern darf auch daheim den Blick weiten für die Weltkirche. Das kann   wie ich hoffe   entspannend wirken.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.

    Weitere Artikel