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    Lilienfeld

    Wider die Verspottung der „Geistermessen“

    Sind Eucharistiefeiern ohne Gläubige in Zeiten des Coronavirus vertretbar? Der Abt des Zisterzienserstiftes Lilienfeld, Pater Pius Maurer Ocist, wendet sich gegen die Kritiker sogenannter „Geistermessen“.

    Coronavirus in Italien: Eucharistiefeiern über Internet
    Viele Gläubige erwarten sich, dass gerade jetzt auch ihre Seelsorger viel beten, während sie selbst derzeit meistens nur... Foto: Claudio Furlan (LaPresse via ZUMA Press)

    Kürzlich haben sich einige deutsche Liturgiewissenschaftler gegen die Feier von sogenannten "Geistermessen" gewandt. Der Ausdruck "Geistermessen" lässt Assoziationen mit Begriffen wie Geisterbahn, Geisterzug, Geisterstunde oder Geisterstadt aufkommen und vermittelt die Vorstellung, dass solche Messen irgendetwas mit Geistern im Sinn von Gespenstern oder unheimlichen Wesen zu tun hätten. Das werden aber nicht einmal die Kritiker dieser "Eucharistiefeiern ohne Mitfeiernde" ernsthaft vertreten. Der Ausdruck "Geistermessen" scheint vielmehr ein von Verspottung geprägter Begriff für die "Eucharistiefeier ohne Mitfeiernde" zu sein.

    Tatsache ist, dass einige Liturgiker den Priestern abraten, in dieser schwierigen, emotional aufgeladenen Krise rund um die Corona-Pandemie die Eucharistie zu feiern, wenn den Gläubigen wegen der Pandemie-Gefahr die Teilnahme daran zivilrechtlich untersagt ist. Sie haben die Sorge, dass Priester die Eucharistiefeier als ihren eigenen Besitzstand betrachten könnten. Sie meinen, dass die Eucharistiefeier ohne Mitfeiernde mit der Liturgiereform des 2. Vatikanums nicht vereinbar sei.

    Gerade jetzt verspüren viele den Wunsch nach Gebet

    Sie üben Kritik an den "Eucharistiefeiern ohne Mitfeiernde", obwohl gerade jetzt, in dieser Ausnahmesituation der Corona-Pandemie, viele Christen zurecht den Wunsch haben, dass viel gebetet und Gott mit allen bewährten Möglichkeiten der katholischen Kirche um Hilfe angerufen wird. Viele Gläubige erwarten sich, dass gerade jetzt auch ihre Seelsorger viel beten, mit ihnen geistigerweise eine Gebetsgemeinschaft bilden und für sie die Eucharistie feiern. Sie selbst können derzeit meistens nur zu Hause beten und mit Hilfe der modernen Medien wie TV und Internet an Eucharistiefeiern teilnehmen.

    Sehen wir uns Zitate des 2. Vatikanischen Konzils näher an, um zu verstehen, was das Konzil über die "Eucharistiefeier ohne Mitfeiernde" sagt. Das Konzilsdokument "Presbyterorum Ordinis", also das Dokument des 2. Vatikanischen Konzils über die Priester, empfiehlt ausdrücklich, dass die Priester täglich das eucharistische Opfer darbringen sollen, auch dann, wenn keine Mitfeiernden dabei sein können:

    (13) Im Mysterium des eucharistischen Opfers, dessen Darbringung die vornehmliche Aufgabe des Priesters ist, wird beständig das Werk unserer Erlösung vollzogen; darum wird seine tägliche Feier dringend empfohlen; sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche.1 Dasselbe Dokument hebt hervor, dass das priesterliche Leben, und dabei gerade auch die pastorale Liebe, eng mit der Eucharistiefeier verbunden sind. Es sagt: (14) Diese Hirtenliebe erwächst am stärksten aus dem eucharistischen Opfer. Es bildet daher Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens, so daß der Priester in seinem Herzen auf sich beziehen muß, was auf dem Opferaltar geschieht. 2

    Hirtenliebe erwächst aus dem eucharistischen Opfer

    Papst Johannes Paul II. hat diese Stelle in seiner Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" (2003) aufgegriffen und nochmals besonders betont: (31) Diese Hirtenliebe – so fügt das Konzil hinzu – »erwächst am stärksten aus dem eucharistischen Opfer. Es bildet daher Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens«. Man versteht so, wie wichtig es für sein geistliches Leben und darüber hinaus für das Wohl der Kirche und der Welt ist, daß der Priester die Empfehlung des Konzils, täglich die Eucharistie zu feiern, in die Tat umsetzt. Denn »sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche«. Auf diese Weise kann der Priester jede zerstreuende Spannung in seinem Tagesablauf überwinden, weil er im eucharistischen Opfer, der wahren Mitte seines Lebens und Dienens, die notwendige geistliche Energie findet, um sich den verschiedenen seelsorglichen Aufgaben zu stellen. So werden seine Tage wahrhaft eucharistisch.3

    Im Postsynodalen Apostolischen Schreiben "Sacramentum caritatis" (2007) von Papst Benedikt XVI. heißt es: (80) Gemeinsam mit den Synodenvätern empfehle ich den Priestern deshalb „die tägliche Feier der heiligen Messe, auch wenn keine Gläubigen teilnehmen“. Diese Empfehlung steht zunächst in Einklang mit dem objektiv unendlichen Wert jeder Eucharistiefeier und hat überdies seinen Beweggrund in ihrer einzigartigen geistlichen Wirkkraft, denn wenn die heilige Messe mit Aufmerksamkeit und Glauben erlebt wird, ist sie formend im tiefsten Sinn des Wortes, da sie die Gleichgestaltung mit Christus fördert und den Priester in seiner Berufung stärkt.4

    In seiner Predigt vom 3. Juni 2016 anlässlich des Jahrs der Barmherzigkeit empfahl Papst Franziskus den Priestern die tägliche Eucharistiefeier und eine enge Beziehung zur Eucharistie: Liebe Priester, in der Eucharistiefeier finden wir jeden Tag diese unsere Identität des Hirten wieder. Jedes Mal können wir uns seine Worte: » Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird « wirklich zu Eigen machen. Das ist der Sinn unseres Lebens, das sind die Worte, mit denen wir in gewisser Weise täglich unsere Weiheversprechen erneuern können. Ich danke euch für euer „Ja“ und für viele verborgene „Ja“ des Alltags, die allein der Herr kennt. Ich danke euch für euer „Ja“, das Leben vereint mit Jesus hinzugeben: Hier liegt die reine Quelle unserer Freude.5 

    Eucharistie als Mitte und Wurzel des priesterlichen Lebens

    Sowohl das 2. Vatikanische Konzil als auch manche lehramtlichen Dokumente der letzten Jahrzehnte sehen es positiv und ermuntern dazu, dass der Priester die Eucharistie als Mitte und Wurzel seines ganzen priesterlichen Lebens erfährt, dass er täglich die Eucharistie feiert und geradezu aus ihr lebt. Das wirke sich für sein pastorales Wirken nur gut aus. Die enge Verbundenheit zwischen Priester und Eucharistie bedeutet nicht, dass der Priester die Eucharistiefeier zu seinem Besitzstand macht. Im Gegenteil: Die Eucharistie lässt ihn immer mehr in die Hingabe Christi für seine Schwestern und Brüder hineinwachsen. Priester, die aus der Eucharistie her leben, werden versuchen, möglichst viele Schwestern und Brüder für eine Eucharistie- und Christus-Verbundenheit zu gewinnen, unter anderem auch durch das Fördern verschiedener Dienste in der Liturgie.

    Unter normalen Umständen wird der Priester die Eucharistie natürlich zusammen mit einer konkret versammelten Gottesdienst-Gemeinde feiern. Darin kommt am deutlichsten zum Ausdruck, dass die Eucharistie das Volk Gottes aufbaut, stärkt und zur Einheit führt. Unter normalen Umständen können alle in einem Kloster lebenden Priestermönche gemeinsam die Konventmesse in Konzelebration feiern, zusammen mit den Mönchen, die nicht Priester sind und zusammen mit den Gläubigen, die als Gäste des Klosters oder von auswärts an der Eucharistiefeier teilnehmen.

    Notfalls auch ohne physische Anwesenheit von Gläubigen

    Das Messbuch sieht in seiner Allgemeinen Einführung (IV. Kapitel) aber mehrere Formen der Eucharistiefeier vor. Neben der "Messfeier mit Gemeinde" und der "Messfeier in Konzelebration" kennt es auch die "Messfeier ohne Gemeinde". Zu letzterer schreibt die Allgemeine Einführung in das Messbuch (Ausgabe 1976): Nur aus schwerwiegenden Gründen darf eine Messe ohne Altardiener gefeiert werden. Es entfallen dann die Grußworte und der Segen am Schluß. In der Vorabpublikation zum Deutschen Messbuch (3. Auflage) aus dem Jahr 2007 heißt es an der entsprechenden Stelle: Eine Feier ohne liturgischen Dienst oder wenigstens einen Gläubigen soll nur aus einem gerechten und vernünftigen Grund stattfinden. In diesem Fall entfallen die Grußworte, die Hinweise und der Segen am Ende der Messe. Hier wird deutlich, dass die "Eucharistiefeier ohne Mitfeiernde" möglich ist, allerdings nur aus schwerwiegenden Gründen.

    Priester, die jetzt wegen der Corona-Pandemie unter Quarantäne stehen oder wegen der Pandemie keine Gemeinde um sich versammeln können, befinden sich unter schwerwiegenden Umständen, in einer Ausnahmesituation, die es seit Jahrzehnten nicht in einer solchen Form gegeben hat. Ihnen soll nicht davon abgeraten werden, was das 2. Vatikanische Konzil und das Messbuch erlauben: die Eucharistie notfalls auch ohne physische Anwesenheit von Gläubigen zu feiern. Ihnen soll nicht davon abgeraten werden, auch mit Rücksicht auf jene Gläubigen, die wollen, dass ihre Seelsorger gerade in diesen schwierigen Tagen mit ihnen Gebetsgemeinschaft pflegen und die Eucharistie für sie feiern.

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    1) http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decree_19651207_presbyterorum-ordinis_ge.html

    2) http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decree_19651207_presbyterorum-ordinis_ge.html

     3) http://www.vatican.va/holy_father/special_features/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_20030417_ecclesia_eucharistia_ge.html

    4) http://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/apost_exhortations/documents/hf_ben-xvi_exh_20070222_sacramentum-caritatis.html

    5) https://w2.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2016/documents/papa-francesco_20160603_omelia-giubileo-sacerdoti.html

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