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    Vatikanstadt

    Warum greift „Bild“ Benedikt XVI. an?

    Die Verdachtsberichterstattung über Papst Benedikt XVI. und dessen Privatsekretär Georg Gänswein liest sich wie eine gewollte Konstruktion.

    Vorwürfe gegen Papst Benedikt in Bild-Zeitung
    Die „Bild“ muss zu ihren „schweren Vorwürfen gegen den deutschen Papst“ die entsprechenden Belege liefern. Ansonsten ste... Foto: Michael Kappeler (dpa)

    Die „Bild“-Zeitung hat ihre Verdachtsberichterstattung über Papst Benedikt XVI. und dessen Privatsekretär Georg Gänswein in der vergangenen Woche fortgesetzt. Dem ersten Artikel vom 30. Oktober, der die Behauptung aufstellt, der deutsche Papst und Gänswein hätten die homosexuellen Übergriffe eines Vatikan-Prälaten gedeckt, ließ „Bild“-Autor Nikolaus Harbusch einen Tag später einen zweiten Beitrag folgen, in dem er Aussagen eines anderen Priesters zitierte, der der „Bild“-Zeitung die perversen homosexuellen Praktiken schilderte, mit denen der beschuldigte Prälat seinen vermeintlichen Opfern zu Leibe rückte. Dieser zweite Priester ist relativ leicht zu identifizieren.

    Nicht nur in Rom ist bekannt, wer der Prälat ist

    Nicht nur in Rom ist auch bekannt, wer der Prälat und das erste, am 30. Oktober von „Bild“ genannte Opfer sind. Aber der Prälat hat alles, was zu seiner Identifizierung durch Medien-Berichte führen könnte, für die Zeit einer Voruntersuchung der Ingolstädter Staatsanwaltschaft durch anwaltliche Verfügungen unterdrücken lassen. Und der von „Bild“ zunächst erwähnte Priester, der wie der beschuldigte Prälaten inzwischen aus den vatikanischen Diensten entlassen worden ist, befindet sich in einer medizinisch instabilen Verfassung und genießt in gewisser Weise Opferschutz.

    Den Prälaten hat jedoch die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ in einem Bericht vom 31. Oktober über die Bild-Attacke auf den emeritierten Papst beim Namen genannt. Das zweite, in dem „Bild“-Artikel vom 31. Oktober zitierte Opfer heißt Francesco Lepore, hat – damals noch als Priester – von 2003 bis 2006 im Vatikan als Latinist gearbeitet, wurde im Anschluss daran auf eigenen Wunsch aus dem priesterlichen Dienst entlassen und ist heute Chefredakteur des italienischen LGBT-Onlinedienstes „Gaynews.it“.

    Bild berichtet auch über die Vorlieben des homosexuellen Prälaten

    Seit dem Sommer zirkuliert im Internet ein Video, in dem Lepore über die Zeit im Vatikan berichtet und auch auf den Prälaten zu sprechen kommt, der Priester in seiner Umgebung homosexuell bedrängt hat. Merkwürdigerweise hält Lepore ein Telefonbuch des Vatikans aus der lange zurückliegenden Zeit in der Hand und zeigt mit dem Finger auf die Seite, wo sich sein Eintrag zufälligerweise direkt neben dem des beschuldigten Prälaten befindet. „Bild“ berichtete anhand von Zitaten von Lepore am 31. Oktober auch über die Vorlieben des homosexuellen Prälaten, sich mit Schuhen sexuell erregen zu lassen. Eine Gemeinsamkeit in den Schilderungen der Übergriffe auf den andern Priester, über die sich „Bild“ im ersten Artikel zu dem ehemaligen Vatikanprälaten ausgelassen hatte.

    Der Fall Lepore ist aus zweierlei Gründen interessant. Zum einen muss er sich in den Jahren 2003 bis 2006 abgespielt haben, in der Zeit, in der der Ex-Priester im Vatikan gearbeitet hat. Also in den letzten Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. oder am Anfang der Papstjahre von Benedikt XVI. Zum anderen schildert er das Treiben von zwei homosexuell veranlagten Geistlichen, wobei der Prälat, um dem es „Bild“ vor allem geht, zu perversen und gewalttätigen Praktiken neigte. Aber es ging eben nicht um den Missbrauch Minderjähriger oder den Besitz beziehungsweise die Verbreitung von kinderpornografischem Material, wo von Anfang an schon ein Straftatsbestand bestanden hätte.

    "Zu suggerieren, dass solche sexuellen Übergriffe
    in jedem Fall auf dem Schreibtisch des jeweils
    amtierenden Papstes landen, ist eine Konstruktion,
    für die man erst einmal Beweise sehen möchte"

    Aber auch dann, wenn ein Vatikanmitarbeiter Opfer von sexuellen Übergriffen wird, hat er alle Möglichkeiten, sich zum einen an seine Vorgesetzten zu wenden – im Falle des vatikanischen Staatssekretariats wäre das im Fall der ersten Sektion der Substitut, im Fall der zweiten der Leiter der für die auswärtigen Beziehungen zuständigen Sektion – oder er erstattet Anzeige bei der Gendarmerie oder beim Staatsanwalt des Vatikans. Das ist offensichtlich in keinem der beiden von „Bild“ genannten Fälle geschehen. Aber zu suggerieren, dass solche sexuellen Übergriffe in jedem Fall auf dem Schreibtisch des jeweils amtierenden Papstes landen, ist eine Konstruktion, für die man erst einmal Beweise sehen möchte.

    Zum anderen zitiert „Bild“ in dem Artikel vom 30. Oktober aus zwei Mails von Erzbischof Gänswein von Ende 2012 und Anfang 2013, also aus einer Zeit, in der der beschuldigte Prälat längst schon den Vatikan verlassen hatte. Und der Ex-Priester Lepore, an dem sich der Prälat ebenfalls ausgelassen hatte, hatte schon 2006 seine Tätigkeit im Vatikan aufgegeben. Da will „Bild“ den Eindruck erwecken, dass die geschilderten Übergriffe in der Endzeit des deutschen Pontifikats geschehen seien.

    "Bild" muss Belege und Beweise liefern

    Fazit: Entweder liefert „Bild“ zu seinen „schweren Vorwürfen gegen den deutschen Papst“ die entsprechenden Belege und Beweise nach, oder man muss sich fragen, warum das Boulevardblatt, das Benedikt XVI. zu dessen Amtszeit wie eine Ikone behandelt hat, ihn heute angreift.

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