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    Lourdes

    Endstation Nationalheiligtum?

    Auf Wunsch des Papstes soll die Wallfahrtsstätte Lourdes neu organisiert werden.

    Wahlfahrtsstätte Lourdes
    An der Grotte von Lourdes soll es künftig ein vertieftes geistliches Leben geben. Foto: reg

    Keine Pilgersaison im vertrauten Stil endet im Rosenkranzmonat Oktober in Lourdes. Wie ein Wettersturz in den Bergen überraschte die knapp dreihundert Mitarbeiter des Heiligtums sowie Pilger aus aller Welt Anfang Juni die Nachricht, Papst Franziskus habe Weihbischof Antoine Hérourard von Lille zum Apostolischen Delegaten für Lourdes ernannt. Dessen viel zitierter Satz „Lourdes ist kein Unternehmen“ ließ bei manchem Pilgerveranstalter die Alarmglocken schrillen. Kriselt es in dem südfranzösischen Marienwallfahrtsort tatsächlich?

    Lange Hausaufgabenliste auf dem Schreibtisch des Wallfahrtsdirektors

    Der vom Apostolischen Delegaten ernannte Wallfahrtsrektor Olivier Ribadeau Dumas (58), Priester der Erzdiözese Paris und vormals Sprecher der Französischen Bischofskonferenz, der in dieser Woche als Nachfolger des Geistlichen André Cabes sein Amt antritt, findet jedenfalls auf seinem Schreibtisch eine lange Hausaufgabenliste vor. Was tun mit den circa 25 Millionen Euro, die der Wallfahrtsort jährlich einnimmt? Finanzverwaltung und Spendenakquisition beanspruchten in Lourdes inzwischen zu viele Kräfte, ist aus den Reihen der Pilgerorganisationen zu hören.

    Aus der Führungsriege der französischen Hospitalität, die die Krankenpilgerfahrten organisiert und betreut, war zu vernehmen, man sei zwar erstaunt über einige Entscheidungen von Bischof Nicolas Brouwet (57), habe sich aber niemals beim Vatikan beschwert. Dass der Papst nach Aussage des Apostolischen Delegaten Lourdes in den nächsten zwei Jahren geistlich stärken will, damit der Ort seinen missionarischen Auftrag besser erfüllen kann und dem Ortsbischof von Tarbes Lourdes sämtliche Befugnisse für das bis dato der Diözese unterstehende Heiligtum entzog, werteten manche als Beweis für die massive Unzufriedenheit mancher Pilgerorganisationen.

    Verärgerung über erhöhte Pilgertaxe

    Medienberichten zufolge sind vor allem die Italiener – sie sind nach den Franzosen die wichtigste Sprachgruppe in Lourdes – verärgert über die Erhöhung der Pilgertaxe von einem Euro auf 3,50 Euro pro Tag. Diese Entscheidung gilt als der eigentliche Stein des Anstoßes. Mit der Abgabe unterstützen die Pilgerorganisationen die Sanierung und Unterhaltung der zu den Heiligtümern von Lourdes gehörenden Einrichtungen, insbesondere der Krankenquartiere. Sie wird jedoch lediglich von den Pilgerorganisationen entrichtet, die Kranken und Behinderten die Reise nach Lourdes ermöglichen, nicht aber von der wachsenden Zahl der Individualreisenden und Touristen – und ist daher umstritten.

    Was ist geschehen? Seit 2012 amtet in Lourdes ein dynamischer Ortsbischof aus der Johannesgemeinschaft. Nach Auffassung vieler hauptamtlicher Mitarbeiter und Pilger hat Nicolas Brouwet einen exzellenten Job gemacht. Die einseitige charismatische Ausrichtung seines ganz dem liturgischen Stil der 70er und 80er Jahre verhafteten Vorgängers wurde gelöst und die Seelsorge breiter aufgestellt. Der Gemeinschaft der Seligpreisungen stellte der Bischof junge Geistliche aus der in Frankreich sehr erfolgreich tätigen Priestergemeinschaft St. Martin zur Seite. Während der Hauptsaison wird in Lourdes zudem täglich die Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus gefeiert, ein Angebot, das junge Gläubige dankbar annehmen. Mit Einladungen zu den „Tagen der offenen Quelle“ wandte sich der Bischof, verstärkt durch den Pariser Oberhirten Michel Aupetit und dessen Generalvikar Alexis Leproux, während der Sommerferien gezielt an junge Leute. Auch medial tat sich etwas: Im Mai lief in französischen Kinos der gelungene Dokumentarfilm „Lourdes“.

    Sanierungsmaßnahmen erwiesen sich als Kraftakt

    Als Kraftakt erwiesen sich hingegen die nach den Überschwemmungen von 2012 und 2013 erforderlichen Sanierungsmaßnahmen. Die Uferpromenade, der ebenerdige Krankenkreuzweg und die Wasserzapfstellen wurden neu gestaltet. Begrünte Inseln schaffen nun Ruhepole. Der Geräuschpegel in der Grotte ist deutlich niedriger als früher. Das vielstimmige Geplauder der Pilger, die ihre Wasserflaschen und Kanister an den in den Außenbereich der Grotte verlegten Zapfsäulen mit Lourdeswasser füllen, lenkt die Beter nicht mehr ab. Auch der Umzug der Kerzenständer auf die andere Flußseite entschleunigt den Grottenbereich.

    Finanziert wurde der Umbau größtenteils über Spenden, teilweise durch Versicherungen. Ein ehemaliger Manager von Renault, Guillaume de Vulpian, sollte den finanziell angeschlagenen Wallfahrtsort konsolidieren – und ist nach Auffassung vieler über das Ziel hinausgeschossen. Beispiel Kerzenhandel: Wer im Heiligen Bezirk eine der kostspieligen Kerzen erwirbt, erlebt zu seiner Verblüffung, dass selbst baumstammstarke Exemplare nach spätestens 48 Stunden abgeräumt und entsorgt werden, um Platz für neue zu schaffen.

    Statistiken von Lourdes bedürfen der Interpretation

    Ein interpretationsbedürftiges Gesamtkunstwerk sind die Statistiken von Lourdes. Die offizielle Zahl von drei Millionen Pilgern in den Jahren 2017 und 2018 ist nach Auffassung vieler Pilgerleiter kein Indiz für einen Rückgang, da sie vor allem die Angaben der Diözesan- und Nationalwallfahrten erfasst. Zugelegt haben die Individualreisenden. Ausflüge ohne Übernachtung in Lourdes sind en vogue. 2018 stieg die Zahl der „Pilger für einen Tag“ um 9,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Wallfahrtsdirektion reagierte auf die veränderten Reisegewohnheiten. Sie eröffnete eine Pension in idyllischer Lage, die Zimmer zu familienfreundlichen Preisen anbietet.

    Auch organisierte Pilgerfahrten verzeichnen Abweichungen vom Trend. Das Pressebüro des Heiligtums von Lourdes verweist auf einen Anstieg von 15 Prozent bei der traditionellen Nationalwallfahrt der Franzosen zum 15. August. Die Zahl der jungen Pilger ist stabil – und das beweist auch ein Blick in die Krankenheime: Zahllose junge Freiwillige stemmen hier die Arbeit. Dennoch rechnet derzeit niemand damit, dass Lourdes nach einer Phase geistlicher Neuorientierung wieder dem Ortsbischof unterstellt wird. Weihbischof Hérouard zufolge möchte der Papst Lourdes den Titel eines Nationalheiligtums verleihen. Zuständig für Lourdes wäre dann die Bischofskonferenz in Paris. Die Vorstellung, ein auf Dezentralisierung sinnender Pontifex überlasse Ortskirchen in der Praxis neue Entscheidungsspielräume hegt am Fuß der Pyrenäen niemand mehr.

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