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    Würzburg

    Im Blickpunkt: Das alternativlose Buch

    Die Entscheidung von Papst Franziskus, am dritten Sonntag im Jahreskreis einen Bibel-Sonntag einzurichten, ist alle Aufmerksamkeit wert.

    Bibel im Fokus
    Je stärker sich die Christen aufgrund moraltheologischer und dogmatischer Fragen untereinander spalten, desto wichtiger ... Foto: (261631198)

    Die Zahl der Themensonntage durchzieht das Kirchenjahr so üppig, dass jeder zusätzliche Termin die Frage aufwirft: Lohnt sich das? Doch die Entscheidung von Papst Franziskus, am dritten Sonntag im Jahreskreis einen Bibel-Sonntag in zeitlicher Nähe zur Woche für die Einheit der Christen einzurichten, ist alle Aufmerksamkeit wert – und zwar gerade nördlich der Alpen.

    Je stärker sich die Christen aufgrund moraltheologischer und dogmatischer Fragen untereinander spalten, desto wichtiger wird die Rückbesinnung auf die Grundlage, die uns eint. Was geht noch, wenn die Basis für gemeinsame sozial- und familienpolitisch ausdünnt und man in ethischen Fragen oft nur höflich aneinander vorbeiredet?

    Gemeinsam die Schrift zu lesen ist in der Ökumene ein jederzeit ausbaufähiges Feld

    Gemeinsam die Schrift zu lesen ist in der Ökumene ein jederzeit ausbaufähiges Feld. Es kann unabhängig von kirchenpolitischen Gemengelagen, liturgischen Missständen und unerquicklichen Pfarrstrukturen bestellt werden. Der einseitig struktur- und amtsfixierte Kurs der katholischen Kirche in Deutschland geriete dann vermutlich entspannter und ausgewogener. Die Kraft der Texte entlarvt letztlich den soziologisch durchsäuerten Pastoraljargon in seiner Leere.

    Der Papst hat das Hieronymusjahr als Premiere des Bibel-Sonntags gewählt: 2020 gedenkt die Kirche des 1 600. Todestags des Heiligen, der die Bibel ins Lateinische übersetzte und damit die Voraussetzungen für eine breite wissenschaftliche Forschung schuf. Dass die Exegese derzeit wie ein krankes Herz den Organismus der Kirche oft eher zu schwächen als anzutreiben scheint, ist nichts Neues. Nördlich der Alpen erleben etliche Theologiestudenten Lehrveranstaltungen über das Alte und Neue Testament eher als Versuch, den überlieferten Glauben zu zerstören, denn als erfolgreichen Einstieg zum vertieften Nachdenken.

    Auch im akademischen Diskurs verschieben sich die Prioritäten

    Kein Wunder, dass die Lektüre der Kirchenväter für Christen beider Konfessionen ein unersetzbares Tor zum Schriftverständnis bleibt. Als starkes vorreformatorisches Band zwischen den Konfessionen verdienen die Kirchenväter ein Upgrade in der Katechese. Die für die patristischen Texte charakteristische Konzentration auf die Gottesfrage setzt zwar ein grundsätzliches Umdenken voraus: Dem Nachdenken über den dreifaltigen Gott Vorrang einzuräumen, verändert auch die Perspektive auf die Kirche und die Prioritäten im persönlichen geistlichen Leben.

    Auch im akademischen Diskurs verschieben sich dann die Prioritäten. Schon der die alte Kirche prägende Gedanke, das Alte Testament sei nur von Christus her zu verstehen, ist nicht an jeder theologischen Fakultät konsensfähig. Und das Verständnis dafür, dass sich die Lehre über den dreifaltigen Gott – nicht zuletzt in der Ortskirche – entwickelt hat, ist unverzichtbar in Zeiten, in denen das Wort Lehramt reflexartig als Synonym für Anmaßung und Einmischung „von oben“ diskreditiert wird. Als Ausgleich zu zeitgenössischen Häresien und moderner Ignoranz, aber auch der schier unerschöpflichen Fülle kirchenpolitisch getönter Predigten, die den Gläubigen in Zeiten des Synodalen Wegs sonntags dargeboten werden, sind die Vätertexte über die Schrift darum ein wertvolles Korrektiv.

    Der Papst hat den Deutschen die Evangelisierung ans Herz gelegt

    Papst Franziskus hat den deutschen Katholiken die Evangelisierung ans Herz gelegt, ohne detaillierte Anweisungen zu geben. Die Schriftlektüre setzt weder Amt noch Geld voraus und steht allen Generationen offen. In einer postchristlichen Gesellschaft, in der die Grundlagen für das Verständnis des Evangeliums neu gelegt werden müssen, ist der Bibel-Sonntag ein guter Denkanstoß: Schriftlektüre ist der erste Schritt zur Selbstevangelisierung und alternativlos, wenn der Missionsauftrag Jesu glaubwürdig umgesetzt werden soll. Die Rückkehr zu den Quellen als Wegweiser in die Zukunft wird angesichts der abenteuerlichen Visionen zur Erneuerung der Kirche eine Frage von Glaube und Vernunft.

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