• aktualisiert:

    Wien

    Kirche in Österreich: Exodus der Gläubigen

    Die Kirche in Österreich verliert an Alltagsrelevanz – Der Kirchenbeitrag ist oft der Erstkontakt.

    Kirchenbeitrag Österreich
    Hier endet die äußere Bindung an die Institution häufig. Foto: Kathbild/Rupprecht

    Noch immer versammeln sich Sonntag für Sonntag mehr Menschen in Österreich zur heiligen Messe als in Fußballstadien oder Kinos, zu Parteiversammlungen oder Gewerkschaftstreffen. Mehr als eine halbe Million Katholiken nimmt ihre Sonntagspflicht noch ernst. Ein schwacher Trost, denn 89 Prozent der Katholiken kommen nicht zur Sonntagsmesse.

    Dabei schmilzt die Gesamtzahl der Kirchenmitglieder seit Jahrzehnten: Waren vor einem Jahrhundert noch 90 Prozent der Einwohner Österreichs katholisch, so gehören heute nur mehr 56,4 Prozent der katholischen Kirche an. In der Bundeshauptstadt Wien ist weniger als ein Drittel katholisch.

    Das Sonderbarste jedoch ist, dass dieser dramatische Schrumpfungsprozess in vielen Ordinariaten zu keinen großen Schockwellen zu führen scheint: „Leicht zurückgegangen und weitgehend stabil“ sei die Katholikenzahl im Vorjahr, vermeldete die kirchenamtliche Nachrichtenagentur Kathpress, die in der Vorwoche die offiziellen Zahlen bekannt gab.

    Der „leichte“ Rückgang betraf 67 583 Menschen, die der katholischen Kirche offiziell den Rücken kehrten. Im Vergleich zu 2018 betrug der Anstieg der Austritte 15 Prozent. Dass nur mehr 4, 98 von 8, 82 Millionen Einwohnern des Landes der katholischen Kirche angehören, dass nur jeder zehnte Katholik die Sonntagsmesse besucht, dass laut amtlichen Statistiken nur die Zahl der Muslime (acht Prozent) und der Mitbürger ohne religiöses Bekenntnis (16 Prozent) kontinuierlich wächst, all das scheint nur wenige aufzuschrecken.

    Dramatisch ist der Mangel an Gläubigen

    Österreich sei im europäischen Vergleich „immer noch ein sehr stark katholisch geprägtes Land“, schreibt Kathpress. Die Kirche habe „nach wie vor ein intensives Leben“ in Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen. In Wien seien die Austrittszahlen – nach „Sonderfaktoren“ wie der Debatte um die Kärntner Missstände und der Missbrauchsdebatte – seit Oktober „wieder auf ihrem gewohnten Niveau“, verkündet die Pressestelle der Erzdiözese Wien.

    In der Stadt Wien sind gerade noch 31, 5 Prozent der Einwohner katholisch. Ohne die vitalen fremdsprachigen Gemeinden sähe es trüb aus. Immerhin leben 80 000 kroatische Staatsbürger und 75 600 gebürtige Polen in Österreich: Sie beleben sonntags so manche Kirche in Wien, Graz und anderen Städten. In 27 Sprachen feiern Katholiken in Wien am Sonntag die Heilige Messe, darunter in Farsi, Arabisch, Mandarin, Swahili und Vietnamesisch.

    Warum wird die Veröffentlichung der offiziellen Kirchenstatistik mit dem Weihrauch der Beschwichtigung eingeleitet? Warum schlägt keiner Alarm und bekennt, dass das josephinische System einer flächendeckenden Seelsorgsdienstleistungsstruktur nur mehr Fassade ist? Und zwar nicht wegen des allseits beklagten Priestermangels, sondern wegen des viel dramatischeren Gläubigenmangels: Mit 1 897 Diözesanpriestern, 1 411 Ordenspriestern und 475 in Österreich wirkenden ausländischen Priestern ist das Land nämlich immer noch recht gut versorgt. Bei den ausländischen Seelsorgern darf man 151 österreichische Diözesanpriester gegenrechnen, die irgendwo in der Welt wirken.

    „Die Leute gehen immer leichter weg.
    Da ist auch keine emotionale Beziehung mehr"
    Otmar Stefan, Katholikenanwalt der Erzdiözese Salzburg

    Sicher, die Kirche in Österreich ist als Bildungsträger und sozialer Dienstleister weithin höchst angesehen. In den gut 4.300 Pfarreien und Seelsorgestellen wird eine beachtliche karitative, soziale und seelsorgliche Arbeit geleistet. Doch der Exodus der Katholiken aus ihrer Kirche hält an. Viele Verantwortlichen suchen aktualitätsbezogene Begründungen dafür: Früher war das der „Fall Groer“ oder der öffentlich ausgetragene Streit um Bischof Kurt Krenn, heute sind das etwa „die Veröffentlichungen rund um Bischof Alois Schwarz in Kärnten“, wie in einer Pressemeldung der Nachbardiözese Graz-Seckau nachzulesen ist. Gewiss, Kirchen-Skandale sind für viele Kirchenferne ein letzter Anlass und ein bequemes Argument, der Kirche auch formal den Rücken zu kehren.

    Der Katholikenanwalt der Erzdiözese Salzburg, Otmar Stefan, gräbt tiefer: „Die Leute gehen immer leichter weg. Da ist auch keine emotionale Beziehung mehr“, sagt der erfahrene Jurist, der seit drei Jahrzehnten in kirchlichen Diensten steht. Während viele Ältere ihrem Ärger über die Zustände in der Kirche gerne Luft machen, würden die Jüngeren auf seine Einladung zu einem Gespräch gar nicht mehr reagieren, erzählt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Kirche hat einfach an Relevanz verloren. „Mich wundert, dass manche überhaupt noch da sind“, sagt Stefan.

    Das bestätigt auch die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak, die mit Blick auf die demografische Entwicklung von einer „tektonischen Plattenverschiebung“ spricht, die sich in den kommenden zwei Jahrzehnten manifestieren werde.

    Wenn die Kirche im Alltag als irrelevant empfunden wird, ist der Kirchenbeitrag ein Austrittsargument. Nicht dieser oder jener Skandal ist dann der letzte Anstoß, der Kirche Adieu zu sagen, sondern die Aufforderung, zu zahlen, wo man längst keine Dienstleistung mehr in Anspruch nimmt.

    Während in säkularisierten Ländern ohne Kirchensteuer – in Italien und Spanien etwa – Menschen ihrer Kirche mal ferner stehen, sich dann durch lebensgeschichtliche Ereignisse auch wieder schwellenfrei annähern können, erwirkt das österreichische und deutsche Kirchensteuersystem einen Bruch. Katholische Intellektuelle wie Gudula Walterskirchen fragen besorgt, ob diese „Zwangsabgabe … wirklich weiterhin der Erstkontakt eines jungen Erwachsenen mit der Institution Kirche“ sein darf.

    Von Konkursverwaltung auf Mission umschalten

    Zur Debatte stellt Österreichs Kirche das Kirchenbeitragssystem nicht. Die Bilanzen stimmen, die Einnahmen sprudeln: 474 Millionen Euro nahmen Österreichs Diözesen aus dem Kirchenbeitrag 2018 ein, das entspricht 75 Prozent aller Einnahmen. Die wichtigste Einnahmequelle der neun Diözesen ist das Goldene Kalb, das nicht in Frage gestellt wird.

    Auch wenn der Kirchenhistoriker Rudolf Höfer darauf verweist, dass die italienischem Recht unterliegende Südtiroler Diözese Bozen-Brixen (ohne Kirchenbeitrag) bei 480 000 Katholiken nur 14 Kirchenaustritte hatte, während die (Kirchenbeitrag einziehende) Nordtiroler Diözese Innsbruck bei 374 034 Katholiken 4 313 Kirchenaustritte zu beklagen hat.

    Von einem „annus horribilis“ sprach der Salzburger Erzbischof Franz Lackner jüngst mit Blick auf die Kirchenaustritte 2019. Und sein Katholikenanwalt Otmar Stefan meint gegenüber der „Tagespost“, die Kirche müsse von Konkursverwaltung auf Mission umschalten: Es brauche eine „nachgehende Kirche“ und „neue Arten der Verkündigung“. Michael Prüller, der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, sieht das ähnlich: „In unserer zentralen Kompetenz, den Menschen Nahrung für die Seele zu geben, müssen wir unseren Einsatz noch mehr zur Geltung bringen.“

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .

    Weitere Artikel