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    Bangkok

    Harmonisches Dasein am Rande

    Der Papst besucht die gut integrierte katholische Minderheit in Thailand.

    Aschermittwoch in Bangkok
    Während es zwischen Buddhisten und Muslimen häufig zu Auseinandersetzungen kommt, ist die christliche Minderheit in Thai... Foto: dpa

    Es dauert nicht mehr lange, dann werden bei Temperaturen von über 30 Grad wieder Plastik-Tannenbäume mit Plastik-Schnee und Nikoläusen in roten Gewändern die Einkaufszentren in Thailands Hauptstadt Bangkok schmücken, umrahmt von endlosen „Jingle Bells“-Ohrwürmern. Fragt man die Menschen nach dem Hintergrund der herannahenden Festlichkeiten, haben die meisten nicht viel zu sagen. Weihnachten hat allenfalls etwas mit Konsum zu tun, ist aber ansonsten kein Thema für die meisten Thailänder. Die Festtags-Gottesdienste der Katholiken wie Protestanten werden überwiegend von westlichen Besuchern gefeiert; Touristen, Geschäftsleute, Diplomaten suchen Weihnachten die Kirchen des Landes auf. In diesem Jahr könnte die Aufmerksamkeit der Thailänder für Weihnachten und die christliche Präsenz im Lande etwas höher sein, denn vom 20.–23. November wird Papst Franziskus das Königreich besuchen.

    94 Prozent der Thailänder sind Buddhisten

    Thailand ist ein vom Buddhismus geprägtes Land. Von den knapp 70 Millionen Einwohnern bekennen sich etwa 94 Prozent zur Lehre Buddhas. Allerdings spielen auch vorbuddhistische Kulte im Alltagsleben der Menschen noch eine wichtige Rolle. So sind kleine Häuschen, die böse Geister einfangen sollen, weit verbreitet. Auch wenn der Buddhismus keine offizielle Staatsreligion ist, genießt der Klerus hohes Ansehen und Einfluss. Seine enge Verankerung in der Gesellschaft zeigt sich auch daran, dass viele Thais Mönche oder Nonnen auf Zeit werden. Sie verbringen einige Monate oder Jahre im Kloster, jedoch mit der klaren Perspektive, anschließend wieder in den weltlichen Alltag zurückzukehren. Die Verfassung verpflichtet die Regierung, alle Religionen zu schützen und die Harmonie unter den Religionen zu fördern.

    Im Süden ist es mit der Harmonie nicht weit her. Dort leben etwa fünf Prozent Muslime, zumeist malaiischer Herkunft, verteilt auf vier Provinzen. Das dortige Bild entspricht gar nicht den Vorstellungen von Thailand. Statt buddhistischer Tempel dominieren Moscheen, der Ruf des Muezzins ist allgegenwärtig, die meisten Frauen tragen Kopftuch oder noch mehr Verschleierung. Auffällig ist jedoch auch die große Zahl an Soldaten, die einen nervösen Eindruck machen.

    Die Radikalisierungschreitet voran

    Offenkundig endet der kulturelle Einfluss der Thai im äußersten Süden des Königreichs, doch niemand in Bangkok gibt den Anspruch auf diese Region auf. Die dortigen Bewohner indes fühlen sich ihren Glaubensbrüdern in Malaysia näher. So sind Konflikte programmiert, die vor allem in der Provinz Patani von beiden Seiten mit großer Brutalität geführt werden. 1785 wurden die malaiischen Sultanate im Süden annektiert. Phasen der Repression wechselten mit liberalen Epochen, sodass die ethnische, kulturelle und religiöse Identität der malaiischen Muslime gewahrt blieb.

    Seit 2004 eskaliert der Konflikt und die Radikalisierung schreitet voran. Inzwischen operiert auch die aus Indonesien stammende und Al Kaida nahestehende Jemaah Islamiyah im Süden Thailands. Sie hat vor allem Sicherheitskräfte und Mönche im Visier. Wer von den „Feinden“ in ihre Hände fällt, wird enthauptet, manchmal in aller Öffentlichkeit. Die Staatsmacht wiederum hält sich ebenso wenig zurück. Willkürliche Verhaftungen, Folter und eine massive Militarisierung prägen den Alltag. Über viertausend Menschen sind den Auseinandersetzungen seitdem zum Opfer gefallen; erst Anfang November wurden bei einem Selbstmordanschlag fünfzehn Menschen getötet.

    Die Minderheit der Christen ist wohlgelitten

    Während die gesellschaftlichen Vorbehalte gegen Muslime offenkundig sind und auf beiden Seiten nicht viel Interesse an einem friedlichen Miteinander zu bestehen scheint, ist die Minderheit der Christen wohlgelitten – sofern sie überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Kaum mehr als ein halbes Prozent der Einheimischen bekennen sich zum Christentum, davon sind die meisten Katholiken. Offiziell liegt ihre Zahl bei 388.000 Gläubigen. Sie verteilen sich auf zehn Diözesen und verfügen über 524 Kirchen. In Bangkok gibt es zudem eine deutschsprachige Gemeinde, in vier weiteren Orten – touristischen Hochburgen wie Phuket – deutschsprachige Gottesdienste.

    Der Papst besucht also ein Land, in dem die katholische Kirche ein Dasein am Rande führt. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. 2019 jährt sich die Gründung des Apostolischen Vikariats von Siam durch Papst Clemens IX. zum 350. Mal. 1669 war der Beginn der Evangelisierung, die vor allem von französischen Missionaren betrieben wurde. Frankreich war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die dominierende europäische Macht in Südostasien, wobei Thailand selbst keine europäische Kolonie war. Frankreich war jedoch mächtig genug, auch im Königreich Siam – der alten Bezeichnung von Thailand – Missionsstationen einzurichten. Die Erfolge der französischen Missionare hielten sich in Grenzen, die Einheimischen waren zu fest in ihrem traditionellen Glauben verankert. Die größten Bekehrungserfolge hatten die Missionare unter chinesischen, vietnamesischen und philippinischen Migranten.

    Reges Interesse der Könige am Austausch mit Kirchenvertretern

    Allerdings nahm kaum jemand Anstoß an dem Engagement der Missionare. Während mindestens ein Dutzend von ihnen im benachbarten Vietnam den Märtyrertod starben, blieben ihre Glaubensbrüder in Thailand unbehelligt. Zahlreiche Könige zeigten sogar ein reges Interesse am Austausch mit den Vertretern der Kirche. Das weitgehend unauffällige, aber harmonische Miteinander wurde nur während des Zweiten Weltkriegs unterbrochen. Damals herrschte eine nationalistische Militärregierung, die den Katholizismus als wesensfremd für die eigene Tradition betrachtete. Thai-sein und Buddhist-sein galt als identisch. Viele Katholiken waren in der Phase nicht nur wegen ihres Glaubens gefährdet, sondern auch, weil sie chinesischer oder vietnamesischer Abstammung waren. Zudem galten sie als Kollaborateure der europäischen Kolonialmächte in den Nachbarstaaten.

    Der Höhepunkt der Verfolgung war die Ermordung von sieben einheimischen Katholiken, darunter drei minderjährigen Mädchen, im Nordosten des Landes im Dezember 1940 durch Polizisten. Die Opfer wurden 1989 von Papst Johannes Paul II. beim ersten Besuch eines Kirchenoberhauptes in dem buddhistischen Königreich, als „Märtyrer Thailands“ seliggesprochen.

    Nach einigen administrativen Umstrukturierungen wurde das apostolische Vikariat im Dezember 1965 zum Erzbistum Bangkok erhoben. Vier Jahre später nahmen der Vatikan und Thailand diplomatische Beziehungen auf.

    Papst bekennt sich zum missionarischen Erbe der Franzosen

    Der Papst bekennt sich durchaus zum missionarischen Erbe der Franzosen, denn sein Besuch steht unter dem Motto „Nachfolger Christi, missionarische Nachfolger“. Mit dem Programm versucht der Nachfolger Petri allen gerecht zu werden, dem offiziellen Thailand und den Gläubigen. Der erste Tag ist den Repräsentanten des Landes gewidmet. Der Papst wird von König Rama X. empfangen, dem unpopulären und unberechenbaren Monarchen, der im Mai 2019 das Amt von seinem ausgesprochen populären verstorbenen Vater übernommen hat. Dennoch gilt der König seit jeher als unantastbar und das breite Spektrum der Majestätsbeleidigung hat drakonische Strafen zur Folge. Die Kirche allerdings tut gut daran, sich aus den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen fernzuhalten.

    Der Papst trifft zudem mit dem Oberhaupt der thailändischen Buddhisten zusammen, besucht ein Krankenhaus und hält eine Rede vor Vertretern aus Politik, Diplomatie und öffentlichem Leben. Am zweiten Tag empfängt er die katholischen Würdenträger des Landes, das Oberhaupt der Ortskirche, Francis Xavier Kriengsak Kardinal Kovitvanit, Priester und Ordensleute, unter denen die Jesuiten die wichtigste Rolle spielen. Dazu kommen ein ökumenisches und interreligiöses Treffen sowie ein Gottesdienst im Nationalstadion, wozu auch viele Nicht-Katholiken erwartet werden. Die Thailänder heißen den Papst als Oberhaupt einer friedlichen Religion willkommen. Der Apostolische Nuntius in Thailand, Erzbischof Paul Tschang In-Nam, bezeichnete ihn gar als „Pilger des Friedens“.

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