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    Paris

    Ein Kartäuser spricht über Missbrauch

    Was ist ein geistiger Missbrauch? Wie kann man ihn erkennen? Und wie reagiert die Kirche darauf? Vier Jahre lang hat Dom Dysmas de Lassus, Generalminister der Kartäuser, diese Fragen untersucht.

    Kartäuser zu geistigem Missbrauch
    Dom Dysmas, Generalminister der Kartäuser, äußert sich gegenüber "Famille chrétienne" zu geistlichem Missbrauch. Dieser ... Foto: David Ebener (dpa)

    Seit 2014 ist Dom Dysmas de Lassus Generalminister der Kartäuser und Prior der Großen Kartause. Am 5. März erscheint sein Buch „Risques et dérives de la vie religieuse - Il n’y a pas que des abus sexuels dans l’Église. Il y a aussi des abus spirituels.“ (auf Deutsch etwa „Risiken und Abwege des Ordenslebens – es gibt in der Kirche nicht nur sexuellen Missbrauch. Es gibt auch geistigen Missbrauch“).

    Geistiger Missbrauch als "tödlicher Krebs"

    Aus diesem Anlass veröffentlicht die französische katholische Wochenzeitschrift Famille Chrétienne ein ausführliches Gespräch mit dem Ordensmann. Dabei geht es nicht nur um sexuellen Missbrauch und dessen Aufarbeitung innerhalb der Kirche – Dom Dysmas hat sich die Frage gestellt, wie es auch zu geistigem Missbrauch kommen kann. Diesen bezeichnet er als „tödlichen Krebs“. Die Schweizer Bischöfe hätten den geistigen Missbrauch als „Ausnutzung eines moralischen Einflusses“ bezeichnet. Was so viel bedeute, dass jemand, der einen moralischen Einfluss ausübt (wie etwa Eltern, Lehrer, geistlicher Vater oder Oberer) anstatt diesen im Sinne des Dienstes auszuüben, ihn zur Ausnutzung eines anderen Menschen für seine eigenen Zwecke einsetzt: „In einem kirchlichen Kontext könnte man sagen, dass die Macht für die Schäfchen zu einer Macht über die Schäfchen wird. Der Hirte ist nicht mehr im Dienst der Schäfchen, sondern die Schäfchen sind im Dienst am Hirten. Letztlich besteht die Frage darin, wie dieser Einfluss ausgeübt wird und welche Grenze man ihm setzt“. Je größer er sei, desto eher könne er zum Guten oder Bösen eingesetzt werden.

    Bei seinen Überlegungen konstatiert Dom Dysmas, dass in den meisten Fällen „ein Pater Abt, der entgleist, nicht von Anfang an eine perverse Persönlichkeit ist. Es sind die Zeit, das Umfeld und dann Stolz, Ruhm und Macht“, die diese Wirkung entfalteten.

    Gehorsam "nicht einem Menschen, sondern Gott" geschuldet

    Oftmals seien sich die auf Abwege geratenen Oberen nicht bewusst, dass sie andere Menschen geistig missbrauchen. Im Allgemeinen gehe einem sexuellen Missbrauch ein geistiger Missbrauch voraus, sagt Dom Dysmas: „Ich kann Ihnen versichern, dass manche Missbrauchstäter, die ich getroffen habe, noch immer nicht das Problem verstanden haben! Unglaublich ist, dass intelligente Menschen Missbräuche mitunter rechtfertigen können und sagen: ‚Das ist ein so großes Geschenk, das uns Gott anbietet, dass dies für uns erlaubt ist.‘ Noch schlimmer: Man kann Aussagen von Opfern lesen, die davon berichten, dass der Obere meinte, Gott erlaube dies nicht nur, sondern wolle es sogar!“

    In seinem Buch sage Dom Dysmas nichts Neues oder Außergewöhnliches über den Ordensgehorsam. Aber er sei bestürzt darüber, „dass die Dinge, die allen bekannt sein sollten, es nicht sind!“ Der rechte Gehorsam sei „nicht einem Menschen, sondern Gott“ geschuldet. Er realisiere sich allerdings „vermittels eines Menschen“. Man müsse daher „den Gehorsam einem Oberen gegenüber stets als Chance sehen, Gott durch einen ganz konkreten Akt zu gehorchen. Dies ermöglicht, dem Fegen eines Klosters einen erstaunlichen Sinn zu verleihen. Aber natürlich muss die verlangte Handlung immer mein Menschsein respektieren. Ein Ordensangehöriger ist ein mit Verstand ausgestatteter Mensch und verantwortlich für seine Taten. Im Allgemeinen beginnen die Probleme dann, wenn sich der Gehorsam auf den Oberen konzentriert“.

    DT/ks

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