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    Vatikanstadt

    Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde

    Wurde die Amazonassynode instrumentalisiert? Die Synode weckte in Deutschland Hoffnungen.

    Indigene Holzfigur
    Sie ist das Symbol der Amazoniensynode schlechthin: die Pachamama. Foto: Paul Haring (MediaPortal KNA Katholische Nach)

    Sie ist das Symbol der Amazoniensynode schlechthin: die Pachamama. Sie durfte auch in Würzburg nicht fehlen. Zu den Konsequenzen der Synode luden die Bistümer Hildesheim und Würzburg mit den bischöflichen Hilfswerken Misereor und Adveniat zur Tagung, es kamen die Amazonas-Bischöfe Kräutler und Bahlmann. Sie brachten jedoch nicht Unsere Liebe Frau von Amazonien mit, sondern eine jener Pachamamas, die man dem Vernehmen nach aus dem Tiber gefischt haben will. Statt des Gekreuzigten oder Bonifatius wachte nun Pachamama über die Veranstaltung vergangener Woche.

    Der Kirche soll ein amazonisches Angesicht verpasst werden

    Der Kirche soll ein amazonisches Angesicht verpasst werden: indigene Kosmovision, ökologische Bekehrung, Synodalität. Der Geist der Synode soll auch die Kirche in Deutschland begeistern. Der Katakombenpakt für das gemeinsame Haus wird daher auch den deutschen Katholiken empfohlen. Unterschriftenlisten lagen aus, um sich dem Pakt anzuschließen. Vom Podium ergeht die gestrenge Mahnung, sich der Konsequenzen des Gelübdes bewusst zu sein, so man unterschreibt.

    Unterbrochen wurden die Diskussionsrunden von nicht mehr ganz so neuem geistlichen Liedgut. Es wurde gesucht und gefragt. Die Zeit und die Stunde beschworen. Für eine neue Allianz von Religionen, Wissenschaft und Jugend. Wider Diskriminierung jedweder Art, „Klerikalismus“ und für eine „Pastoral, die alle angeht“. Denn es ginge ums gemeinsame Haus: „Tudo está inteligado – Alles ist mit allem verbunden“, singen die etwa 120 Teilnehmer immer wieder.

    Zölibat und Frauendiakonat gingen fast schon unter

    Die in der deutschen Öffentlichkeit besonders mit Aufmerksamkeit bedachten Themenfelder Zölibat und Frauendiakonat gingen fast schon unter. Die Ausweitung kirchlich-pastoraler Kompetenz auf die Rettung der Welt ließ anderes eben in den Hintergrund treten. Und wie es schien auch die konkreten Probleme der Pastoral in Lateinamerika, das nicht nur aus Amazonien besteht. Im Angesicht der Pachamama lässt es sich für Pfingstkirchen jedenfalls bestens missionieren. Das „Unterscheidend Christliche“, Ernst und Größe der Erlösung, des befreienden Handelns Gottes durch Kreuz und Auferstehung scheinen nur mehr Chiffren zu sein, deren Inhalt dem Zweck „pastoralen“ Handelns zu dienen hat, wobei hier vor allem Einsatz und „Aktion“ zu verstehen sind. Je größer das Ziel, desto besser. Weltrettung!

    Als Bischof Franz-Josef Overbeck vor der Synode ankündigte, nach ihr werde nichts so sein wie zuvor, stellte sich in konservativen Kreisen weltweit Beunruhigung ein. Die finanzielle Macht und das breit gestreute Engagement deutscher Hilfswerke in Lateinamerika verleitete mitunter dazu, die Amazonassynode als Veranstaltung zu bezeichnen, mit denen die Deutsche Bischofskonferenz ihre Forderungen nach regionalen Lösungen und vor allem in Sachen Weihe verheirateter Männer zum Priestertum und dem Frauendiakonat durchsetzen wolle. Kardinal Robert Sarah merkte dazu bereits im Vorfeld an, dass einige dächten, „dass sie allmächtig sind, weil sie ärmere Kirchen finanzieren“.

    Kräutler wiederholt Forderung, "personae probatae" einzuführen

    Im Gespräch mit dieser Zeitung wies der Bischof von Obidos, Bernardo Johannes Bahlmann, diesen Vorwurf, man ließe sich instrumentalisieren, jedoch energisch zurück. Das sei eine Lüge. Der österreichisch-stämmige Erwin Kräutler spricht gar von einer „glatten Lüge“, wiederholt aber seine altbekannten Forderungen, eben doch die „personae probatae“ einzuführen.

    Kritische Nachfragen nach den Konflikten mit der brasilianischen Regierung, die sich im Vorfeld der Amazonassynode um die Souveränität der Nationalstaaten sorgt, wiesen beide ebenso pauschal zurück. Dabei berichtet selbst die Konrad-Adenauer-Stiftung, dass die Synode von brasilianischen Sicherheitsorganen als „ein potenzielles Risiko“ bezeichnet wird, da „sich zwischen Parteien, Nichtregierungsorganisationen und Gruppen, insbesondere des linken politischen Spektrums, sowie kirchlichen Organisationen, die im Amazonasgebiet arbeiten, ein heftiger Konflikt mit und Widerstand gegen die Regierung Bolsonaro bilden könnte.“ Einige internationale Organisationen hätten in den Augen der Regierung ohne große Kontrolle durch den brasilianischen Staat gearbeitet, und „die laufenden Projekte zur ‚Internationalisierung des Amazonasgebietes‘ aufgrund ihrer Bedeutung für das globale Klimagleichgewicht und die Konzentration der biologischen Vielfalt in der Region ausnutzen können“.

    Kleinteilig blieben somit auch die Reformansätze an den Apparat

    Dergleichen Bedenken scheinen jedoch hier von wenig Belang zu sein. Es geht schließlich um viel Größeres. Man erfahre den Moment als Kairos, denn wenn der Heilige Geist angerufen wurde, kann nichts mehr schiefgehen. Kritiker unterstellten, dass der Geist nicht richtig arbeite, so Bischof Bahlmann. Angesichts der großen Worte von der „Kosmovision“ wirken jedoch die für Deutschland geäußerten Hoffnungen eher kleinteilig und bleiben im Rahmen der in diversen Stuhlkreisen in die gestaltete Mitte hineingerufenen Erwartbarkeiten von einer ganz anderen Kirche, die in vielem bereits Wirklichkeit ist. Die Hoffnungen, die von „Ämterfrage“, „lebensnahem“ Gottesdienst, ökologischer Bekehrung und „Katakombenpakten“ ausgehen, mussten vielleicht auch in einem Tagungshaus eines deutschen Bistums surreal wirken. Funktionäre für Funktionäre. Kleinteilig blieben somit auch die Reformansätze an den Apparat. Informationen über das Leben der Pfarrei auch im letzten Dorf, Traubensegnung in der Winzergemeinde oder „Synodalität“ als Stuhlkreiserfahrung.

    Was Kardinal Burke für Abfall vom christlichen Glauben hält

    Einem Münsteraner Priester war das dann doch zu wenig. Mit Emphase stand der 80-Jährige in den Reihen des Auditoriums: Man müsse sich von der Religion trennen, dann das Evangelium von der Religion befreien und dann erst könne sich die Kirche, wenn sie den „theologischen Narzissmus“ hinter sich gelassen habe, den Problemen der Welt zuwenden. Was das dann noch mit Christentum zu tun hat, diese Frage wurde nicht mehr gestellt.

    Kardinal Leo Burke gab derweil über die New York Times sein Urteil zum Kern diverser „Amazonas-Theologien“: „Ich meine die Idee, dass die Gnade Jesu nur ein Element im Kosmos ist – aber der Kosmos, die Welt, die ultimative Offenbarung ist. … Das ist Abfall vom christlichen Glauben.“

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