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    Kirchenrechtler Haering: Nottaufe kann nicht verboten werden

    Das Wort „Geistermessen“ ist töricht, sagt der Münchner Kirchenrechtler Stephan Haering OSB.

    Coronavirus - Gottesdienst Freiburg
    "Gottesdienste, die von vielen Menschen besucht werden, können leicht zum Anlass einer Übertragung des gefährlichen Viru... Foto: Patrick Seeger (dpa)

    Die niederländischen Bischöfe haben nach Verlängerung des staatlichen Versammlungsverbots öffentliche Feiern von Gottesdiensten bis 1. Juni ausgesetzt. Ist diese Entscheidung alternativlos?

    Die kirchlichen Autoritäten müssen die Regelungen, die von den staatlichen Behörden im Interesse des Gesundheitsschutzes der Bevölkerung erlassen werden, beachten. Gottesdienste, die von vielen Menschen besucht werden, können leicht zum Anlass einer Übertragung des gefährlichen Virus werden. Daher ist eine Aussetzung der öffentlichen Gottesdienste gerechtfertigt. Es haben sich bereits Ersatzformen entwickelt, nämlich die Übertragung von Gottesdiensten per Livestream. Möglicherweise lassen die Anordnungen einen gewissen Spielraum zu, etwa die Feier von Gottesdiensten mit einer begrenzten Zahl von Gläubigen, die in größeren Kirchen den gebotenen räumlichen Abstand einhalten können. Man sollte jedenfalls darauf achten, dass die Gläubigen nicht länger als unbedingt notwendig Gottesdienst und Sakramente entbehren müssen.

    Welche Spielräume lässt das Kirchenrecht dem Bischof, um Entscheidungen zur Sakramentenspendung zu treffen?

    Kirchenrechtlich kommt dem Bischof ein großer Ermessensspielraum zu, welche Regelungen er zur Spendung der Sakramente angesichts der Gegebenheiten erlassen will. Eine gewisse Einheitlichkeit des pastoralen Vorgehens in einem Bistum ist angezeigt. Es kann von den Seelsorgern auch als Entlastung empfunden werden, wenn sie ihr Verhalten gegenüber den Gläubigen mit einer bischöflichen Weisung begründen können. Die Spendung der Firmung etwa kann für die Dauer der Krise bischöflich ausgesetzt werden, denn dieses Sakrament ist nicht heilsnotwendig. Auch die Feier der Weihen, die nach Möglichkeit unter großer Beteiligung der Gläubigen erfolgen soll, kann ausgesetzt werden. Die Spendung der feierlichen Taufe kann eine gewisse Zeit hinausgeschoben werden, nicht aber die Nottaufe in Gefahr.

    "Der Entscheidung des Pfarrers kann überlassen bleiben,
    ob es eine allgemein zugängliche Möglichkeit
    zur Spendung des Bußsakraments gibt, denn dafür
    können örtliche Verhältnisse maßgeblich sein"

    Bischöfliche Weisungen legen sich auch nahe bezüglich der Spendung der Sakramente an infizierte Personen. Da ist es sinnvoll, diese Aufgabe geschulten Seelsorgern exklusiv zu überlassen. Diese Priester können den Kranken die Sakramente der Buße und der Krankensalbung oder die Kommunion spenden und dabei Schutzvorkehrungen einhalten, um die Krankheit nicht weiterzutragen. Der Entscheidung des Pfarrers kann überlassen bleiben, ob es eine allgemein zugängliche Möglichkeit zur Spendung des Bußsakraments gibt, denn dafür können örtliche Verhältnisse maßgeblich sein. Die Kirchen bleiben ja für das Gebet der Gläubigen geöffnet. Warum sollte nicht in einem geschlossenen Nebenraum ein Priester zur Beichte zur Verfügung stehen? In einer entsprechend großen Sakristei könnte eine genügende räumliche Distanz zwischen Pönitenten und Priester eingehalten werden und gleichzeitig die Diskretion gewahrt bleiben.

    Haben Corona-Patienten ein Recht auf die Sterbesakramente?

    Gerade den Schwerkranken und Sterbenden muss die Kirche besonders nahe sein und ihnen den Zugang zu den Sakramenten ermöglichen. In dieser extremen Situation kann die derzeit hinsichtlich der Feier von öffentlichen Gottesdiensten geltende Einschränkung der Religionsfreiheit keinesfalls greifen. Die Kirche hat die strenge Pflicht, solchen Patienten, die danach verlangen, die Sakramente zu spenden. Dies muss auch von den Angehörigen und dem Pflegepersonal sowie den Behörden respektiert werden. Natürlich müssen bei der Feier der Sakramente die gebotenen Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden.

    Laut Anweisung der Österreichischen Bischofskonferenz dürfen Priester zu den Feiern des Palmsonntags und des Triduums nur vier Gläubige bitten, „die gesund sind und nicht einer Risikogruppe angehören“. Ausgeschlossen sind alle Kranken, unabhängig von der Art der Erkrankung, Hochbetagte und Menschen mit Vorerkrankungen. Widerspricht das Canon 843, der besagt, dass Amtsträger die Sakramente denen nicht verweigern dürfen, „die zu gelegener Zeit darum bitten, in rechter Weise disponiert und rechtlich an ihrem Empfang nicht gehindert sind“?

    Diese Regelung zielt nicht darauf ab, bestimmte Personengruppen von den liturgischen Feiern auszuschließen, sondern will diese zentralen Gottesdienste des Kirchenjahrs als gemeinschaftliche Feiern ermöglichen, wenn auch in reduzierter Form. Die Priester sollen die Messe in der Regel nicht allein feiern. Allerdings ist auch die Feier der Messe, die ein Priester allein vollzieht, stets eine Feier in der geistlichen Communio der Kirche und angesichts der derzeitigen Umstände gerechtfertigt. Das dafür in Umlauf gebrachte Wort von „Geistermessen“ ist töricht. Jedenfalls geht es bei der österreichischen Regelung nicht um den Ausschluss bestimmter Gläubiger, sondern man will vorsorgen, dass eine solche, stellvertretend für die ganze Gemeinde im kleinen Kreis vollzogene Feier nicht zum Ausgangspunkt von Krankheit und Tod wird.

    Zuvor hat Österreichs Bischofskonferenz für die Zeit des Corona-Ausnahmezustands alle Taufen verboten. Ist ein solcher kollektiver Taufaufschub im Einklang mit dem CIC? In welchen Fällen rechtfertigt dies die Nottaufe?

    Das Verbot der Tauffeiern für die Zeit des Ausnahmezustands dient der Vermeidung einer Ansammlung von Menschen, bei welcher leicht eine Übertragung des Virus erfolgen könnte. Es geht hier also nicht darum, Menschen das Sakrament vorzuenthalten, auch wenn das Verbot sich zumindest auf einige Zeit so auswirkt. Es wäre auch denkbar gewesen, Feiern im kleinsten Kreis (Täufling, Spender, Eltern, Pate) zuzulassen, wenn jeder Ansteckungsgefahr vorgebeugt ist. Aber es ist wohl realistisch, dass durch das Verbot der Taufspendung dazu beigetragen wird, die anschließenden Familienfeiern zu vermeiden, die ein Ort der Ansteckung werden können.

    "Der Empfang der Taufe ist der sichere
    Weg zum Heil. Als Spender der Nottaufe
    kommt jedermann in Frage"

    Unabhängig von diesem Verbot ist die Nottaufe jederzeit zu spenden, wenn irgendeine Gefahr für den Täufling besteht. Denn der Empfang der Taufe ist der sichere Weg zum Heil. Als Spender der Nottaufe kommt jedermann in Frage. Wird sie durch Kleriker gespendet, kann man sicher sein, dass sie gültig gespendet wird. Die Nottaufe kann nicht verboten werden und auch ein Kleriker, der sie spendet, verletzt niemals eine andere Pflicht. Bei dem Verbot der Taufspendung handelt es sich streng genommen um eine Anordnung der einzelnen Diözesanbischöfe für ihre Bistümer; die Bischofskonferenz besitzt keine Zuständigkeit.

    In Österreich darf derzeit die Krankensalbung nur als Viaticum gespendet werden. Widerspricht das nicht ihrem Sinn gemäß Canon 998?

    Jedes Sakrament ist sichtbares und wirksames Zeichen der Liebe und Gnade Gottes und der Fürbitte der Kirche, die Krankensalbung für die schwer erkrankten Menschen. Dieses Sakrament wird nicht mehr als „letzte Ölung“ oder Sakrament der „Todesweihe“ gesehen, sondern es gilt allen Schwerkranken. Insofern handelt es sich hier um eine Einschränkung, die in Österreich bezüglich der Spendung verfügt worden ist. Diese Einschränkung hat die Vermeidung von Ansteckungen anlässlich der Feier des Sakraments im Blick. Bei gemeinschaftlichen Feiern der Krankensalbung kommen mehrere schwer erkrankte und daher geschwächte Menschen zusammen, so dass im Fall einer dabei erfolgten Ansteckung mit dem Corona-Virus sogar mit Todesfällen zu rechnen ist. Aber auch bei der individuellen Spendung des Sakraments kommt der Spender dem Kranken nahe, mit der Gefahr einer Übertragung des Virus.

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