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    Vatikanstadt

    Der Prozess ist das Ziel

    Wie die jesuitischen Interpretierer von „Querida Amazonia“ sich abmühen, die Frage nach den „viri probati“ offenzuhalten.

    Antonio Spadaro
    Geht der synodale Prozess zu Amazonien weiter? Der Jesuit Antonio Spadaro erweckt jedenfalls den Eindruck. Foto: Romano Siciliani (KNA)

    Die Tatsache, dass Papst Franziskus im postsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“ den Schluss-Bericht der Amazonas-Synode „präsentiert“, aber nicht „approbiert“ hat, beflügelt weiterhin die Phantasie. Bei der Vorstellung des Schreibens vor gut einer Woche hatte der scheidende Generalsekretär der römischen Bischofssynode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, erklärt, das Schlussdokument, das die Priesterweihe verheirateter Ständiger Diakone vorschlägt und damit eine gewisse Brisanz enthielt, habe „eine gewisse moralische Autorität, aber es hat keine lehramtliche Autorität“. Der Papst lade ein, das Schlussdokument zu lesen, meinte Baldisseri. Er wiederhole es nicht, er wolle es nicht ersetzen und zitiere es nicht.

    „Das apostolische Schreiben ist Lehramt,
    das Schlussdokument ist kein Lehramt"
    Vatikansprecher Matteo Bruni

    Klarer hatte es Vatikansprecher Matteo Bruni formuliert: „Das apostolische Schreiben ist Lehramt, das Schlussdokument ist kein Lehramt.“ Wenn der Papst, so Bruni weiter, auch die Rolle des Abschlussdokuments der Synode anerkenne, so dass er es „offiziell präsentiert hat und uns einlädt, es zu lesen – es wird nicht zum Magisterium. Alles im Schlussdokument muss unter der Lupe des apostolischen Schreibens gelesen werden.“

    Soweit die offizielle Darstellung durch den Vatikan. Welche aber die Verfechter einer Lockerung der Zölibatsvorschrift nicht daran hindert, aus dem Punkt, den Franziskus vorläufig hinter die Debatte um die „viri probati“ gesetzt hat, doch wieder ein Semikolon zu machen. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf macht es sich ganz einfach: Die Bischöfe Amazoniens könnten Papst Franziskus nun die Weihe verheirateter ständiger Diakone zu Priestern vorschlagen, lautet sein Fazit. Durch diese lokale Rückbindung versuche der Papst, der Kritik der Konservativen in Rom auszuweichen. Die Debatte um „viri probati“ sei also „alles andere als abgeschlossen, auch in Deutschland“, vermutet Wolf. Der Text von Franziskus solle vielmehr eine „Zusammenschau“ als Grundlage einer Reflexion „für eine harmonische, schöpferische und fruchtbare Rezeption des ganzen Synodalen Weges“ sein.

    Dass auch der östereichische Amazonas-Bischof Erwin Kräutler mit „Querida Amazonia“ als Frucht der jüngsten Bischofsversammlung und der jahrelangen Arbeit des Netzwerks REPAM nicht zufrieden ist, verwundert niemanden. Kräutler findet es „ausgesprochen seltsam“, dass Franziskus in dem postsynodalen Schreiben noch nicht einmal anspiele auf den Vorschlag der Synode, in entlegenen Regionen verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Dabei hätten sich doch die Bischöfe mit deutlicher Mehrheit dafür ausgesprochen. „Allerdings kann man die Sache auch positiver sehen und darauf hinweisen, dass der Papst die Debatte nicht beendet hat“, meinte Kräutler gegenüber dem Nachrichtenportal „kath.ch“. Er sei überzeugt davon, dass die Debatte jetzt weitergeführt werde – „vor allem von Bischöfen, die wie ich für die ,viri probati‘ gestimmt haben“.

    Hummes: Querida Amazonia ist kein Schlusspunkt

    Kardinal Cláudio Hummes OFM, Vorsitzender des REPAM und Generalrelator der Amazonas-Synode, will in „Querida Amazonia“ auch keinen Schlusspunkt sehen. Er interpretiert das Schreiben von Franziskus so, dass die ganze Kirche nicht nur das postsynodale Schreiben, sondern auch das Schlussdokument der Bischofsversammlung „lesen“ und „in die Praxis umsetzen“ solle. Gegenüber „VaticanNews“ meinte der Kardinal, der Papst zitiere in „Querida Amazonia“ nicht aus dem Schlussdokument der Synode, weil er nicht wolle, dass die einen Textstellen ausgeschlossen und andere Textstellen akzeptiert worden seien. Es sei der ganze Text des Schlussdokuments, „den die Kirche umsetzen muss. Das ist völlig klar. Aber das ist Teil eines Prozesses.“ Mit der gesamten „Dokumentation“ – Hummes meint das Schlussdokument der Synode und „Querida Amazonia“ – „kehren wir zur Basis zurück, um wieder einmal mit den Leuten zu beginnen, diese Wege zu konstruieren“. Dieser Prozess habe auf der Synode einen Höhepunkt gehabt, „aber er ist mit dieser nicht abgeschlossen worden. Es ist ein Weg, den wir noch gehen müssen, so wie es die Kirche in der Geschichte immer gemacht hat.“

    Sehr sybellinisch wird es, wenn Jesuiten den Jesuiten-Papst und dessen Absichten mit „Querida Amazonia“ interpretieren. Schon bei der Präsentation des postsynodalen Schreibens hatte der in der Kongregation für die integrale Entwicklung des Menschen für Migranten zuständige Kardinal Michael Czerny SJ nicht von einem Endpunkt, sondern von einem offenen Prozess gesprochen: „Ich glaube, man versteht die Synode am besten, wenn man alles in der Optik eines Prozesses sieht, einer Reise. Deswegen heißt es ja auch ,Synode‘... Wir sind an einem entscheidenden Punkt angelangt, aber es sind noch so viele Kilometer zurückzulegen.“ Die Fragen seien in Evolution, sagte Czerny vor den Journalisten, „sie sind weiterhin Gegenstand von Debatten und Unterscheidungen und wir gelangen zu Entscheidungen, die auf der Ebene der Diözesen und Bischofskonferenzen zu fällen sind“.

    Spadaro: Synodaler Prozess zu Amazonien geht weiter

    Die Frage der Priesterweihe verheirateter Männer, hatte Czerny zuvor schon im Gespräch mit „VaticanNews“ gesagt, könne in der Kirche diskutiert werden. Diese Debatte laufe bereits seit Jahrhunderten und die Synode habe sie offen angegangen, „nicht in isolierter Form, aber innerhalb des Rahmens des eucharistischen Lebens und der Dienste der Kirche. Der Papst bekräftigt in der Exhortation, dass das Thema kein numerisches ist und dass es nicht ausreichen würde, eine stärkere Präsenz der Priester zu fördern.“

    Was das für die Frage der „viri probati” konkret bedeutet, muss vorerst offen bleiben. Auch Antonio Spadaro SJ, einflussreicher Vertrauter von Papst Franziskus, braucht in der von ihm geleiteten Zeitschrift „Civiltà Cattolica“ einen nicht enden wollenden Kommentar, um den Eindruck zu erwecken, dass der synodale Prozess zu Amazonien weitergeht. „Mit dem Schlussdokument hat man die an Unterscheidungen reiche synodale Debatte zusammengefasst. Jetzt begleitet und leitet das nachsynodale Schreiben die Rezeption der Schlussfolgerungen der Synode, damit diese nicht nur die Kirche in Amazonien, sondern die ganze universale Kirche bereichern, herausfordern und inspirieren.“

    Früher hieß es: „Roma locuta causa finita”. Wenn man heute die jesuitischen Interpretierer von Papst Franziskus hört und liest, könnte man meinen, dass alle offenen Fragen im Pontifikat eines Jesuiten auch immer weiter offen bleiben sollen. Der Prozess an sich ist für sie offensichtlich das Ziel.

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