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    Vatikanstadt

    Im Namen des Volkes

    Mehr als nur die „Viri probati“: Was sich Papst Franziskus von der Amazonas-Synode erwartet.

    Eröffnung Amazonas-Synode
    In einer Prozession zogen der Papst und Synodenteilnehmer am Montag in die Synodenaula des Vatikan ein. Foto: Paul Haring

    Als der Generalrelator der Amazonas-Synode, der 85 Jahre alte Kardinal Cláudio Hummes OFM, am Montagmorgen zur Eröffnung der Bischofsversammlung auf die Lage der priesterlosen Gemeinden in den Regenwäldern zu sprechen kam und für die Weihe von „Viri probati“ warb, kam in der Synodenaula Beifall auf. Es war nur ein Punkt von vielen, die der Kardinal, der zugleich Präsident des panamazonischen Netzwerks REPAM ist, als Agenda für die Kirche im Amazonasbecken nannte. Aber genau diese Stelle, so schien es, wollte ein guter Teil der Synodalen applaudierend unterstreichen. Hummes wurde sehr konkret: „Die Kirche lebt aus der Eucharistie und die Euchariste“, zitierte er Johannes Paul II., „baut die Kirche auf.“

    Neue Wege für die Zukunft definieren

    Die Teilnahme an der Feier der Eucharistie, zumindest am Sonntag, sei für die Fortentwicklung der christlichen Gemeinden und für Erfahrung des Wortes Gottes im Leben der einzelnen Personen fundamental. „Es wird darum nötig sein“, meinte Hummes weiter, „neue Wege für die Zukunft zu definieren.“ In der Vorbereitungsphase der Synode hätten – alle, viele, einige? – Gemeinden der Indigenen gefordert, dass man bei „aller Bekräftigung des großen Wertes des Charismas des Zölibats in der Kirche“ angesichts der drängenden Notwendigkeit für den größten Teil der katholischen Gemeinden in Amazonien „den Weg öffnet für die Priesterweihe von verheirateten Männern, die in den Gemeinden leben. Gleichzeitig soll man aufgrund der großen Zahl von Frauen, die die Gemeinden in Amazonien leiten, diesen Dienst anerkennen und versuchen, ihn mit einem angemessenen Amt für die Gemeindeleiterinnen zu festigen“.

    Zu Beginn der Bischofsversammlung hatte der Generalsekretär der römischen Synoden, Kardinal Lorenzo Baldisseri, berichtet, dass man im vorsynodalen Prozess, der in den Händen der Bischofskonferenzen des Amazonasbeckens, des Netzwerkes REPAM und anderer kirchlicher Institutionen lag, mit 87 000 Personen der Region zu den Themen der Amazonas-Synode zusammengekommen sei. Dass diese alle die „Viri probati“ fordern, mag man nicht glauben. Aber spätestens mit den Worten von Kardinal Hummes, der in seiner Zeit als Präfekt der Kleruskongregation in Rom unter Benedikt XVI. nie einen Vorstoß in diese Richtung gemacht hat, sind die verheirateten Männer im Priesteramt nun eins der zentralen Themen der Synode.

    Politische und pastorale Dimension

    Keinen Satz hat man in den Tagen zu Beginn der römischen Amazonasversammlung so oft gehört wie den, dass „die Kirche neue Wege gehen“ müsse – steht er doch schon im Arbeitstitel der Bischofssynode: „Neue Wege für die Kirche und eine umfassende Ökologie“. Das Thema hat eine politische Dimension, wenn es um die Ökologie geht, was die aktuelle Klimadebatte ausdrücklich einschließt, und eine pastorale Dimension, wenn es etwa um die Feier der Eucharistie in den priesterlosen Gemeinden und die Rolle der Frauen als Vorsteherinnen solcher Gemeinden geht. Was aber ist die theologische Grundlage dieser beiden Dimensionen, sozusagen der Kern aller Überlegungen der Synodenteilnehmer? Es ist die „Theologie des Volkes“ – und darüber sprach zur Eöffnung des ersten Synodentags der Papst.

    „Wir schauen auf die Realität Amazoniens“, sagte Franziskus, mit den „Augen des Schülers“ und den „Ohren des Missionars“, um sie richtig zu verstehen und zu interpretieren. Hören, unterscheiden, urteilen – das war schon die Methode der Jugendsynode des vergangenen Jahres. Der Papst will, und da ist er ganz Lateinamerikaner, dass die Weltkirche nicht mit ihren Konzepten auf den Amazonas schaut, sondern mit offenen Ohren und Herzen von den Stämmen der Indigenen lernt. „Wir nähern uns den Völkern Amazoniens“, so Franziskus,“ „indem wir ihre Geschichte respektieren, ihre Kultur und ihren guten Stil des Lebens.“ Denn die Völker hätten eine eigene Identität, „die Völker haben ihre Weisheit, ein Wissen um sich selbst, die Völker haben eine Weise zu hören, die Realität zu sehen, sie haben eine Geschichte, eine Hermeneutik und streben danach, mit diesen Dingen Protagonisten ihrer eigenen Geschichte zu sein“.

    Papst warnt vor ideologischer Kolonialisierung

    Dem hielt der Papst die „ideologischen Kolonialisierungen“ entgegen, die das Besondere der Völker zerstören oder reduzieren würden. „Die ideologischen Kolonialisierungen sind heute sehr verbreitet“, sagte der Papst. Man müsse sich den Völkern Amazoniens nähern „ohne die unternehmerische Angst, ihnen vorgefertigte Programme anzubieten, ohne die amazonischen Völker zu ,disziplinieren? ihre Geschichte zu disziplinieren, ihre Kultur; das heißt mit der Angst, die eingeborenen Völker zu ,zähmen? Wenn die Kirche das vergisst, das heißt wie man sich dem Volk nähert, dann inkulturiert sie sich nicht und man kommt sogar dazu, gewisse Völker zu verachten. Und wieviel Scheitern gab es, das wir heute beklagen. Denken wir an (Roberto) de Nobili in Indien, an (Matteo) Ricci in China und viele andere. Der ,homogenisierende' Zentralismus und die ,Homogenisierung' hat die Authentizität der Kulturen der Völker nicht hervortreten lassen“.

    Da war dann Franziskus nicht nur Lateinamerikaner, sondern auch ein Mann der Gesellschaft Jesu, der an die beiden Jesuitenmissionare de Nobili und Ricci erinnerte, die sich ganz an die Lebensgewohnheiten und Sitten fremder Völker anpassten, damit aber auch Streit in der Kirche und mit anderen Missionsorden auslösten, so wie es im achtzehnten Jahrhundert nach de Nobiles Tod zum Akkommodationsstreit zwischen Jesuiten und Kapuzinern kam, in dem es um die Anpassung des europäisch geprägten kirchlichen Lebens an die Riten und Gebräuche in den asiatischen Missionsgebieten ging.

    Einige Synodalen heben Klima-Engagement von Jugendlichen hervor

    Mit den einführenden Referaten von Franziskus, Kardinal Hummes und einer nochmaligen Darlegung des Prozederes der Bischofsversammlung durch Kardinal Lorenzo Baldisseri hat die Synode begonnen. Für den 79 Jahre alten Baldisseri wird es übrigens die letzte Synode gewesen sein. Papst Franziskus hatte vergangene Woche den 62 Jahre alten Bischof von Gozo auf Malta, Mario Grech, zum Pro-Generalsekretär der römischen Bischofssynoden und damit zum Nachfolger Balsisseris ernannt. Und Grech saß jetzt schon auf dem Präsidium der Synodenaula. Doch nach diesen drei einführenden Ansprachen senkte sich der Eiserne Vorhang der Vertraulichkeit vor die Bühne der Synodalen und für die Berichterstatter gab es nur noch die Zusammenfassungen, mit denen das Mediendikasterium des Vatikans knapp über einzelne Schlaglichter der Debatte informiert.

    Einige Synodalen hoben zusammen mit Greta Thunberg das Engagement der Jugendlichen für das Klima und den Schutz der Umwelt hervor. Mehrfach habe man den Dialog mit den Jugendlichen als Protagonisten beim Kampf für eine umfassende Ökologie empfohlen, heißt es in den Mitteilungen. Die Jugendlichen könnten die Kirche dazu anstacheln, beim Klimaschutz prophetisch zu sein.

    Marx widmet Statement der Umwelt

    Auch Kardinal Reinhard Marx widmete sein – anschließend von seinem Sprecher veröffentlichtes – Statement in der Synodenaula der Umwelt. Amazonien sei die „Lunge der Welt“. Dieser Schatz der Menschheit sei aber in Gefahr. Wenn weiterhin Waldflächen gerodet würden – wofür die Industrieländer angesichts der globalen Handelsverflechtungen eine Mitverantwortung trügen – drohe der Tropenwald komplett auszutrocknen, mit unkalkulierbaren Folgen für das Weltklima.

    Zum Thema der indigenen Riten im Amazonasgebiet schlugen einige Synodalen die Einführung „ad experimentum“ von einigen amazonischen liturgischen Feiern vor, etwa im Zusammenhang mit den Sakramenten der Taufe, der Ehe und der Priesterweihe. Zum Thema der „Viri probati“ gab es auch Stimmen, die eher auf eine verstärkte Berufungspastoral unter jugendlichen Ureinwohnern setzten. Die Aussprache in der Synodenaula mit den jeweils vierminütigen Redebeiträgen und die Arbeit in den einzelnen Untergruppen dauert noch bis zum 17. Oktober an. Dann geht es an die Arbeit eines ersten Entwurfs des Abschlussdokuments, über das die Synode am Samstag, den 26. Oktober abzustimmen hat. Eine feierliche Unterbrechung der Synode steht am kommenden Sonntag an: Papst Franziskus wird Kardinal John Henry Newman und vier weitere Selige auf dem Petersplatz heiligsprechen.

     

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