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    Würzburg

    Freiheit als Frucht des Christentums

    Der vor 125 Jahren geborene Richard Coudenhove-Kalergi polarisiert und inspiriert bis heute. Wenig bekannt ist, dass der Vater der Europa-Idee ein tiefreligiöser Mensch war.

    Richard Graf Coudenove-Kalergi
    Der Vordenker des vereinten Europa, Richard Graf Coudenhove-Kalergi, kam vor 125 Jahren in Tokio zur Welt. Foto: Paneuropa

    Der Gründer der Paneuropa-Bewegung und Vater der modernen Europa-Idee, Richard Coudenhove-Kalergi, steht im Ruf, ein kirchenferner Freigeist gewesen zu sein. Tatsächlich wurde er nicht nur katholisch getauft und katholisch bestattet. Wie sein zu Unrecht vergessener Vater Heinrich war er ein tiefreligiöser Mann, den Spießertum, Aberglaube, Antisemitismus und Nationalismus anwiderten. Er erzählt in seinen Memoiren, dass seine Eltern mit allen Kindern jeden Abend vor dem Hausaltar das Vaterunser, ein Ave Maria und ein selbst formuliertes Gebet sprachen.

    Synthese von Ethik und Ästhetik

    Dennoch scheint sich Richard im Gegensatz zu seiner berühmten Schwester Ida Friederike Görres in seinen philosophischen und politischen Überlegungen weniger an kirchlichen und religiösen Vorgaben zu orientieren. Er suchte nach einer für alle Menschen einsehbaren „Hyperethik“, nicht als Alternative zu den aus Religionen gewachsenen Ethiken, sondern als „Synthese von Ethik und Ästhetik“. In seinen „hyperethischen Tugenden“ spiegelt sich buddhistisches Harmonie-Denken, ebenso aber die christliche Lehre vom natürlichen Sittengesetz, Naturrechts- wie Ordo-Denken.

    War Coudenhove-Kalergi, wie oft zu lesen ist, ein Freimaurer? Tatsächlich richtete er 1921 ein Aufnahmegesuch an die Wiener Loge „Humanitas“, verabschiedete sich aus dieser aber bereits nach fünf Jahren. Er hatte vergebens gehofft, die Freimaurer für seine politischen Ziele instrumentalisieren zu können. In seiner Autobiografie lesen wir: „Eine Zeit lang dachte ich daran, den Freimaurer-Orden für die Paneuropa-Idee zu gewinnen. Durch ihn hätte ich mit einem Schlag eine mächtige und reiche internationale Organisation für unsere Idee mobilisieren können. Bald aber musste ich (…) einsehen, dass die Freimaurer der Paneuropa-Idee zwar viel Sympathie entgegenbrachten, sie jedoch genauso wie alle führenden und verantwortlichen Persönlichkeiten für eine Utopie hielten. Dies bestimmte mich, in aller Freundschaft meine Beziehungen zum Freimaurer-Orden schon 1926 abzubrechen, da dessen bloß platonisches Interesse für Paneuropa die Bewegung mehr belastet als gefördert hätte.“

    Er hätte ein kontemplatives Leben einem aktiven vorgezogen

    Coudenhove-Kalergi wollte Philosophieprofessor werden und hätte ein kontemplatives Leben einem aktiven vorgezogen. Angesichts der politischen Irrungen seiner Zeit sah er sich gezwungen, ohne irgendein Amt politisch aktiv zu werden: „Wer die Gefahren, denen das zersplitterte Europa entgegengeht, nicht sieht, ist politisch blind; wer aber diese Gefahren sieht und dennoch nichts tut, um sie abzuwenden, ist ein Verräter und Verbrecher an Europa.“

    Klarer als viele Zeitgenossen durchschaute er den diabolischen Charakter des Nationalsozialismus wie des Kommunismus. Schon 1931 warnte er, der Kommunismus wolle „die letzten Reste persönlicher Freiheit vernichten (…) Der Bolschewismus ist ein unerbittlicher und konsequenter Kampf gegen die menschliche Freiheit.“

    Richard Coudenhove-Kalergi lehnte Nationalsozialismus wie Kommunismus ab

    Coudenhove lehnte Nationalsozialismus wie Kommunismus ab, und dies im Namen eines europäischen Freiheitsgedankens, den er als Frucht des Christentums sah: „Das junge Christentum begann einen gigantischen Freiheitskampf gegen das totalitäre Rom der Cäsaren. Es verankerte den Persönlichkeitsglauben in der Idee der Gotteskindschaft, den Freiheitsglauben in der Idee der Gottesunmittelbarkeit des Menschen.“

    In den Ideologien seiner Zeit sah der Paneuropa-Gründer Perversionen des Religiösen. So schrieb er 1931: „Der Kommunismus ist eine Religion in Gestalt einer Partei (...) Die kommunistische Partei Russlands ist ein moderner Ritterorden. Russland ist ein Kirchenstaat. Diese neue Religion hat ihre Bibel: das alte Testament von Marx und das neue Testament von Lenin. Sie hat ihren Papst, ihre Kardinäle und Kirchenväter, ihre Theologen, Konzilien und Ketzergerichte, ihren Index und ihre Inquisition, ihre Zeremonien und ihre Dogmen, ihre Missionare und ihre Märtyrer, ihren Kult, ihre Symbole und ihre Organisation. Sie hat ihre eigene Ethik, die befiehlt, für den neuen Glauben nicht nur zu leiden, sondern auch leiden zu machen; nicht nur zu sterben, sondern auch zu töten; mit allen Mitteln zu versuchen, das große Ziel zu erreichen: die ganze Welt der neuen Kirche und dem neuen Glauben zu unterwerfen.“

    "Kein Regierungssystem des Abendlandes
    ist dem Stalinismus so ähnlich wie der Faschismus"

    Coudenhove sah in der Sowjetunion eine Lebensweise heranreifen, die „der abendländischen Lebensform“ völlig fremd sei. Er durchschaute die Verwandtschaft zwischen dem sowjetischen Kommunismus und jener nationalistisch-etatistischen Ideologie, die als Faschismus bezeichnet wird: „Kein Regierungssystem des Abendlandes ist dem Stalinismus so ähnlich wie der Faschismus.“ Die Parallelen sah er in der Rolle der Partei, der Oligarchie, des Führers, im Gewaltprinzip und in der Polizeiherrschaft.

    Coudenhove-Kalergi reflektierte die hinter dem Nationalismus stehenden Ideologien und widerlegte sie intellektuell: „Das Dogma des europäischen Nationalismus erklärt die Nationen für Blutsgemeinschaften. Dieses Dogma ist ein Mythos.“ Die europäischen Nationen seien „nicht Blutsgemeinschaften, sondern Geistesgemeinschaften“, schrieb der in Tokio geborene Sohn eines böhmischen Grafen und einer Japanerin.

    Nation ermöglicht gerechte Lösung aller Grenzstreitigkeiten Europas

    Erst die Trennung von Nation und Staat ermöglicht nach Coudenhove-Kalergi die dauerhafte, gerechte Lösung aller Grenzstreitigkeiten in Europa. 1934, als Europa im nationalistischen Fieber lag, schrieb er: „Der Nationalismus ist zu einer zweiten Religion geworden: mit seiner Ethik die befiehlt, für die Nation zu töten und zu sterben; mit seinem Kult, seinen Heiligen und Halbgöttern, seinen Festen, seinen Symbolen, seinen Dogmen.“ Damit ist die Nazi-Ideologie gut beschrieben. Hitler ließ den Paneuropa-Gründer jagen – Coudenhove entging den Nazi-Schergen beim Anschluss Österreichs im März 1938 nur knapp.

    Der polyglotte, vielsprachige Coudenhove sah den Nationalismus der Massen als Folge der Halbbildung: „Die Liebe zur eigenen Nation muss sich für den wahrhaft Gebildeten verbinden mit der Achtung vor den anderen Nationen: und mit dem Bewusstsein der tausendjährigen Gemeinschaft zwischen allen großen Geistern Europas.“

    An der Auseinandersetzung mit den Totalitarismen seiner Zeit wird Coudenhove-Kalergis Bild von Staat und Mensch sichtbar. 1939 schrieb er: „Der totale Staat betrachtet sich nicht so sehr als Vertreter der Einzelinteressen seiner Staatsbürger, wie als Hüter einer Mission, für die er bereit ist, nötigenfalls die Einzelinteressen seiner Staatsbürger zu opfern. Diese Staatsmission beruht in Russland auf dem Klassenideal, in Deutschland auf dem Rassenideal, in Italien auf den nationalen Ideal.“

    Christentum als Gegengift gegen totalitäre Ideologien

    Richard Coudenhove-Kalergi war kein Theologe, sondern ein philosophischer und politischer Denker. Umso aufschlussreicher ist, dass er im Christentum das entscheidende Gegengift gegen die totalitären Ideologien seiner Epoche sah: „Das Evangelium brachte die frohe Botschaft der Einmaligkeit, Einzigartigkeit und Unsterblichkeit der Menschenseele (...) Es verkündete, dass es das Ziel des Menschen sei, seine Seele zu retten und nicht Imperien zu gründen; dass das Gewissen unabhängig sei von Staat und Kaiser – die Ethik unabhängig von Gesetz und Verfassung; dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen (…) Auf dem Höhepunkt staatlicher Allmacht erwachte von neuem durch das Christentum die Idee des Menschen, die Idee der Freiheit, die Idee der Persönlichkeit.“

    Coudenhove-Kalergis vehementes Nein zur Staatsvergottung, die er als „verhängnisvollste Irrlehre unserer Zeit“ bezeichnete, sein Nein zur Idee des Staates „als Kollektivwesen, als Übermensch, als Gott“ entspringt seinem Verständnis vom Menschen: „Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Der Staat ist ein Geschöpf des Menschen. Darum ist der Staat um des Menschen willen da – und nicht der Mensch um des Staates willen (…) Der Wert eines Staates ist genau so groß wie sein Dienst am Menschen.“

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