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    Würzburg

    Kirche der Märtyrer

    Peter Baron lebt seit fast 50 Jahren in Japan. Für die "Tagespost" erzählt er aus dem Leben der kleinen katholischen Gemeinschaft.

    Herr Baron, Sie kennen Japan nun schon fast 50 Jahre. Wie würden Sie die Ortskirche beschreiben?

    Die katholische Kirche in Japan ist natürlich dieselbe wie hier in Deutschland: ihre Verkündigung, ihre Sakramente. In den Liturgietexten gibt es wenige kleine Unterschiede und Adaptionen, die dem japanischen Sprachgebrauch gerechter werden. Mir fällt auf, dass das Gemeindeleben zum Beispiel in meiner Pfarrei äußerst lebhaft ist, wie ich es aus Deutschland nicht kenne. Am Sonntag wird häufig sogar gekocht und viel für die Kinder angeboten. Eine Gemeinschaft, die am Sonntag zusammenkommt und bereit ist, Freizeit zu opfern.

    Wie prägen die Ordensgemeinschaften die japanische Ortskirche?

    Man darf nie vergessen, dass damals wie heute die Kirche sozusagen importiert ist – mit allem Drum und Dran. Lehre, Liturgie, Gebete, die anfängliche Glaubensunterweisung, alles wurde von Ausländern gebracht und geleistet und kam aus der Fremde. Das bewirkt natürlich auch eine gewisse Skepsis. Die Orden, besonders natürlich Franz Xaver und seine Gefährten, haben die Kirche in Japan in den ersten Jahrhunderten sehr stark geprägt. Zwischen den Orden gab es aber auch einen Wettbewerb, den einige Historiker als mitursächlich für das Einsetzen der Christenverfolgung betrachten. Die Orden sind immer noch deutlich in der Gesellschaft und in der Pastoral präsent, so wie die Jesuiten in Tokio mit ihrer Sophia Universität und der Pfarrkirche St. Ignatius daneben, die den geistlichen Mittelpunkt der zahlenmäßig größten katholischen Pfarrgemeinde Tokyos bildet. Meine Pfarrei wird von Franziskanern geleitet, die aber alle Japaner sind.

    Der Tokyoter vormalige Erzbischof Okada wandte sich bezüglich der Stärkung der Eigengebräuche der japanischen Katholiken jüngst an den Papst. Wird diese Sonderstellung auch vom Kirchenvolk so wahrgenommen und einhellig geteilt?

    "Es gibt im japanischen Messtext einige
    wenige Abweichungen vom allgemeinen
    Messtext wie zum Beispiel das Gebet
    der Gemeinde vor der Kommunion"

    Ich bin zwar seit Jahrzehnten aktiver Katholik in Japan, weiß aber nicht, was der emeritierte Erzbischof damit meint. Es gibt im japanischen Messtext einige wenige Abweichungen vom allgemeinen Messtext wie zum Beispiel das Gebet der Gemeinde vor der Kommunion. Die Doxologie nach der Wandlung wird vom Priester und der Gemeinde allgemein gemeinsam gebetet. Das hat aber wohl wenig mit Inkulturation zu tun. Ausdrücklich genannt wird von ihm die Praxis der Handkommunion. Auch das ist nichts typisch Japanisches. Allerdings gab es vor einigen Jahren einen Beschluss der Bischofskonferenz unter dem Vorsitz von Okada gegen die Mund- und für die Handkommunion, der zwar nicht bindend war, aber wie ein Verbot der Mundkommunion verstanden wurde. Hierzu gab und gibt es Widerstand bei einigen Katholiken. Dieses „Verbot“ ist schon ziemlich krass, gerade weil die Freiheit ein hohes Gut der Christen ist und auch ihre Ehrfurchtshaltung gegenüber dem göttlichen Geheimnis der Eucharistie einschließt. Aber auch dieses Thema hat mit Inkulturation nichts zu tun. Unverständlich ist ein weiterer Beschluss dieser Sitzung der Bischofskonferenz unter Vorsitz des emeritierten Erzbischofs, der als Haltung der Gläubigen während der Messfeier Stehen oder Sitzen vorschreibt. Als Konsequenz hat man zum Beispiel in der Ignatiuskirche in Tokio, die mit Geld aus Köln gebaut wurde, die Kniemöglichkeiten beseitigt. Wer knien möchte, tut dies auf dem blanken Steinfußboden. Auch in meiner Kirche setzt man sich nun nach der Kommunion. Begründet wird das unter anderem mit der japanischen Ehrfurchtshaltung. Das ist aber Blödsinn! Das Knien ist auch in Japan eine Haltung der Demut und der Anbetung.

    Dabei gibt es viele einfache Leute mit tiefem Glauben, für die Volksfrömmigkeit und deren Praxis eine große Bedeutung hat. Da sieht man Frauen, die zur Messfeier einen Schleier tragen und die Kniebeuge vollziehen und die Messe kniend mitfeiern. Diese werden sicher mit dem Mund kommunizieren wollen; denn die Japaner können starrköpfig sein. Solche japanischen Gläubigen sind unbeirrbar. Das zeigt die Märtyrergeschichte: Die japanischen Märtyrer nahmen lieber Torturen auf sich, als auf ein Kreuz zu trampeln und so abzuschwören.

    Die japanische Kirche ist eine Märtyrerkirche. Über 300 Jahre wurden die Katholiken verfolgt. Wie wirkt sich das heute noch auf die Traditionen, die Familien und die Mentalität aus?

    Als Johannes Paul II. 1981 nach Japan kam, hat er die Bischöfe in Nagasaki auf die vielen Märtyrer verwiesen und gefragt, warum es dennoch nur so wenige kanonisierte japanische Heilige gäbe. Da ist den japanischen Bischöfen aufgegangen, was für einen Schatz sie haben. Sie begannen mit der Aufbereitung der reichlich vorhandenen Dokumente. 2008 gab es dann die Seligsprechung von Peter Kibe und 187 Gefährten. Bis dahin ist die japanische Märtyrerkirche zwar zur Kenntnis genommen worden, aber nicht in ihrer unermesslich wertvollen spirituellen Bedeutung für die Kirche in Japan erkannt worden. Dann aber gab es vermehrt Aufmerksamkeit für diesen Teil der japanischen Geschichte auch in den Medien. Viele Japaner mögen bei der Seligsprechung von Takayama Ukon erstmals bewusst zur Kenntnis genommen haben, dass selbst ein japanischer Landesfürst und Feldherr mit seiner Familie zu den frühen Christen gehörte und verfolgt worden ist. Er wurde im Februar 2017 in Osaka seliggesprochen unter großer medialer Teilnahme.

    "In der japanischen Oberschicht gibt
    es bis heute relativ viele Katholiken"

    Ein weiterer Meilenstein wurde mit der Erhebung der weiten Region um Nagasaki einschließlich der Insel Hirado zum UNESCO Weltkulturerbe im vorigen Jahr erreicht. Dieses Gebiet war ein zentraler Ort für den Beginn der Ausbreitung des Christentums in Japan und hier war die von der Regierung verordnete Christenverfolgung besonders konsequent und grausam. Bis heute ist die katholische Kirche hier besonders lebendig und präsent. Dort können sie am Sonntag selbst um 5 Uhr morgens eine Heilige Messe besuchen und zuvor schon den Rosenkranz mitbeten! In der Tokio-Zeitung gibt es seitdem eine wöchentliche Rubrik zum Thema Christentum. In der japanischen Oberschicht gibt es bis heute relativ viele Katholiken. Premierminister Abes Frau ist Katholikin, sie stammt aus der Industriellenfamilie Morinaga Seika. Der frühere Ministerpräsident und jetzige Finanzminister Aso ist Katholik und gehört ebenfalls zu einer Industriellenfamilie. Die Frau des früheren Premierministers Hashinoto war auch Katholikin. Ein weiterer früherer Ministerpräsident, Morihiro Hosokawa, stammt aus einem alten Fürstengeschlecht, zu dem Gracia Hosokawa, eine berühmte Christin aus dem 16. Jahrhundert gehört. Die Ehefrau des emeritierten Kaisers war Schülerin der katholischen Sacred Heart Schule in Tokyo.

    Wie nehmen Sie das Thema Mission in Japan wahr? Wirkt die Kirche weltanschaulich und kulturell anziehend? Wie wird das Christentum in Elite und Masse wahrgenommen?

    Hierzu habe ich bereits Einiges gesagt. Das Christentum wird in Japan respektiert. Es wird jetzt aber nicht mehr nur wahrgenommen, sondern man hat auch begonnen, sich wirklich zu interessieren und zu informieren. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass es nur so wenige Christen in Japan gibt. Warum sind es nicht mehr? Rein menschlich wäre nach all dem Erfolg der Kirche in den ersten 70, 80 Jahren und der so eindrucksvoll bestandenen Bewährungsprobe während der jahrhundertelangen Christenverfolgung geradezu ein Boom zu erwarten gewesen.

    "Missionieren ist ja nicht ein „Machen“,
    ein rein menschliches „Durchziehen“. Mission
    ist Wirken des Heiligen Geistes durch Menschen"

    Dem ist nicht so. Hierzu gibt es viele und vielartige Erklärungsversuche. Ich mache mir keine davon abschließend zu eigen. Hier wird das Geheimnis des Glaubens berührt. Missionieren ist ja nicht ein „Machen“, ein rein menschliches „Durchziehen“. Mission ist Wirken des Heiligen Geistes durch Menschen. Glauben kommt von Gott und wird nicht durch Menschen produziert. Rational ist es kaum zu verstehen, warum das Christentum anfangs so erfolgreich war. Es liegt nicht an mangelnder Inkulturation, ansonsten erklärt sich nicht, warum das Christentum vor 300 Jahren angenommen wurde. Das kann auch nicht das Charisma der damaligen Missionare gewesen sein. Der Daimyo hat Franz Xaver nicht empfangen wollen, weil er so stank. Dennoch öffnete er sich für das Christentum. Und zum maßlosen Erstaunen aller kamen nach dem Ende der Tokugawa-Herrschaft Christen aus der Verborgenheit zum Vorschein, deren Familien über Generationen ihren christlichen Glauben bewahrt hatten. Es ist verständlich, dass man vor einem solchen Hintergrund auf ein Aufblühen und rasche Verbreitung des Christentums hoffte. Das geschah aber nicht. Der christliche Glaube muss für die Japaner zu Zeiten Franz Xavers fremder gewesen sein als heute, aber dennoch war die Mission erfolgreich.

    Welche Rolle spielt die Caritas und die Sorge um den Nächsten in einer Leistungsgesellschaft wie der Japanischen?

    Die tätige Nächstenliebe steht auch in Japan an hoher Stelle in der Werteskala, gerade in den Familien. Das gilt auch für die Sorge um den wirtschaftlich Schwächeren. Die Kirche ist mit der Caritas präsent. Es gehört zum japanischen Selbstverständnis, dass man nicht an erster Stelle vom Staat erwartet, dass er die Dinge regelt, sondern man sieht sich persönlich als Teil der Gemeinschaft gefordert.

    Muss sich die Kirche in Japan ähnlichen Herausforderungen wie die Kirche in Deutschland stellen, wie der vormalige Erzbischof Okada immer wieder betont?

    "Die Japaner verfügen über eine eigene
    Spiritualität, die für die christliche Botschaft
    nicht nur empfänglich, sondern
    ein fruchtbarer Boden wäre"

    Erzbischof Okada betont am Anfang seines Briefes, dass er seine persönliche Meinung äußert. Er stellt fest, dass es den Japanern an echten christlichen Werten fehlen würde. Da sind meine Erfahrungen anders. Die Japaner verfügen durchaus über eine eigene Spiritualität, die für die christliche Botschaft nicht nur empfänglich, sondern ein fruchtbarer Boden wäre. Einher geht aber auch ein innerer Abstand zu dem vermeintlich Fremden. Man meint, das sei alles zu hoch für einen Japaner. In Deutschland dagegen herrscht doch eine weitgehende innere Verhärtung, ein Überzeugtsein von der eigenen Aufgeklärtheit, die fast schon ins Bornierte ausufert. Hier stößt die Kirche mit ihrer Lehre bei Vielen auf Granit, zumindest auf Gleichgültigkeit; bei den Japanern wäre es lediglich ein Vakuum, das zu füllen ist. Da ist also viel Platz, und ich bin überzeugt, dass eines Tages das Christentum diese Herzen erobern wird. Die unzähligen japanischen Märtyrer haben es vorgemacht. Sie haben bewiesen, zu welchem felsenfesten Glauben Japaner fähig sind. Ihr Blut ist im ganzen Land vergossen worden. Der Samen ist gelegt, natürlich wird er aufgehen. Davon bin ich fest überzeugt.

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