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    Vatikanstadt

    Im Blickpunkt: Vatikanfinanzen außer Kontrolle

    Wie schlimm es um Transparenz und ordentliches Wirtschaften an der Kurie bestellt ist zeigt eine Inspektion durch den europäischen Finanz-Expertenausschuss Moneyval.

    Carmelo Barbagallo
    Der italienische Banker Carmelo Barbagallo soll die Konten der Kurie reinhalten. Foto: Francesco Piacenti

    Um die Finanzen des Vatikans, um Transparenz und ordentliches Wirtschaften an der Kurie ist es heute schlimmer bestellt als noch zu Beginn des derzeitigen Pontifikats. Größte Sorge herrscht über die jetzt beginnende Inspektion des Vatikans durch Moneyval, den 1997 gegründeten Expertenausschuss des Europarates für die Bewertung von Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung. Noch vor zwei Jahren hatte Moneyval die Arbeit der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde AIF als „sehr effizient“ gewürdigt. Auch erwähnte der Bericht der Prüfer die Errichtung eines vatikaninternen „Hinweissystems, das funktioniert und gefördert wird“. Der kleine Kirchenstaat schien auf Augenhöhe der inzwischen üblichen Standards für internationale Finanzplätze zu sein.

    Gendarmerie beschlagnahmt Computer der AIF

    Und jetzt? Was finden die Inspektoren von Moneyval bei ihrer neuerlichen Visite vor? Eine AIF, deren Direktor vom Dienst suspendiert ist. Einen neuen Präsidenten, einen Banker immerhin, der den bisherigen Leiter Rene Brülhart ersetzt, und einen vierköpfigen Vorstand, von dem zwei Mitglieder ihr Amt niedergelegt haben. Im Büro des Revisors ist der Chefposten seit zwei Jahren unbesetzt, im Wirtschaftssekretariat amtet ein Neuer, der Jesuit und ausgebildete Ökonom Juan Antonio Guerrero als Nachfolger von Kardinal George Pell.

    Die Gendarmerie des Vatikans hat Computer der AIF beschlagnahmt, auf denen sich hochsensibles, auch geheimdienstliches Material befindet. Und das Staatssekretariat kauft Immobilien und rettet katholische Krankenhäuser mit Geld, das zum Teil aus den Spenden der Gläubigen aus aller Welt stammt. Dass es in diesem Durcheinander zu Korruption und Skandalen kommen kann, wie Franziskus selbst zugegeben hat, liegt auf der Hand. Doch selbst Kardinäle, die sich von Amts wegen mit den Vatikanfinanzen zu befassen haben, geben vor, nicht zu wissen, worin der Skandal und die Korruption genau bestehen. Der vatikanische Staatsanwalt ermittle.

    Unter Benedikt setzte eine Trendwende ein

    Eine Trendwende hatte unter Benedikt XVI. eingesetzt, der 2012 die AIF errichtete. Es kamen das neue Wirtschaftssekretariat und unter Franziskus Kardinal Pell und ein ganzer Pulk von Finanzexperten und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Der Vatikan sollte in finanzieller Hinsicht ein Haus aus Glas werden. Doch zuletzt ist für das Jahr 2015 eine Bilanz veröffentlicht worden. Jetzt heißt es, die Einnahmen sänken, vor allem die aus Spenden, und die Kosten würden explodieren, allein wegen der teuren externen Beratungen. Löcher taten sich auf, die Vatikanbank IOR und der Peterspfennig sollten angezapft werden.

    Doch was heißt schon Bilanzen? Für die alten Kräfte, die sich die Finanzströme im Vatikan wieder unterworfen haben, ist es ein Leichtes, Millionenbeträge in irgendwelchen Stiftungen, Instituten oder Anlagen verschwinden zu lassen, um sich dieses Geldes weiterhin zu bedienen. Da wird dann auch nicht mehr unterschieden zwischen Akteuren und den Kontrolleuren, wie Kardinal Pell, der gefeuerte Revisor Libero Milone oder Rene Brülhart vom AIF welche sein sollten. Wenn das einmal alles auffliegt, dann gehen im Vatikan viele Lichter aus. Und dann braucht es einen anderen, ganz neuen Franziskus, der mit dem Projekt „transparente Kurie“ wieder von Neuem beginnt.

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