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    Würzburg

    Der Kelch zum Leben

    Durch die Corona-Pandemie wird auch die Kelchkommunion in Frage gestellt.

    Kommunion in Coronaz-Zeiten
    In den byzanthinischen Liturgien des christlichen Ostens wird den Gläubigen die Kommunion in beiderlei Gestalt mit einem... Foto: KNA

    Am Gründonnerstag beginnt mit der „Messe vom Letzten Abendmahl“ das sogenannte Sacrum Triduum Paschale. Mit dieser Eucharistiefeier, deren Zelebration normalerweise nach ältester Überlieferung der Kirche ohne Teilnahme der Gemeinde untersagt wäre (wegen der Corona-Pandemie wurde dieses Jahr davon ausnahmsweise dispensiert), wird auch das Gedächtnis von der Einsetzung des Priestertums und besonders der Eucharistie begangen. In den Eucharistischen Hochgebeten I–III gibt es daher bei der Einleitung zu den Einsetzungsworten den besonderen Einschub „das ist heute“. Für diese Messfeier ist die Kelchkommunion in liturgischen Rubriken ausdrücklich vorgesehen (vgl. Zeremoniale für die Bischöfe, Nr. 298). In vielen Gemeinden, besonders im angelsächsischen Raum, würde daher an diesem Tag den Gläubigen die heilige Kommunion unter beiderlei Gestalten gereicht werden, was unter den gegebenen Umständen in diesem Jahr überhaupt nicht möglich ist.

    An Gründonnerstag ist die Kelchkommunion verbreitet

    In den biblischen Einsetzungsberichten ist eindeutig vom Trinken aus dem einen Becher die Rede (vgl. Matthäus 26,27; Markus 14,23). Mit dem Trinken aus dem einen Becher und mit dem Vorstellungskreis des Blutes verbindet sich außerdem der Bundesgedanke, wobei auch das Opfermotiv durch das für „euch/viele vergossene Blut“ ausgedrückt wird. Die Kelchkommunion gehört darum zur vollen auftragsgemäßen Gestalt der Eucharistie und muss vom Zelebranten auf jeden Fall vollzogen werden.

    Aus Sorge, dass beim Trinken aus dem Kelch etwas vom Kelchinhalt verschüttet werden könnte, kam in Rom ab dem 8. Jahrhundert der Brauch auf, nicht mehr direkt aus dem Kelch zu trinken, sondern mit Hilfe eines (silbernen) Röhrchens. Diese Fistula wurde mit dem allmählichen Verschwinden der Laienkelchkommunion im Mittelalter bis zur Liturgiereform 1969/70 nur noch bei der Papstmesse für den Papst und den assistierenden Kardinaldiakon gebraucht und fand zunächst noch Eingang in das nachkonziliare Messbuch. In der dritten Auflage des Messbuches von 2002 ist für die Gläubigen diese Form wie auch die mit einem Löffel nicht mehr vorgesehen, sondern nur noch für die Zelebranten kurz erwähnt.

    In vielen Ostkirchen wird das eucharistische Brot in den konsekrierten Wein getaucht und den Gläubigen gereicht (Intinktion). In den Kirchen des byzantinischen Ritenkreises wird zur Ausspendung ein Kommunionlöffel benutzt. Diese Intinktion wurde im Römischen Ritus zumeist abgelehnt, man hat dann im 12./13. Jahrhundert in einem langsamen Prozess auf die Kelchkommunion verzichtet und sich seither mit der Kommunion unter einer Gestalt begnügt.

    Das 2. Vatikanum brachte den Laienkelch zurück

    Die Motive für das allmähliche Verschwinden der Kelchkommunion für die Gläubigen sind vielfältig: gesteigerte theologische Reflexion der substanziellen Realpräsenz mit der Sorge um die Gefahr der Verschüttung, die Konzentration der Verehrung auf die Brotgestalt im Sinne einer „Schaufrömmigkeit“ als sehr intensive Form eucharistischer Frömmigkeit im Hochmittelalter und die sich ausbildende „Konkomitanzlehre“ (Christus ist in jeder der beiden Gestalten von Brot und Wein ganz gegenwärtig). Zu einem formellen Kelchverzicht kam es jedoch erst 1415 auf dem Konzil zu Konstanz (1414–1418) als Reaktion auf den von Jan Hus geforderten Laienkelch. Durch die Einführung des Laienkelchs in der Reformation wurde in der Katholischen Kirche die Ablehnung der Kelchkommunion noch verstärkt.

    Mit dem II. Vatikanischen Konzils kam es zu einer zunächst recht vorsichtigen Wiedereinführung der Kelchkommunion (vgl. Liturgiekonstitution, Art. 55). Die genannten wenigen Möglichkeiten wurden am 7.3.1965 in den „Riten der Konzelebration und der Kommunion unter beiden Gestalten“ auf elf und am 25.5.1967 in der Instruktion „Eucharisticum mysterium“ auf 13 erweitert. Die Instruktion „Sacramentali communione“ der Gottesdienstkongregation vom 29.6.1970 übertrug schließlich den Bischofskonferenzen die Entscheidung, inwieweit die einzelnen Bischöfe die Kommunion unter beiden Gestalten auch in anderen Fällen erlauben können. In Wahrnehmung dieser Möglichkeit beschloss zum Beispiel die Deutsche Bischofskonferenz im März 1971, dass über die in der Allgemeinen Einführung in das Messbuch genannten 14 Fälle hinaus die einzelnen Diözesanbischöfe die Kelchkommunion bei „Messfeiern kleiner Gemeinschaften“ und bei „Messfeiern an hervorgehobenen Festtagen, wenn die Zahl der Teilnehmer nicht zu groß ist“, gestatten können. Generell kann der zelebrierende Priester die Kelchkommunion auch dann spenden, wenn ihm dies als „angebracht erscheint“.

    Für die Art und Weise der Kelchkommunion kennt die 3. Auflage des Römischen Messbuches nur noch zwei Möglichkeiten für die Gläubigen: das Trinken aus dem Kelch, wobei der Spender oder die Spenderin den Kelch reicht und anschließend den Kelchrand mit einem Kelchtuch abwischt, oder die sicherlich weniger zeichenhafte Intinktion, wobei die KommunikantInnen das Sakrament mit dem Mund empfangen (vgl. die Instruktion „Redemptionis sacramentum“ der Gottesdienstkongregation vom 25.3.2004). Den Gläubigen ist es weder gestattet, den Kelch selbst zu nehmen oder ihn weiterzureichen, noch die Hostie selbst in den Kelch einzutauchen oder die eingetauchte Hostie mit der Hand zu empfangen.

    Ein wichtiges Symbol der Gemeinschaft

    Wenn nach den gegenwärtigen Ausgangsbeschränkungen und den damit verbundenen öffentlichen Versammlungs- und Gottesdienstverboten das liturgische Leben wieder schrittweise zur Normalität zurückkehrt, wird im Bereich der öffentlichen Gottesdienstfeiern sicher weiterhin ein gewisses Mindestmaß an hygienischen Bestimmungen einzuhalten sein – ohne dabei jedoch in übertriebene Vorsicht zu verfallen –, denn je nach Jahreszeit und anderen Umständen können bestimmte Krankheiten übertragen werden (zum Beispiel die reguläre Grippe, grippale Infekte, Masern oder Windpocken).

    Das Trinken aus einem Kelch ist zweifellos ein wichtiges Symbol der Gemeinschaft, aber solange die Krise anhält, wird man darauf auf jeden Fall verzichten müssen. Denn vor dem Hintergrund der stark infektiösen Corona-Viren bietet weder die Vergoldung des Kelches noch der relativ geringe Alkoholanteil des Messweines Schutz vor widerstandsfähigen Viren (Herpes, Hepatitis-C, SARS-CoV-2 u.a.). Auch das Abwischen des Kelchrandes mit einem mit 70-prozentigen Alkohol befeuchteten Tüchleins wäre wohl nicht ausreichend.

    Die mancherorts in protestantischen Kirchengemeinden seit langem benutzten kleinen „Sonderkelche“ oder gar Einwegplastikbecher sind jedoch äußerst fragwürdig. Zu hygienischen Bedenken wegen des gemeinsamen Trinkens aus einem Kelch gibt es zwar einige Untersuchungen, die jedoch teils recht veraltet, teils unzureichend sind.

    Wandlung verhindert keine Ansteckung

    Die von katholischer, aber auch von orthodoxer Seite teilweise vorgebrachten Beschwichtigungen, dass von der Kommunion kein Unheil oder keine Ansteckung zu erwarten sei, sind zumindest höchst missverständlich, weil sie den Glauben an die eucharistische Wesensverwandlung (Transsubstantiation) verkennen. Denn die Gestalten oder Akzidenzien (die äußeren Erscheinungsformen wie Form, Gewicht, Farbe, Geschmack), aber auch die chemische Zusammensetzung (wie Alkoholkonzentration) mit den völlig gleichen Wirkungen bleiben nach der Konsekration erhalten.

    Hans-Jürgen Feulner ist Universitätsprofessor für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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