• aktualisiert:

    Köln

    „Als ich aufwachte, war ich gelähmt“

    Es ist eine Gnade, sich nicht mit dem zu beschäftigen, was man verloren hat. Ein Rückblick auf zwei Jahre in Krankheit.

    Zum Glauben gefunden
    Seit ihrer Operation lebt Anne Wegner in einem Pflegeheim in Köln. Foto: Hauke-Christian Dittrich (dpa)

    Als ich vor zwei Jahren erkrankt bin, hatte ich etwas mehr als 50 Jahre Lebensweg und Lebenskampf hinter mir. Zum Glauben habe ich erst spät gefunden. Zwar bin ich in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, habe mich aber auf meinem Weg von der Kirche entfernt. Bekehrt habe ich mich in einem Kloster in Frankreich im Jahr 2005. Auf der Rückreise vom Jakobsweg, auf dem ich pilgernd zu Fuß von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela unterwegs war, machte ich dort einige Zeit Station.

    Vor meiner Erkrankung arbeitete ich als Architektin und engagierte mich parallel in der Kirche. 2018 wurde ich an einem Gehirntumor operiert, der zwar gutartig war, jedoch an einer sehr ungünstigen Stelle lag. Am Fest Christi Himmelfahrt, direkt nachdem ich von der Messe nach Hause zurück gekehrt war, wurde ich als Notfall in die Uniklinik eingewiesen. Ein Chirurg klärte mich über meine lebensgefährliche Erkrankung auf. Man riet mir zu einem neurochirurgischen Eingriff, der kurzfristig zu erfolgen hatte. Die Operation war schwierig und dauerte 14 Stunden. Als ich abends aufwachte, war ich gelähmt, nur durch ein Zwinkern der Augen konnte ich mich mitteilen und den Kopf ganz minimal bewegen. Mein Umfeld war geschockt, auch der Chirurg konnte es nicht fassen. Es stellte sich heraus, dass ich während der Operation einen Infarkt erlitten hatte, der die Lähmung aller Gliedmaßen zur Folge hatte.

    „Momente der Verzweiflung kenne ich bis heute nicht“

    Meine Umgebung auf der Intensivstation bestand zunächst aus der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal und einer Freundin, die seit meiner Einweisung ins Krankenhaus an meiner Seite war. Sie wachte, zunächst täglich, an meinem Bett und unterstütze mich auf vielerlei Weise auf meinem beginnenden Leidensweg. In den ersten Tagen kam zudem täglich abends eine zweite Freundin zu mir ans Bett, um mir Psalmen oder andere Texte aus der Bibel vorzulesen und um für mich zu beten. Dann kamen meine Geschwister zu Besuch, die eine lange Anreise hatten und für die mein Anblick – angeschlossen an ein Beatmungsgerät und viele andere Geräte – schrecklich war und bei denen meine Erkrankung, wie konnte es anders sein, großen Kummer auslöste.

    In den folgenden Tagen kamen andere Freunde, auch Ordensschwestern einer mir nahe stehenden Gemeinschaft in Köln, und mein langjähriger Beichtvater. Ich erinnere mich gerne daran, wie zwei Schwestern sich über mich beugten, und mit zärtlichen Blicken und einem Lächeln mich anschauten und Grüße von anderen Schwestern und Brüdern zu mir brachten. Aus Wallfahrtsorten, wo für mich gebetet wurde, erhielt ich Postkarten.

    Es folgten Tage und Wochen, in denen im Hintergrund die mir nahe stehenden Menschen begannen, mein Leben für mich zu verwalten. Eine Freundin verbrachte täglich Stunden damit, zu telefonieren, Termine abzusagen und anderen Freunden zu berichten was geschehen war. Diese Sorge um mich und das Ausmaß der aufopferungsvollen, tatkräftigen Unterstützung; ich kann selbst gar nicht begreifen, wie viel Kraft und Energie das gekostet haben muss.
    Ich möchte nunmehr schreiben was in mir vorging, nachdem ich mich so bewegungsunfähig, am Beatmungsgerät angeschlossen, auf der Intensivstation wiedergefunden habe. Zunächst war meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet, ob ich meinem Verstand trauen konnte und ob die Phantasien in meinem Kopf sich beruhigen würden. Dann war ich nur mit meiner Außenwelt beschäftigt. Die Geschichten der Pfleger habe ich begierig aufgenommen, denn ich wollte den Pflegeberuf mit seinen sehr anstrengenden Arbeitsbedingungen besser kennenlernen und verstehen.

    Das gesamte Personal respektierte meinen Glauben

    Es kam nie ein Gefühl der Angst auf, auch Momente der Verzweiflung kenne ich bis heute nicht. Meine Gedanken kreisten nicht um meinen Gesundheitszustand. Ich beschäftigte mich nicht damit, was ich verloren hatte, auch wenn es nicht weniger als mein vergangenes Leben war. Dies ist eine große Gnade, da bin ich mir sicher. Ich habe mich weder bemitleidet noch Gott angeklagt.

    Wenn ich an die Zeit auf der Intensivstation zurückdenke, erinnere ich mich gerne an die Pflegerinnen und Pfleger, die meinen Nachttisch nach der Morgenwäsche wieder aufgeräumt haben. Meine persönlichen Gegenstände, welche aus den Geschenken, wie kleinen Ikonen und Heiligenbildchen und vielem mehr bestanden, wurden wie zu einem Altar liebevoll aufgereiht. Ich konnte beobachten, dass das gesamte Personal meinen Glauben respektierte und mir viele Fragen stellte. Hier durfte ich vor einem kirchenfremden Publikum meinen Glauben offen zeigen, später, nachdem ich wieder reden konnte, darüber sprechen, und löste dadurch interessante Gespräche aus.

    In der Rehaklinik dann hörte ich über mein Radiogerät morgens die Messe und viele CDs, die meinen Glauben – auch an Heilung – gestärkt haben. Dies alles hat das Personal oft zufällig mitgehört. Es gab auch Reaktionen des Protestes. Da ich einen guten und herzlichen Kontakt zu allen Klinikmitarbeitern hatte, fanden wir auch durch Humor immer wieder zueinander. Humor und erfrischendes Lachen sind mir wundersam in diesem neuen Lebensabschnitt geschenkt worden.

    „Ich weiß, dass ich vielen Menschen Hoffnung gebe“

    Während meines Aufenthaltes in der Rehaklinik hatte ich den Eindruck, dass ich mit Abstand mehr Besuch hatte als andere, von Freunden aus kirchlichem Kontext, etwa aus dem Gebetskreis, von Gemeindemitgliedern oder von Freunden, die ich auf Wallfahrten kennen gelernt habe, aber auch von kirchenfernen Freunden. Sie gaben sich an manchen Tagen die Klinke in die Hand. Ich habe bemerkt, dass das Personal Interesse zeigte an den Menschen, die so treu um mich herum waren. Für mich waren das Zeugnisse geschwisterlicher Liebe, die unseren Glauben auch für andere anziehend machen.

    Ich weiß, dass ich vielen Menschen Hoffnung gebe. Die Anteilnahme und Unterstützung vieler Freunde schenkt mir wiederum soviel Freude und gibt mir Kraft, die widrigen Umstände auszuhalten. Nähe und Liebe in all diesen Beziehungen habe ich wohl nie zuvor in dieser Intensität erfahren. Heute bin ich der Überzeugung, dass wir nur in der Gemeinschaft bestehen können und Frucht hervorbringen. Nur gelebte Gemeinschaft macht das Leben lebenswert und schön.
    Heute, zwei Jahre nach meiner Erkrankung, habe ich dank regelmäßiger Therapie einige Bewegungsfreiheit zurückgewonnen. Der rechte Arm ist so gut, dass ich selbstständig essen, auf dem Tablet schreiben, und, mit Unterstützung eines Künstlers wieder malen kann, sodass ich mein Interesse für die Malerei von früher weiterführen kann. Ich kann auf der Bettkante sitzen, werde täglich mehrmals in den Stand gebracht und stehe alleine, wenn ich mich an der Bettkante festhalten kann. Für alles bin ich unendlich dankbar. Auch über die zurückgewonnene Freiheit durch meinen E-Rollstuhl, der mir vor kurzem zur Verfügung gestellt wurde. Alles, was ich an Beweglichkeit und Perspektive wiedergewinne, Ausflüge, die mehr und mehr möglich werden, erfüllt mich mit großer Freude.

    Ich bete jeden Tag. Das erste Gebet, das ich nach der OP betete, war ein Spruch, der oft die eucharistische Anbetung abschließt. Heute beschließe ich jeden Abend mit einem bestimmten Psalmenvers. Eine Freundin hat mir eine von ihr schön gestaltete Karte mit diesem Vers geschenkt, die jetzt über meinem Bett hängt. Dieser Spruch hilft mir, an meine Rehabilitation zu glauben und dafür zu kämpfen. Es ist der Vers 13 aus Psalm 27: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des Herrn im Land der Lebenden.“

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .

    Weitere Artikel