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    Interview mit Karl Wallner - Missionarisch die Kirche aufbauen

    "Wir brauchen keine neue Form einer klerikalen Beamtenschaft, sondern eine missionarische Kirche", sagt Pater Karl Wallner, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke (Missio) in Österreich.

    Missio-Chef Karl Wallner
    Missio-Chef Karl Wallner bei Katholiken in Kenia. Foto: Missio

    Pater Karl, was halten Sie von der Pachamama und dem Umgang damit?

    Götzenstatuen, Figuren, die ein archaisches und abergläubisches religiöses Bild darstellen, sind nicht Sache von uns Christen. Liebe zur Schöpfung: ja! Aber weder eine pantheistische Verehrung der Natur als Gottheit, noch Darstellungen von Muttergottheiten! Ich weiß aus Afrika, welche Heidenängste Götzenstatuen und Dämonenmasken auslösen, und wie sehr es eine Befreiung ist, an einen Gott zu glauben, der über den Himmeln thront.

    Bischof Kräutler fordert eine „Kirche mit indigenem Antlitz“. Droht die Weltkirche in regionale Institutionen zu zerfallen?

    "Ich sehe in der Einheit eine
    große Chance, gerade in
    diesen Zeiten der Globalisierung"

    Diese Gefahr sehe ich auch. Die Una Sancta ist keine Beliebigkeit, sondern gehört zum Wesen der Kirche. Christus hat keine Christentümlichkeiten gegründet, sondern wollte, dass wir eins sind. Dafür steht das Petrusamt. Ich sehe in der Einheit eine große Chance, gerade in diesen Zeiten der Globalisierung. Eine gewisse Regionalisierung ist in Ordnung, aber problematisch wird es, wenn die Einheit in Frage gestellt wird. Das betrifft vor allem die Glaubenslehre, die Sakramente und die sakramentale Praxis.

    Was bedeutet Inkulturation? Soll die Kirche überall ein regionales Antlitz bekommen oder die vorgefundenen Kulturen verwandeln und veredeln?

    Beides. Aufgabe der Inkulturation ist, herauszufinden, was in den noch nicht christlichen Kulturen wahr und heilig ist, was bewahrenswert ist, was umgewandelt und getauft werden kann; aber auch auszusondern, was nicht mit den grundlegenden Prinzipien des Glaubens in Einklang ist. In der Substanz muss es Einheit geben, in den Ausprägungen kann es Verschiedenheit geben. Man muss etwa Österreicher nicht zwingen, preußische Kirchenlieder zu singen. In Afrika scheint die Inkulturation zu gelingen, ohne dass Heidnisches ungereinigt in die Kirche integriert wird.

    Sogar über einen eigenen amazonischen Ritus wird derzeit diskutiert. Kann man Riten einfach konstruieren?

    "Ein künstliches Schaffen von Riten
    am Schreibtisch hat noch nie funktioniert"

    Die Riten im Osten sind über Jahrhunderte gewachsen und haben die Mentalität der Gläubigen geprägt. Ein künstliches Schaffen von Riten am Schreibtisch hat noch nie funktioniert. Eine große Bandbreite gibt es natürlich bei der Musikalität oder bei ausdeutenden Riten der Gabenbereitung. Warum es dazu einen eigenen amazonischen Ritus braucht, das verschließt sich mir.

    Die Forderung nach „viri probati“ wird nun religiös begründet, nämlich mit dem Recht der Gläubigen auf Eucharistie.

    Ich bemerke, dass das Wesen der Messe als unblutige Darstellung des Kreuzesopfers Christi und das Wesen des Opfer-Priestertums nicht verstanden werden. Ein zölibatäres Priestertum wird sinnlos, wenn man ein ausgedünntes Verständnis der Eucharistie hat. Der Priester hat die Totalhingabe Christi am Kreuz existenziell zu bezeugen. Das wird unverständlich, wo die Eucharistie nur mehr als gemeinschaftliches religiöses Tun gesehen wird. Ich bin für die großflächige Beibehaltung des Zölibats und für ein überzeugtes, verkündigendes Laientum. Wir brauchen keine neue Form einer klerikalen Beamtenschaft, sondern eine missionarische Kirche.

    Kräutler ist für „personae probatae“, also auch für die Weihe von Frauen. Ist diese Frage nicht längst beantwortet?

    "Es gibt viele Weisen, wie Frauen
    und Männer missionarisch die
    Kirche der Zukunft aufbauen können"

    Ich wundere mich, warum man dogmatische Positionen immer frei zur Disposition stellt. Wir stehen auf dem Fundament einer Offenbarung, die sich geschichtlich ereignet hat und uns nicht frei zur Disposition steht. Beim Frauenpriestertum gibt es Klarheit durch das Lehramt. Der Diakonat gehört nach der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils zu einen Ordo, der sich in drei Stufen entfaltet. Was es geschichtlich an Diakonissen gab, kommt keinesfalls dem heutigen Diakonat nahe. Es war eine Art gesegneter Pastoralfunktion für Frauen. Etwas solches kann man sich vorstellen, etwa die Öffnung des Akolythats und des Lektorats für Frauen. Ich finde es schade, dass man das Amt des Ostiariers abgeschafft hat: Wir brauchen heute solche Türsteher, Rezeptionisten und Rezeptionistinnen am Kircheneingang. Es gibt viele Weisen, wie Frauen und Männer missionarisch die Kirche der Zukunft aufbauen können.

    Warum sind die Pfingstkirchen in Lateinamerika so erfolgreich?

    Es ist gefährlich, wenn die Kirche das Religiöse vernachlässigt. Dann kommen Freikirchen und holen die Leute mit ihren schwungvollen Gottesdiensten und Heilsversprechen ab. Wo die Kirche mit dem Kopf in den Himmel ragt und die Menschen mit Gott verbindet, aber zugleich mit beiden Beinen auf dem Boden steht, zieht sie die Menschen an. Wo sie nur auf dem Boden steht, aber vergisst, die Augen zum Himmel zu erheben, wenden sich die Menschen anderen Predigern zu.

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